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20I Der Andermann

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20I Der Andermann

Guten Abend zusammen!

In diesem Kapitel gibt es nicht viel Aktion und doch passiert viel…

Freue mich sehr auf eurer Gedanken und Rückmeldungen!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

20 I Der Andermann

Vor mir steht sozusagen eine türkiskönigsblaugrasgrüne Vision – die lächelt und redet! Mich anredet:

„Guten Morgen! Sie sind der Bruder – nehm ich an? Sebastians Bruder – mein ich? Der Kollege - …“

Er ist mir also zuvorgekommen – ob er auf mich auch neugierig war? So neugierig wie ich auf ihn? Den farbenfroh – schillernden Kerl weiter in mich aufnehmend, kann ich ein Grinsen nicht unterdrücken – was haben die Drei sich da für einen Vermieter angelacht?

Ihm endlich meine Hand entgegenstreckend, beantworte ich seinen Gruß: „Guten Morgen! Ja, ich bin Simon, Sebastians Bruder. Freut mich…“.

„Mich auch“, und er grinst so breit, dass seine Mundwinkel fast die Ohren berühren.

„… Andermann…“, entgegnet er und hört nicht auf zu schmunzeln.

Ich kann gar nicht anders, als zurückzuschmunzeln – kann solchen Grinseaugen ganz schlecht widerstehen, das ist nicht ungefährlich. Deshalb konzentriere ich mich auch auf das, was er anhat.

Auf seine Hosen schauend, kommt mir die veraltete Bezeichnung „Beinkleider“ in den Sinn, denn er trägt tiefsitzende grasgrüne Dinger, die aus einem glänzenden Stoff sind und mich vom Schnitt her an jene weiten schwarzen Hosen erinnern, die asiatische Krieger - zumindest in manchen Filmen - tragen. Schuhe hat er keine an und auch kein Shirt – aber eine offene Weste – eine königsblaue, die die Sicht auf seine leicht gebräunte, spärlich behaarte Brust freilässt.  Auf seinen schlanken, leicht definierten Bauch will ich nicht schauen, also lasse ich meine Augen wieder nach oben gleiten – in die unglaublichsten türkisblauen Augen. Ich frage mich, ob er farbige Kontaktlinsen trägt. Ein vergleichbar unwirkliches Blau habe ich bisher nur am kalabrischen Meer in Tropea gesehen und konnte mich daran nicht sattsehen – Birger und ich haben da einen unserer schönsten Urlaube verbracht. Ist noch gar nicht unglaublich lange her. Vor drei Jahren waren wir dort und sind hinterher noch eine Woche nach Griechenland: Wasser, Sonne, gutes Essen, ein entspannter Birger und viel Zeit füreinander, das war einfach schön… Jetzt daran zu denken, ist wie vermintes Terrain zu betreten.

Des Andermanns „Tropea-Augen“ vermandeln sich während meiner Betrachtung zu schmalen Schlitzen und sein Mund verzieht sich zu einem amüsierten, vielleicht sogar ein bisschen anzüglichen Grinsen, der Kerl kennt seine Wirkung und spielt mit ihr…und mit mir? Der gesamte Mensch strahlt ein sich Seiner-selbst-Bewusstsein im eigentlichen Wortsinn aus.

„Jaron Andermann“, vervollständigt er schließlich seine Vorstellung, während seine linke Augenbraue sich fast zu seinem Haaransatz hochzieht. Sein Vorname ist so selten wie sein Nachname.

Unaufgefordert zieht er einen Stuhl heran, setzt sich mir gegenüber und betrachtet mich eingehend – und irgendwie erwartungsvoll. Nur, was erwartet er? Dass ich seine Selbsteinladung kommentiere? Ich hätte ihn ohnehin gebeten, Platz zu nehmen, wäre er mir nicht erneut zuvorgekommen. Vermutet er, dass ich was zu seinem Namen sage? Mache ich nicht, er wird diesbezüglich genügend Kommentare gehört haben.

Stattdessen lächle ich ihn einfach an und er? Er lächelt zurück, sagt aber nichts, belässt seine Augenbraue oben am Haaransatz und schaut mich weiter an … und an und an: aufmerksam, freundlich, lächelnd, und ja - ich kann es nicht anders beschreiben -  als ob er immer noch auf ein Wort von mir warte.

„Kein Kommentar?“ – Seine Frage bestätigt schließlich meine Vermutung.

„Worüber?“

„Weiß nicht – könnte mir aber vorstellen, dass dir gerade durchaus einiges durch den Kopf geht!“

Okay, Jaron Andermann ist in der Tat eine Erscheinung der besonderen Art und gibt seinem Namen irgendwie alle Ehre, denn er ist anders . Vielleicht dachten seine Eltern, ein seltener Nachname bedürfe eines ebenso seltenen Vornamens. Vielleicht dachten sie auch gar nichts dabei., vielleicht gefiel ihnen „Jaron“ einfach. Hubertus Andermann oder Max Andermann oder Jochen Andermann klänge in meinen Ohren auch ok, aber es ist nun mal Jaron geworden.

Ich zucke die Achseln und bleibe lächelnd in Deckung.

Meine Kommentarlosigkeit provoziert ihn aber anscheinend: „Du bist doch vom Fach oder hab‘ ich deinen Bruder falsch verstanden?“

Ich wundere mich nicht darüber, dass er mich plötzlich duzt, denn es passt zu ihm und erst nach einer Weile dämmert es mir, dass er wahrscheinlich auf das „Andermann-Syndrom“* anspielt.

„Ich bin kein Neurologe – vielleicht kommen mir extrem seltene Gendefekte deshalb nicht sofort in den Sinn“, antworte ich – und spiegle seinen Gesichtsausdruck, indem ich meine rechte Augenbraue hochziehe - so hoch wie ich es hinkriege.

„Gut! – Hätte halb so viel Lust gehabt, dich kennenzulernen, wärst du damit angekommen!“

Ich lache, „das war also eine Art Test?“, kriege aber keine Antwort darauf.

„Du hast vielleicht ein schönes Lachen!“, sagt er leise und wirkt unvermittelt ernst.

„Danke“, antworte ich – und spüre, dass ich rot werde.

„Und wahnsinnig schöne Augen…“, legt er nach und ich schaue vorsichtshalber auf mein nur angebissenes Marmeladebrot, spüre dabei sein Grinsen förmlich auf meinem Gesicht brennen und fühle mich ein bisschen hilflos:

Er flirtet so unverhohlen mit mir, dass mir die Worte fehlen, seine Direktheit überfordert mich, und ich kann nicht behaupten, dass ich so etwas gewöhnt bin.

„Dein Bruder und du, ihr habt beide sehr sehr schöne, unheimlich ausdrucksstarke Augen, der eine braun, der andere …hmm – lass mal sehen“. Jetzt beugt er sich zu mir rüber und starrt in meine Augen: „Blau-grau-mit einem anthrazitfarbenen Rand? Echt schön!“

„Bist du immer so direkt“, frage ich ein bisschen heiser.

„Ja“.

Und dann unterbricht nur noch Vogelgezwitscher unser anschließendes Schweigen für eine Weile.

„Ich interessiere mich für Geschwisterbeziehungen“, beginnt er das Gespräch wieder aufzunehmen, „und du spielst eine wichtige Rolle in Sebastians Leben, das merkt man ziemlich schnell. Ich glaube, er ist sehr stolz auf dich. Ich find‘ das herzig“.

„Herzig?“

„Ja, oder berührend, wie auch immer man das nennen will – ich mag es, wenn Geschwister sich nahe sind und es auch zeigen“.

„Aha!“

„Ja, die Fotos, die er in seinem Zimmer hat, sind mir sofort aufgefallen“. Als ich dieser Information wegen die Stirn runzle, erklärt er:

… Ich hab‘ vor kurzem den Heizkörper in seinem Zimmer ausgetauscht, das geht nur im Sommer – deshalb habe ich seine Collage gesehen - keine Sorge, ich bin kein Stalker und er kein Schwätzer. Sebastian hat nicht viel erzählt von dir, aber wie er es erzählt hat, das war vielsagend. Ihr habt überhaupt eine gute Familienstruktur, oder?“

Ich nicke – haben wir insgesamt sicherlich, aber ich kenne den Mann kaum und habe deshalb nicht vor, ihm Details über meine Familie auf die Nase zu binden. Dass Sebastian ihm von mir erzählt hat, ist im Grunde kein großes Ding und doch wundert es mich. Ein bisschen wenigstens.  Üblicherweise rückt er mit Persönlichem nicht schnell heraus, allerdings kann ich mir vorstellen, dass mein Gegenüber vielen Leuten Dinge entlockt, die sie normalerweise eher für sich behalten. Zudem weiß ich nicht, von welchen Fotos mein Gegenüber spricht, denn ich habe bis jetzt in Sebastians Zimmer keine gesehen. Das ist merkwürdig.

„Sag mal – hast du Lust, mit mir zusammen zu frühstücken? Ich hab‘ frisch gebacken und vielleicht schmeckt dir das, was ich dir auftische, besser als das, was auf deinem Teller dahindarbt“. Er schaut mich erwartungsvoll an – und warum nicht? Er ist amüsant und interessant und ich hab‘ nichts anderes vor.

Schließlich folge ich ihm zur Westseite des Hauses – in ein durch Büsche eingesäumtes kleines Paradies – offensichtlich sein privater kleiner Garten – oder fast möchte ich sagen „Hain“ - von dem aus eine metallene Wendeltreppe direkt ins Obergeschoss und seine Wohnung führt.

Im Zentrum der kleinen Oase befindet sich ein grüner metallener Tisch, auf dem sein noch unbenutztes Frühstücksgeschirr steht: „Ich geh schnell hoch und hol den Rest“, sagt er, lächelt wieder und ist auch schon weg.

Ich habe kaum Zeit, mich umzusehen, bevor er auch schon wieder vor mir steht, ein beladenes Tablett balancierend.

Das, was er gebacken hat, sind nach Vanille duftende Teigkugeln, die in Mandeln gewälzt sind.

„Ich trink‘ nur Tee, ich hoff‘, das ist ok“, entschuldigt er sich.

„Kein Problem“.

Zurzeit trinke ich manchmal wegen meines Magens sogar Kamillentee, muss er aber nicht wissen.

Plötzlich in sich gekehrt, sitzt er mir schließlich gegenüber, nimmt sich eine seiner Teigkugeln und bricht sie in zwei Hälften. Er hat keine Eile zu essen, betrachtet die Gebäckhälfte in seiner Hand, bevor er ein Stücken davon abreißt, in den Mund steckt und langsam zu kauen beginnt.

Die Situation hat plötzlich etwas nahezu Feierliches an sich. Ich muss ihm einfach zusehen, wie er sein Backwerk genießt.

„Und du? Bleibst beim Anschauen? Kannst sie ruhig probieren, hab‘ noch keinen kennengelernt, der sie nicht mochte“.

„Was sind das eigentlich? Krapfen?“

„Nein“, antwortet er gedehnt, „ein Familienrezept. Ich mag’s, weil man nichts Anderes dazu braucht“.

Und das stimmt, das Gebäck ist aus einem weichen, luftigen Teig, der kräftig, aber nicht penetrant nach Vanille schmeckt, und der Wunsch, Butter oder Marmelade dazu zu essen, kommt auch bei mir nicht auf.

„Kochst du gerne?“

„Ja, wahnsinnig gern“, nickt er, „ist für mich wie Meditation. Ich mach selten was Aufwendiges, aber es muss gute Zutaten haben, nur nicht zu viele“.

Klar, dass mich das an Birger erinnert, der es auch liebt zu kochen, allerdings gerne aufwändig und immer extrem gut.

Birger, Birger, Birger

… und Urs.

Der kocht auch gerne – für sich und für Veit.

Schon eigenartig, dass ich in meinem Leben zwei Hobbyköche als engste Bezugspersonen habe. Und beide haben eine ungeheuerliche körperliche Präsenz – wie mein Gegenüber hier auch.

„Woran denkst du?“

„An meinen Mann und an meinen besten Freund“.

Hab‘ ich ihm das jetzt wirklich offenbart?

„Interessant! Was verbindet die beiden?“, fragt er nach, seine Kugel mit Hingabe verzehrend.

„Sie kochen beide gerne und gut. Der eine eher raffiniert, der andere eher schlicht und ‚urtümlich‘“.

Gott sei Dank fragt er nicht, welche Art ich lieber mag, ich könnte und v.a. wollte das jetzt nicht beantworten. Während er kaut, fällt mein Blick auf seinen schönen Mund, er hat helle, weich aussehende, volle Lippen. Eigentlich würden gedecktere Farben besser zu ihm passen als die kräftigen, die er trägt. Seine mittelblonden Haare hat er streng gescheitelt – eine zu brave Frisur für ihn, die im Widerspruch zu seinem Hippieoutfit steht. Aber vielleicht ist das ja auch nur Zeugs, das er zu Hause anhat oder vielleicht ist ihm egal, ob sein Aussehen „widersprüchlich“ wirkt.

„Wie lange bleibst hier?“

„Das weiß ich noch nicht…so lange mich Sebastian aushält“, lächle ich schwach.

„Hmm – lässt du die Heimreise offen?“

„Ja“.

„Vor was läufst davon?“

Mir gefällt sein Dialekt. Hört sich weich und melodisch an.

„Immer direkt? Verstehe!“

„Ja, Umwege sind Umwege – auch in der Kommunikation und wenn man es vermeiden kann, warum um die Dinge drumherumlabern?“

„Wieso denkst du, dass ich vor irgendetwas davonlaufe?“

„Lass mal sehen – du weißt nicht, wie lange du bleiben möchtest. Du reibst dir ständig den Magen, merkst es wahrscheinlich nicht mal – du wirktest angespannt, als du deine  Mann erwähntest. Das schreit nach Beziehungsstress“.

Daraufhin schweigen wir wieder und ich konzentriere mich auf das noch leicht warme Gebäck.

Auch der Tee schmeckt gut. Scheint eine Mischung aus Fenchel und Melisse und noch etwas anderem zu sein. Hopfen vielleicht.

„Ich kann’s dir nur anbieten, ob du’s annimmst, liegt an dir. Aber ich bin gut darin…“.

„Worin“, frage ich ziemlich blöde, denn natürlich weiß ich, was er meint.

„Zuhören!“

„Und außerdem bin ich in ein, maximal zwei Wochen wieder weg. Ich musste hier nur einiges regeln“.

Ich würde ihn gerne fragen, wo er lebt, wenn er nicht hier ist, aber damit würde ich zu viel preisgeben.

„Die Info sollte dich eigentlich beruhigen“, lacht er leise, „musst also keine Angst haben, dass ich dir auf die Pelle rücke. Wenngleich ich dich wirklich extrem attraktiv finde! Als ich das übrigens deinem Bruder sagte, während ich deine Fotos ansah, reagierte er ziemlich verärgert und knurrte, du lebtest in einer festen Beziehung. Er scheint deinen Mann zu mögen“.

Wieder lacht er leise, als ob ihn Sebastians Reaktion amüsiere.

Ich bin nicht auf den Mund gefallen, aber Jaron Andermann überfordert mich.

… im Übrigen hab‘ ich kein Interesse daran, in irgendeine  Beziehung hineinzufunken, aber warum nicht zugeben, wenn man jemanden anziehend findet?“.

„Die Frage ist, was willst du mit so ungefilterten Bemerkungen bewirken?“

„Muss ich damit etwas bewirken wollen? Ich sag einfach nur, was ich denke. So weiß mein Gegenüber wenigstens, woran er bei mir ist – das finde ich entlastend – du nicht?“

„Ich bin nicht der Meinung, dass man immer alles aussprechen sollte, was einem im Kopf herumgeht“.

„Worte können wahnsinnig verletzen, damit hast du Recht, aber sie geben jedem die Gelegenheit, auf sie zu reagieren, Unausgesprochenes dagegen ist meiner Erfahrung nach wie ein Schwelbrand“.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich Sebastian verdächtigen,  er hätte doch geplaudert. Aber so was macht er defintiv nicht. Dennoch werde ich ihn fragen, wenn er nach Hause kommt – auch nach den Fotos, die er scheinbar abgehängt hat, bevor ich gekommen bin. Ich finde das alles sehr merkwürdig, v.a. den bunten Vogel, der mir gegenübersitzt und scheinbar großes Vergnügen daran hat, mich aus mir herauslocken zu wollen.

*Das Andermann-Syndrom gibt es wirklich, es ist eine sehr seltene degenerative Erbkrankheit.