2I Urs
2I Urs
Guten Morgen zusammen!
In diesem Kapitel lernt ihr Urs, Simons besten Freund, kennen und Birger kommt auch vor.
Viele Spaß beim Lesen - ich freue mich über eure Mitteilungen!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
2 I Urs
Urs ist nicht mehr in seiner Werkstatt, sondern sitzt hinter seinem Haus auf seiner Bank, vor sich auf dem Gartentisch stehen eine Flasche Blauer Spätburgunder, ein Holzbrett mit fein geschnittenen Salami- und gehobelten Käsescheiben, Gurkenstückchen, Tomatenvierteln und drei dicken Scheiben Bauernbrot. Neben sich, das Hinterteil auf seinem blauen Kissen, die Schnauze auf Urs‘ Oberschenkel ruhend: Veit, Urs‘ Rauhaardackelmischling.
Wäre ich Autor, würde ich etwas über die beiden schreiben, in Richtung: Urs und Veit – eine ganz besondere Liebe – oder so.
Ja, mein Freund Urs und sein Hund Veit lieben sich. Und sie sind die beiden Zeitgenossen, ohne die ich momentan noch frustrierter wäre als ohnehin schon. Es sieht nicht so aus, als ob ich die zwei heute Abend von ihrer Bank wegkriegen und in Urs‘ Lieblingskneipe locken könnte, also setze ich mich unaufgefordert auf die andere, nicht besetzte Seite der Bank, strecke meine Beine aus und atme schon befreiter durch... Der See und Urs und auch Veit – meine individuelle Selbstmedikation gegen den Tunnel in mir, der sich progressiv zu verengen scheint, sich aber weitet, sobald ich meinen besten Freund in der Nähe habe. Ich schlucke bei dem Gedanken, denn ich weiß, dass ich ihn im Stich gelassen habe, als er mich gebraucht hätte.
Urs lächelt mich wortlos an - ich muss mich bei ihm nicht ankündigen, wenn er mal nicht da sein sollte, geh' ich eben wieder - , steht auf und kommt nach wenigen Minuten mit einem zweiten Weinglas zurück, stellt es kommentarlos vor mich hin und schiebt den Salami-Käse -Gemüseteller zwischen uns. Er deutet auf das Brot, schiebt sich dann aber eine Salamischeibe ohne Brot in den Mund.
Das ist Schöne an unserer Freundschaft: Unser Beieinandersein - ohne Worte - und seine Großzügigkeit, wenn es um meine Schwächen geht, ist ein unerdientes Geschenk.
Wir kennen uns seit dem Kindergarten und sind beste Freunde seit dem Augenblick, in dem er Johannes Deuters aus der blauen Gruppe, der immer in unsere gelbe Gruppe zum Wildern kam, schubste, weil der mir den Laster, mit dem ich gerade spielte, aus den Händen gerissen hatte und ich so perplex war, dass ich nicht mal heulen konnte. Unsere schulischen Wege trennten sich zwar nach der mittleren Reife, mit der Urs die Schule verließ und eine Lehre begann, aber abends hingen wir weiterhin zusammen ab – meist am See unten. Seinen Gesellenbrief und mein Abi feierten wir mit einer Fahrt nach Amsterdam.
Mit vierzehn probierten wir uns sexuell miteinander aus und uns beiden wurde dadurch klar, dass wir beide auf Jungs standen, aber nicht aufeinander. Mit 15 verliebte sich Urs in Titus, einen Jungen aus unserem Karate-Verein und ich war zwei Tage lang am Boden zerstört, bis mir klar wurde, an unserer Freundschaft würde sich nichts ändern. Im Gegenteil, Urs Erfahrungen mit Titus erweiterten auch meinen Horizont. Armer Titus.
Unsere Freundschaft ist und bleibt mein Lebensschatz, dessen Bedeutung ich als Erwachsener erst in seiner ganzen Tiefe erkennen und schätzen lernte.
Es gab schwierige Jahre, ja, als Urs in der Schweiz lebte und reiche alte Knacker beglückte und ich ratlos war, hilflos und wütend und heulte, weil er seinen wunderschönen Körper irgendwelchen Fatzkes feilbot und sich weigerte, mit mir darüber zu reden. Ich verstand nicht einmal ansatzweise, warum er das tat, und hatte wahnsinnig Angst um ihn. Seine Weigerung, mir Erklärungen anzubieten, hält er bis heute durch. Auch wenn es mir noch immer schwerfällt, muss ich es akzeptieren, klar, wenn er nicht mit mir darüber reden will, kann ich es auf faire Art nicht ändern. Und auf unfaire wahrscheinlich auch nicht, denn auf Druck - v.a. moralischer Art – reagiert Urs mit Totalverweigerung und macht dicht.
Als er aufhörte, sich zu prostituieren, war ich unendlich erleichtert, weil diese „Escort-Phase“ unsere Freundschaft bis an die Grenzen des Belastbaren strapazierte. Dass ich zum Studium nach Dresden gegangen war, war auch nicht förderlich – zumal ich eine gute Uni praktisch vor unserer Haustüre hatte und obwohl er nichts sagte, weiß ich, dass Urs sich von mir verraten fühlte, als ich mich in Dresden einschrieb. Ich liebe Urs und den See, aber nach dem Abi wollte ich weg, Großstadtluft atmen, der Behaglichkeit und Selbstzufriedenheit am See entfliehen. Dass unsere Freundschaft dadurch Schaden leiden könnte, verdrängte ich damals.
Ich habe die Jahre in Dresden und später in Wien jedoch nie bereut. Im Gegenteil, die 12 Jahre „Exil“ brauchte ich, um zurückkehren und die landschaftliche Schönheit und urbane Beschaulichkeit um mich herum wieder in vollen Zügen genießen zu können. Heute kann ich mir nicht vorstellen, wieder fortzuziehen. Und dass wir uns trotz „meines Verrats“ nicht verloren haben, festigte das Band zwischen uns.
Urs und ich hielten regelmäßigen Kontakt, während ich studierte und meinen Facharzt machte. Ich fuhr regelmäßig nach Hause und er versuchte dann immer, für mich Zeit zu haben, aber leicht war die Phase für uns beide nicht. Wir hatten von klein auf eine gemeinsame, unausgesprochene Ebene, die selten ist und in einer Weise verbindet, die man hüten muss wie ein Juwel. Deshalb tat es weh, dass er für eine lange Zeit zwischen sich und mir eine Mauer des Schweigens oder besser gesagt des „Auslassens und Aussparens“ errichtete. Wobei mir heute klar ist, dass ich das Fundament für die Mauer selbst gelegt hatte.
Irgendwann tauchte er bei mir in Wien auf, sprachlos, weil sein „Hauptförderer“, ein damals fünfundvierzigjähriger alleinstehender Schweizer Hotelier, das Haus am See, in dem er heute wohnt, kaufen und - ohne angeblich eine Gegenleistung zu verlangen - ihm schenken wollte. Das war das einzige Mal, dass Urs sich zu seinem „Job“ mit mehr als ein paar gegrunzten Abwehrlauten äußerte. Das Gespräch vermasselte ich allerdings, weil ich dem „Gönner“ absprach, ohne Hintergedanken zu handeln. Da habe ich mich wohl geirrt, Urs hat heute noch Kontakt zu ihm. Freundschaftlicher Art, sagt er, mehr sei da nicht mehr.
Seit Urs in das Haus zog, seine Meisterprüfung machte und auf dem großen Grundstück hinter dem Haus eine Werkstatt baute, umgibt ihn eine sicht- und fühlbare Aura der Ruhe und Zufriedenheit. Urs, sein Dackel Veit und die besonderen Hölzer in seiner Werkstatt bilden eine beneidenswerte, sich selbst genügende Dreieinigkeit. Dass ich daran teilhaben darf, ist ein Riesenglück.
„Hast du etwa schon gegessen?“, fragt er mich skeptisch.
„Nein“.
Da schnaubt er missbilligend, belegt eine Scheibe Brot zur Hälfte mit Salami, die andere mit Käse – Manchego, sagt er, sei’s -, schneidet die Scheibe in mundgerechte Trapeze und schiebt sie an den Rand seines Holzbrettes: „Bedien‘ dich!“
Urs ist Kunstschreiner und Restaurator und riecht nach Holz und Zitrusölen– traumhaft. Ich kann mir keinen Beruf vorstellen, der besser zu ihm passen würde. Er liebt, was er tut, und das spüren und schätzen seine Kunden, die nicht nur aus der Gegend, sondern auch aus der Schweiz und Frankeich kommen. Mittlerweile arbeiten zwei Gesellen und ein Lehrling mit ihm und einer der Gesellen hat definitiv ein Auge auf ihn geworfen, aber Urs beißt nicht an.
„Sex ist das letzte, was mich interessiert“, sagte er, als ich ihn darauf ansprach. Es war komisch, das zu hören, denn Urs ist der attraktivste, ja schönste Mann, den ich persönlich kenne. Immer noch, auch wenn er verlebter aussieht als für seine achtunddreißig Jahre angemessen. Liegt nicht nur an seiner „Callboy-Zeit“, sondern daran, dass er jahrelang zu viel gesoffen, zu viel geraucht und zu wenig geschlafen hat. Seine vollen blonden Haare sind nicht mehr schulterlang und auch nicht mehr hellblond, sondern honigfarben und kurz geschnitten, und unter seinen durchdringenden blauen Augen haben sich Schatten eingenistet, die ihn älter aussehen lassen. Gleichzeitig verleihen sie ihm etwas, was ihn „normaler“, nahbarer wirken lässt, denn früher war er fast zu schön. Er war so einer, den man angafft, mit offenem Mund und in Sekundenschnelle hartwerdendem Schwanz, aber nicht von sich aus anspricht, weil man ohnehin keine Chance zu haben glaubt. Urs ist groß und kräftig, man sieht ihm körperliche Arbeit und sportliches Training an. Und wenn er lächelt, kriegte er von 100 Männern 99 rum, wenn er wollte. Als wir jünger waren, hätte ich wer weiß was darum gegeben, nur halb so viel Wirkung wie Urs zu haben. Er sah mit 16 wie ein Teenie-Star aus, während ich mit Pickeln kämpfte. Während ich in einer Werbung für ein Produkt gegen unreine Haut mitspielen, hätte er Jung-Siegfried darstellen können. Als ich ihn mal fragte, ob sein selbst gewähltes Asketentum mit seiner Callboyzeit oder seiner Attraktivität zusammenhänge, schnaubte er allerdings nur verächtlich: „Lass deinen Psychogram besser stecken, Alter!“
Auch heute sieht er weitaus besser aus als ich – obwohl er neuerdings einen auf Alm-Öhi macht mit seinem viel zu langen Bart und seinem abgeklärten Benehmen. Es gibt Tage, da gibt er sich, als sei er neunzig und als ob ihn nichts mehr in diesem Leben überraschen könne. Vielleicht stimmt das auch – wer weiß, was er in seiner Abschottungszeit alles gesehen und erlebt hat. Er will ja nicht mir mit darüber reden – der sture Sack.
Ich strecke meine Beine noch länger aus und kaue – mich trotz meiner Gedanken zunehmend entspannend - vor mich hin.
„Wo hast du die Salami her?“
„Vom Markt“.
„Ist gut“.
Urs nickt – andernfalls würde er sie ja auch nicht essen. Wir sitzen eine Weile friedlich nebeneinander und verputzen gemeinsam Urs‘ Abendessen. Die friedliche Stimmung des Abends in Urs‘ Refugium überflutet mich wie ein wundervolles Konzert, füllt alle meine Sinne und beatmet mich mit Glück. Der See antwortet meinen Gedanken mit leisem Wellengeflüster und Urs‘ regelmäßige leise Atemzüge, seine dezenten Kau- und Schluckgeräusche sowie Veits sanftes Schnarchen lösen den Wunsch in mir aus, hier stundenlang ruhig sitzen zu bleiben. Nur Veit wird irgendwann ein bisschen unruhig, gähnt und bettet seinen Kopf um, gibt seinen Platz auf Urs‘ Oberschenkel aber nicht auf und Urs legt ihm seine Hand auf den Kopf. Das mag der kleine Kerl und wird wieder ruhig. Die zwei haben sich gefunden und ich hoffe, Veit wird mindestens 20 Jahre alt. Ich bin mir sicher, dass Urs noch nie einen Mann mit so viel Liebe angesehen hat wie seinen Gefährten auf vier Beinen.
Und ich kenne keinen Hund, der so gut erzogen ist wie Veit, der nicht einmal bettelt, wenn sein Mensch dasitzt und Salami verspeist. Gut, er liegt nachts bei Urs im Bett, das weiß ich. Genauso wie ich weiß, dass Urs seit Jahren keinen Mann mehr ins selbige gelassen hat - aber behauptet, seine Zeit als „Escort-Dienstleister“ habe damit nichts zu tun.
Naja, ich muss aufhören, das in Frage zu stellen, denn Urs ist definitiv zufriedener mit seinem Leben als ich. Vielleicht sollte ich mir auch einen Hund anschaffen. Aber der arme Kerl wäre zu viel allein und Urs lässt mich zudem an Veit teilhaben.
„Wir gehen am Wochenende segeln. Willst du mit?“
Früher hätte ich mit der Antwort gewartet und mich erst mit Birger abgestimmt, aber jetzt antworte ich ohne zu zögern: „Wahnsinnig gern“.
Urs‘ Boot ist nicht riesig, aber groß genug und darauf das Wochenende zu verbringen, ist wunderschön. Wir beide sind Wasserratten und nachts den Wellen zuzuhören, die sich sanft am Bootsrumpf brechen, lässt die Hoffnung in mir keimen, auch ich könnte mein inneres Gleichgewicht wiederfinden.
„Gut. Ich besorg das Essen und du die Getränke“.
Ich grinse, klare Aufgabenverteilungen sind seine Sache und ich freue mich riesig auf das Wochenende. Doch zugleich beschleicht mich Wehmut. Birger und ich stimmen uns nicht mehr ab, er teilt mir seine „Termine“ einfach mit und ich reagiere darauf, indem ich dasselbe tue. Manche nennen das Unabhängigkeit, ich nenne es Krise und habe noch keine Ahnung, ob und wie wir sie überstehen werden.
„Hast du den Kirschbaumschrank noch da?“, frag‘ ich Urs. Es ist ein ausgesprochen schönes Stück, das er gerade restauriert. Und ich spüre, dass er es ungern wieder rausrückt. Das passiert immer wieder mal, dass er Schwierigkeiten damit hat, „seine“ Stücke wieder herzugeben. Ich verstehe ihn. Da kuriert er sozusagen ein altes, heruntergekommenes Möbelstück, repariert es, macht es wieder gesund und meist sieht es schöner aus als je zuvor und dann muss er es in die Hände der Besitzer zurückgeben.
„Nee, hab‘ ihn gestern ausgeliefert“.
Ruhig greift er zu seinem Weinglas, leert es und ich betrachte durch den Rauschebart hindurch, wie sein Adamsapfel sich hebt und senkt und mein Freund Urs erotischer denn je aussieht und doch keinen an sich ranlässt.
Welche Verschwendung , seufzen die Hormone in mir – Selbstheilung , denkt der Therapeut in mir und der Freund in mir gießt ihm und sich Wein nach und verscheucht derlei unpassende Gedanken. Wäre ich nicht so frustriert, käme ich auch nicht darauf.
Bevor ich gehe, drehen wir zusammen mit Veit seine Abendrunde und gegen Mitternacht mache ich mich auf den Weg nach Hause. Einen müden Veit auf dem Arm schaut Urs zu, wie ich davonradle: „Licht an!“, raunzt er und gehorsam klemme ich es an den Sattel.
Im Carport steht mittlerweile Birgers schwarzer Audi. Und in der Küche entdecke ich Einkaufstüten – nur halb ausgepackt – demonstrativ auf die Kochinsel drapiert.
Er ist beleidigt.
Weil ich nicht zu Hause war, als er endlich anrückte.
Das ist grotesk.
Birger liebt solche nonverbalen Botschaften, obwohl er weiß, dass er eigentlichen keinen Grund hat, verstimmt zu sein.
Vermutlich liegt er im Bett, brütet vor sich hin, aber tut so, als schlafe er tief.
Ich lass mir Zeit – und ihm auch – zum Brüten.
Als ich eine halbe Stunde später ins Schlafzimmer tapse, macht er Licht und sieht mich wortlos an. Aber ich bin gut darin, genauso wortlos zurückzuschauen. Kann ich sogar besser und länger als er.
Keiner von uns beiden scheint zu wissen, was er sagen soll.
Also schweigen wir.
Unser Schweigen fühlt sich ganz anders an als das zwischen Urs und mir, denke ich.
Wortlos lege ich mich neben ihn auf „meine Seite“ und klopfe hingebungsvoll mein Kissen zurecht. Nach einem weiteren intensiven Blick in meine Richtung, schaltet er das Licht wieder aus und murmelt in die Dunkelheit hinein:
„Du bist sauer“.
„Nein“.
„…aber?“
„Wahnsinnig müde“.
„Dann schlaf gut … Liebster“.
Ich unterdrücke eine Reaktion und atme ruhig weiter. Sein fast geflüstertes „Liebster“ klingt nicht ironisch, und ich erahne die Botschaft, die er darin versteckt, bin aber nicht sicher, ob sie mich wirklich erreicht.