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19I Türkiskönigsblaugrasgrüne…Vision

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19I Türkiskönigsblaugrasgrüne…Vision

Guten Tag zusammen, das nächste Kapitel ist da - entschuldigt, dass es wieder gedauert hat!

Simons Versuch zu entspannen, klappt nicht so richtig, aber das ist ja oft so, dass man das, was man vorhat, nur schwer umsetzen kann ;).

Ich freu' ich auf eure Gedanken und Kommentare und wünsche euch einen schönen frühherbstlichen Abend!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

19 I Türkis königsblau grasgrüne … Vision

Sebastian und seine Mitbewohner zelebrieren ihr abendliches Outdoor-Essen, das ist niedlich, aber auch irgendwie anstrengend – für mich. Auf dem Grill liegen Kartoffeln und riesige flache Buletten oder „Fleischpflanzerl“, wie Louis sie nennt. Die Dinger machen mich nicht besonders an, egal wie man sie nennt, ich mag kein Hackfleisch.  Die Riesenklopse betrachtend, sehne ich mich eindeutig nach Birgers fortgeschrittenen Kochkünsten. Aber jetzt daran und v.a. an ihn zu denken, ist kontraproduktiv, beschließe ich und wende mich meinen Gastgebern zu.

Die Jungs sind…nett und wuselig – und ich war nie der WG-Mensch. Mein Bruder ist zwar ein gelassener Zeitgenosse, aber die beiden anderen haben heute Abend definitiv was Hyperaktives an sich. Gerade reden sie schon wieder von irgendeinem Spiel, das sie nach dem Essen unbedingt weiterspielen müssen. Ich hoffe, Sebastian ist nicht sauer, wenn ich mich da erneut rausziehe. Ich bin nur fünf Jahre älter als er, komme mir aber gerade vor, als entstammte ich einer anderen Generation.

Ich halte mich an die Kartoffeln, überlasse den anderen die Buletten und betrachte dabei die Dynamik zwischen den Dreien – sie ist interessant : Obwohl Sebastian und Moritz kein Paar mehr sind, sucht Moritz Sebastians Nähe, was mir gestern so nicht aufgefallen ist. Heute berührt er ihn ständig, klaut Oliven von seinem Teller und das Stück Bulette, das Sebastian nicht mehr schafft. Gerade, als ich beginne, mich intensivst zu wundern, wie Moritz‘ Verhalten auf seinen Lover Louis wirken mag, merke ich, dass der m ich genauso intensiv betrachtet wie ich seinen Freund und meinen Bruder. Louis wirkt – zumindest äußerlich – nicht angenervt, aber richtig kann ich seinen Blick nicht deuten und deshalb lächle ich ihn zur Vorsicht einfach an. Er lächelt zurück und ich bilde mir ein, dass sein Lächeln seine Augen auch erreicht. Schade, dass ich keine Gedanken lesen kann. Sebastian scheint entweder Moritz‘ Verhalten nicht aufzufallen oder er ignoriert es bewusst. Danach fragen werde ich ihn nicht, was er erzählen will, erzählt er und was nicht – darüber will er nicht befragt werden. Das mussten wir alle akzeptieren lernen. Macht Sebastian zu, dann geht nichts mehr.  Jedenfalls bin ich mir sicher, das Ende der Beziehung zwischen Moritz und meinem Brüderchen ging von letzterem aus und deshalb hat er auch keine Probleme mit Louis – aber der vielleicht mit ihm? Ziemlich brisante Voraussetzungen für eine WG. Man geht ja zwangsläufig von sich aus, wenn man etwas beurteilt, und ich wollte so ein Arrangement definitiv nicht haben.

Als die Drei später zum „Spielen“ reingehen, bin ich erleichtert und bleibe zufrieden allein zurück in meinem Strandkorb. Die Luft ist abendmild, die Geräusche um mich herum gedämpft, es scheint weniger los zu sein als gestern Abend. Die musikalische Untermalung aus dem Obergeschoss fehlt heute auch. Aber das bedaure ich. Zwar verrät das Licht in der Wohnung, dass der Vermieter zu Hause ist, aber Bob Seger bekomme ich heute offensichtlich nicht zu hören. Wirklich schade. War schön gestern. Morgen werde ich Sebastian über den Mann ausfragen. Er höre Bob Seger andauernd, hat Sebastian gestern gesagt und ich frage mich unwillkürlich, welche Stimmung dieser Wahl zugrunde liegt. Vielleicht gefällt dem Vermieter einfach nur die Stimme Segers, vielleicht hört er aber auch was in den Texten, das ihn angeht. Ich kann Texte nie ausblenden, wenn ich Musik höre, das ist manchmal nervig, weil ich dadurch in den Song reingezogen werde und über den Inhalt nachdenken muss. Wenn ich entspannen will, hör ich deshalb nur Instrumentales. Mit der Entspannung klappt es noch nicht richtig, mein Magen meldet sich wieder und ich versuche ihn zu beruhigen, indem ich ihn sanft massiere. Das blöde Ding in meiner Körpermitte gibt heute einfach keine Ruhe – trotz des schönen Tages mit Sebastian am See. Tief ein- und ausatmend, wird mir nur langsam wohler.

Gott, ich mag solche Abende im Freien so sehr, wenn der Körper sich allmählich auf den Ruhemodus einstellt und dem Gehirn signalisiert, es solle endlich die Klappe halten. Meines versucht zu gehorchen und sich schlicht den Tönen der Nacht anzuvertrauen, auf dass es zur Ruhe komme, aber das wird nicht gelingen, denn plötzlich dringt aus dem Obergeschoss doch wieder Musik. Heute ist es Diana Krall – deren gemäßigte Jazzinterpretationen ich auch sehr mag.

„I f I take you home tonight I will think of songs to sing to you Music filled with joy and light If I take you home tonight

If I tell you how I feel Would you be afraid and run away I would say my love is real If you let me take you home tonight

Oh my love let me treat you right Let me take you home tonight Oh my love let me treat you right Let me take you home tonight

If you let me take your hand There are places I could bring you to In some unimagined land If you let me take your hand

[…] “*

WOW –Ich bin sicher, dass man mit dem Song einige Leute ins Bett kriegen könnte, löst er doch ein emotional sehr aufgeladenes  Kopfkino aus – wenigstens bei mir. Diesbezüglich war ich schon immer empfänglich und hatte eine sehr lebendige Imagination. Und so sehe ich wie sich Dopamin und Oxytocin praktisch kübelweise in alle dafür empfänglichen Regionen meines Gehirns ergießen und visuelle, olfaktorische und v.a. haptische Erinnerungsfluten hervorbeschwören.

Wir hatten noch nichts miteinander, als mein Kurs nach dem letzten Physiologie-Tutorat, das Birger leitete, alle zusammen in eine Kneipe , in der meist Retromusik lief, ging. Obwohl er ja nur wenige Semester vor uns war, hatten wir alle dennoch ein bisschen Ehrfurcht vor ihm, er erklärte gut und war geduldig, selbstsicher, aber benahm sich nicht, als wisse er alles. Seines war eindeutig das beste Tutorat. Der Abend wurde richtig gut – für mich am besten war eine Szene, die mich heute noch zum Grinsen bringt: Wir hatten alle schon ein bisschen was intus, und ich betrachtete Birger immer ungenierter. Deshalb sah ich auch, wie die Hand einer Kommilitonin plötzlich auf Birgers Oberschenkel landete. Seinen Blick werde ich nie vergessen. Seine großen Augen wurden noch größer, während er einige Sekunden vor sich auf den Tisch starrte, um seinen Blick dann direkt auf das Mädchen zu richten und sie freundlich, aber ernst anzusehen, ohne was zu sagen. Sie lächelte ihn – ich würde mal sagen – verführerisch an, aber als er sie einfach nur weiter ansah, ohne mit einer Wimper zu zucken, wurde sie sichtlich unsicher und zog ihre Hand schließlich zurück, was er mit einem unmerklichen Nicken quittierte. Es dauerte keine zehn Minuten, bis sich die Arme verabschiedete, weil sie müde sei – und ich ihren Platz neben Birger einnahm. Als wir uns später einmal über den Vorfall unterhielten, nannte Birger sie  „Grete“, da sie sich ordentlich im falschen  Wald verirrt habe und der Name blieb ihr, ihren richtigen erinnere ich jedenfalls nicht mehr. Ob sie je erfahren hat, dass Birger schwul ist, weiß ich nicht, dass er und ich ab dem Abend meist zusammenhingen, das wird sie allerdings mitgekriegt haben. Ab da wusste ich , dass Birger in meiner Mannschaft spielte . Wir waren im Jahr 2004 angekommen und schwul zu sein, war kein Stigma mehr, dennoch fühlte es sich unheimlich gut an, von einem, den man toll fand, zu erfahren, dass er genauso orientiert war wie man selbst. Die Gruppe lichtete sich zunehmend und am Ende waren wir nur noch zu viert. Und dann ließen sie Rio Reiser laufen, was an sich nichts Weltbewegendes gewesen wäre, hätte Birger neben mir nicht begonnen, bei „ Junimond “ mitzusingen, ich meinen Blick nicht mehr von ihm abwenden konnte und Angst hatte, dass der Abend viel zu schnell vorbei sein würde.

„Komm‘ mit zu mir!“ – Zuerst war ich nicht sicher, ob ich mich verhört hatte, weil er so leise sprach, aber dann landete seine Hand auf meinem Oberschenkel und ich hatte definitiv nichts dagegen. Ich nickte – zu etwas anderem war ich gar nicht in der Lage.

„Es muss gar nicht viel passieren, aber ich möchte dich heute gerne bei mir haben“, sagte er, als wir uns auf den Weg zu seiner Wohnung machten. Dabei hielt er meine Hand ganz fest in seiner und ich fühlte mich wie ein Junge, aber wie ein gut beschützter.

Birger war der erste Mann, mit dem ich analen Sex hatte, und er ist bis jetzt der einzige geblieben. Für das berühmte, mystifizierte „erste Mal“  kann ich mir immer noch keinen Besseren als ihn vorstellen. Er verhielt sich einfach perfekt – für mich, spürte meine Unerfahrenheit, die ich in gewisser Hinsicht noch hatte, redete zunächst über das Studium, fragte mich nach meinem Hintergrund, erzählte auch von sich und nahm mich erst in den Arm, als ich sichtlich entspannt war. Dann hielt er mich einfach, streichelte meinen Rücken, fragte mich, ob er mich küssen dürfe, tat das dann zärtlich, langsam, intensiv und flüsterte mir immer wieder Dinge ins Ohr, die ich gierig aufsog: dass er mich schon eine ganze Weile im Auge und sich gewünscht habe, dass ich mit in die Kneipe gehe. Ich sei so hübsch – mit meinen blauen Augen, den etwas wirren Haaren und den Sommersprossen auf meiner Nase. „Du bist dir deiner Wirkung nicht bewusst, das gefällt mir besonders“.  Damit hatte er schon Recht, ich habe keine Komplexe, hatte ich nie, aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich in Begeisterungsstürme ausbrach, sobald ich in den Spiegel sah. Ich habe und hatte nie Urs‘ blendendes  Aussehen und auch nicht Birgers Anziehungskraft – die zwar aus anderen Quellen gespeist wird als Urs‘ Attraktivität, aber nicht weniger wirkungsvoll ist – ich fand und finde mich  in Ordnung. Punkt. Seine Komplimente zu hören, war aber natürlich unheimlich geil.

Er ließ sich und mir viel Zeit, bereitete mich ausgiebigst vor, flüsterte mir immer wieder zu, wie sehr ich ihm gefiele, was für einen anziehenden Körper ich hätte und wie scharf er auf mich sei.  Als er schließlich in mich eindrang,  - eigentlich passt das Verb nicht, er arbeitete sich eher vorsichtig, immer wieder innehaltend, in mich hinein - fühlte sich das so natürlich und richtig wie nur möglich an. Das Gefühl der Verbundenheit mit einen anderen Menschen wollte ich anschließend immer wieder haben und als er nach verboten kurzer Zeit fragte, ob wir zusammenziehen wollten, hab‘  ich keine Sekunde gezögert.

Unsere Eltern haben Sebastian und mich sehr feinfühlig und ermutigend erzogen und außer der Tatsache, dass mich ihre verbale Überlegenheit oft in den Rückzug zwang, wofür sie nicht wirklich was können, denn Sebastian geht ja ganz anders damit um als ich, wüsste ich nichts, was ich anders machen würde. Aber dass ich eine richtige Verbindung zu meinem Körper entwickelt habe, das habe ich Birger zu verdanken. Vielleicht habe ich deshalb nie jemand anderen gebraucht.

Mit viel Mühe hole ich mich aus der Reise in die Vergangenheit zurück und versuche, die aufkommende Wehmut abzuschütteln. Gott, wie beneidenswert  jung und verliebt wir waren! Und wie ernüchtert und verwundet wir heute sind – fünfzehn Jahre später.

Ich bin hierher geflüchtet, um Abstand zu gewinnen und muss wieder einmal eingestehen, dass das alles andere als einfach ist. Was nützen die paar hundert Kilometer, wenn da so viel ist, was mich an Birger bindet?

Oben wird es plötzlich still und ich schließe die Augen und versuche, mir den ominösen Vermieter vorzustellen. Er kann nicht mehr allzu jung sein und dennoch stelle ich ihn mir jünger als mich vor – dunkelhaarig und ein bisschen stämmig. Aber ich bekomm kein Bild hin, das wirklich zu passen scheint. Vielleicht sollte ich morgen, wenn die drei Jungs arbeiten sind, einfach mal bei ihm läuten und mich vorstellen. Denn der Typ macht mich von Tag zu Tag neugieriger.

Für meine Verhältnisse schlaf ich wieder ziemlich lange und bin nicht unglücklich,  dass die drei schon aus dem Haus zu ihrer Arbeit sind, denn auf Moritz und Louis bin ich heute Morgen so gar nicht scharf. Sebastian hat mir jedoch einen Zettel hingelegt, der meine Stimmung sofort aufhellt: „Bis heute Abend, Großer“ – mein rührender kleiner Bruder!

Ich schnappe mir den Münchner Merkur und die Süddeutsche, schlurfe mit einem Glas Milch und einem Marmeladenbrötchen bewaffnet auf die Terrasse hinaus und vertiefe mich in das lokale wie das weltweite Tagesgeschehen. Es gefällt mir, dass die Drei Printmedien abonniert haben – schön altmodisch.  Auf Seite 5 der Süddeutschen angekommen, fällt unerwartet ein Schatten auf die Seiten. Ich hab nicht realisiert, dass sich jemand nähert, kann mir aber denken, wer es ist. Also schau ich auf und muss  erst einmal schlucken, bevor ich den Mund aufmachen kann. Ok, er ist nicht dunkelhaarig, nicht stämmig und sein Alter ist schwer einzuschätzen. Ich schlucke nochmals und schaue ihn an, denn es gibt viel zu sehen, v.a. viel Farbe! Vor mir steht sozusagen eine türkiskönigsblaugrasgrüne Vision – die lächelt und redet! Mich anredet:

„Guten Morgen! Sie sind der Bruder – nehm ich an? Sebastians Bruder – mein ich? Der Kollege - …“

Er ist mir also zuvorgekommen – ob er auf mich auch neugierig war? So neugierig wie ich auf ihn? Den farbenfroh – schillernden Kerl weiter in mich aufnehmend, kann ich ein Grinsen nicht unterdrücken – was haben die Drei sich da für einen Vermieter angelacht?

Ihm endlich meine Hand entgegenstreckend, beantworte ich seinen Gruß: „Guten Morgen! Ja, ich bin Simon, Sebastians Bruder. Freut mich…“.

„Mich auch“, und er grinst so breit, dass seine Mundwinkel fast die Ohren berühren.

„… Andermann…“, entgegnet er und hört nicht auf zu schmunzeln

*Diana Krall:

https://www.youtube.com/watch?v=0oJ5SyIj5BY