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21I Über das, was glücklich macht

Zwischenfarben — www.fanfiktion.de · All chapters

21I Über das, was glücklich macht

Schönen Sonntag zusammen!

Ich will gar keine lange Vorrede halten – ich hatte leider die Verbindung zu „Zwischenfarben“ verloren und es hat gedauert, bis ich den Faden wieder aufnehmen konnte. Heute geht es jedenfalls weiter.

Zur Erinnerung: Simon hat Jaron Andermann kennengelernt und ist von ihm zu gleichen Teilen irritiert wie fasziniert.

Ich freue mich, wenn ihr an ihrem Gespräch teilhabt und mir sagt, was ihr darüber denkt.

Achtet auf euch und bleibt gesund!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

21 I Über das, was glücklich macht

Anknüpfung - Kapitel 20 endete so : „Worte können wahnsinnig verletzen, damit hast du Recht, aber sie geben jedem die Gelegenheit, auf sie zu reagieren, Unausgesprochenes dagegen ist meiner Erfahrung nach wie ein Schwelbrand“.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich Sebastian verdächtigen, er hätte doch geplaudert. Aber so was er defintiv nicht. Dennoch werde ich ihn fragen, wenn er nach Hause kommt – auch nach den Fotos, die er scheinbar abgehängt hat, bevor ich gekommen bin. Ich finde das alles sehr merkwürdig, v.a. den bunten Vogel, der mir gegenübersitzt und sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hat, mich aus mir herauslocken zu wollen.

Das gelingt nicht vielen Menschen, mich wirklich zum Reden zu bringen, mir gelingt es ja oft selbst nicht. Ich betrachte mein ständig schmunzelndes Gegenüber, wie sich seine geschlossenen Lippen bewegen, während er langsam und ruhig kaut. Das sieht verdammt erotisch aus.

„Die schmecken wirklich gut“, lobe ich seine Teigkugeln, von denen er sich die dritte genehmigt. Mir reicht eine, aber ich glaube, er verstünde nicht, wenn ich keine zweite nähme, er scheint mächtig stolz auf sein Backwerk und das berührt mich. Merkwürdig – dieses Gefühl, auf etwas stolz zu sein, was ich gemacht habe, ist mir relativ fremd. Mit manchem bin ich zufrieden, mit manchem nicht, wenn ich etwas beginne, erwarte ich von mir, dass ich es auch einigermaßen hinkriege. Wenn ich das Gelingen von Anfang an bezweifle, fange ich erst gar nicht an. Ich wette, er ist da vollkommen anders drauf und Herausforderungen reizen ihn.

Ich glaube auch, wäre er an meiner Stelle würden ihn Birgers Fremdgänge entweder nicht jucken oder er hätte sie von Anfang an abgestellt. Was mache ich hier eigentlich? Überlege, wie ein mir nahezu fremder Mann an meiner Stelle handeln würde…muss an seinen Krapfendingern liegen, wahrscheinlich hat er was reingebacken – ich lache leise wegen dieses albernen Gedankens und natürlich weckt das seine Aufmerksamkeit:

„Was macht dich glücklich in deinem Leben?“

„Was macht dich denn glücklich?“, frage ich zurück, weil ich mich nicht überrumpelt fühlen will.

Ich warte darauf, dass er mein Ausweichen kommentiert oder zumindest wissend grinst, aber das tut er nicht. Er schweigt eine Weile, plötzlich recht ernst dreinschauend, lächelt dann doch wieder, sein Lächeln erreicht allerdings nicht seine Augen, als er mich schließlich ansieht – mit seinen unglaublichen Augen, die noch mehr zu leuchten scheinen als ohnehin, aber anders. Ich denke an Steine, die man am Strand findet und befeuchtet, damit sich ihre Farbe intensiviert, glänzt und leuchtet. Was geht wohl in ihm vor, denn er wirkt plötzlich sehr verletzlich, und ich erwarte deshalb nicht, dass er mir antwortet.

„Es gibt einen Menschen in meinem Leben, wenn der lächelt und einen guten Tag hat, dann kommt ein ganz sanftes Glücksgefühl in mir auf, das mich viel stärker trägt als ein Glücksrausch“, sagt er nach einer längeren Pause und ich merke, dass er sich diesmal dazu zwingt zu lächeln.

Wir hören beide auf zu essen und betrachten die Teigkugeln auf unseren Tellern, so, als hätten sie plötzlich ihren Geschmack verändert – oder als könnten sie uns Tipps geben, wie wir unser Gespräch am besten weiterführen können.

Ich spüre Jarons Antwort nach und er kreist mit den Spitzen seines Zeige- und Ringfingers um die seines Daumens, so als zerreibe er mikroskopisch kleine Krümel, bis er sich schließlich räuspert und aufrichtet – vielleicht ist unser Gespräch zu Ende.

„Was hast du erwartet?“, fragt er, seinen Blick auf seine Hand gerichtet, „etwas Leichtgewichtigers? Sonnenaufgang am Meer? Beethovens Violinkonzert?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht ja, so was in der Art“.

„Da nimmt unser Gespräch tatsächlich eine unerwartete Wende, gleichwohl ich sie mir ja selbst eingebrockt habe“, lacht er leise, „aber was für dich gilt, gilt auch für mich, nicht?“

Als ich ihn fragend anschaue, erklärt er:

„So wie ich aus deinem Leben bald wieder verschwunden sein werde, so wirst du es aus meinem sein“.

„Ich höre gerne zu, wenn du reden möchtest“, ermuntere ich ihn.

Er nickt, scheint sich nicht daran zu stören, dass unsere Rollen plötzlich vertauscht sind. Wer weiß, vielleicht hat er genau das bezweckt.

„Gut. Gut…“, beginnt er., „lass es mich mal so formulieren: Ich lebe seit einiger Zeit in einem ziemlich herausfordernden  Arrangement – zusammen mit meinem Expartner Ludwig und dessen Mann Andreas in einem Dorf am Vierwaldstättersee. Ludwig und ich waren 14 Jahre lang ein Paar, lebten in der Wohnung, die jetzt dein Bruder und seine Freunde bewohnen. Darüber hatten wir unsere Gemeinschaftspraxis. Ich würde unsere Beziehung nicht unbedingt als offen bezeichnen, auch wenn wir beide immer mal wieder auch was mit anderen hatten. Jeder machte eben regelmäßig was für sich und es gab klare Absprachen – du kennst das ja vielleicht – oder auch nicht?“

Letzteres lässt ihn mich wieder anlächeln, es ist jedoch ein wohlwollendes Lächeln, kein herablassendes Grinsen, und ich fühle mich nicht bemüßigt zu antworten.

„In unserem letzten gemeinsamen Urlaub auf Paros lernten wir ein Schweizer Paar kennen, Andreas und Nevio, sie waren in unserem Alter, wir verstanden uns alle vier sofort gut, unternahmen viel zusammen und hatten eine gute Zeit. Ludwig und Andreas fanden sich anziehender als Nevio und ich – kommt vor. Dreier oder Vierer liegen mir nicht und Nevio meinte, ihm auch nicht, wir witzelten deswegen herum und unterhielten uns bestens, während die anderen beiden eher weniger redeten…Irgendwann spürten Nevio und ich, dass sich zwischen unseren Männern etwas entwickelte, von dem sie uns ausschlossen, dachten aber, es würde sich erledigen, sobald wir alle wieder zurück in unserem Alltag wären.

Es erledigte sich aber nicht und ein halbes Jahr später war Ludwig nicht mehr da. Als ich von einem mehrtägigen Workshop zurückkam, fand ich eine halbleere Wohnung und Praxis vor. Er war akribisch unsere Sachen durchgegangen und hatte genau abgezählt, was in sein und was in mein ‚Töpfchen‘ gehörte. Während ich weg war, hatten wir noch wie üblich miteinander kommuniziert – mich bei meiner Rückkehr vor vollendete Tatsachen gestellt zu sehen, habe ich also definitiv nicht erwartet.  Es dauerte eine Woche, bis er mich per Voicemail wissen ließ, die Art seines Abgangs tue ihm unendlich leid, er wisse, dieser sei angesichts unserer langjährigen Beziehung nicht angemessen gewesen, aber er habe es einfach nicht übers Herz gebracht, mir zu sagen, dass er gehe“.

Jarons Tonfall ist lakonisch, als berühre ihn das Geschehene nicht oder zumindest nicht mehr, aber das heißt nichts. Das ist ein typischer Distanzierungsmechanismus, vor solchen sind auch wir Psychologen nicht gefeit, warum sollten wir auch? Wenn’s um unsere verletzten Gefühle geht, sind wir einfach nur verwundete Menschen.

„Die folgende Zeit war für mich nicht leicht, aber ich bin glücklicherweise nicht so geartet, dass ich an Menschen festhalte, die die Gesellschaft anderer der meinen dauerhaft vorziehen. Ich richtete mich also ganz gut in einem Leben ohne Ludwig ein. Nach ungefähr einem Jahr fing Ludwig an sich zu melden, schickte Blumen zu meinem Geburtstag, wollte reden, die Trennung aufarbeiten…doch danach hatte ich kein Bedürfnis, die ‚Aufarbeitung‘ musste er ohne mich hinbekommen. Irgendwann hat er mein konsequentes Schweigen akzeptiert.

Tja und dann sitze ich eines Abends weintrinkend mit Freunden auf meiner Terrasse, als plötzlich Andreas vor uns steht und mich bittet, mit ihm zu reden: Ludwig hatte Wochen zuvor einen schweren Unfall, es ging ihm extrem schlecht und er glaubte, dass er es nicht schaffen würde und deshalb wollte er mich sehen. Egal, wie es zwischen uns geendet hatte, natürlich packte ich ein paar Sachen zusammen und fuhr am selben Abend noch mit Andreas in die Schweiz, was mich die Beziehung kostete, die ich gerade hatte, denn nachdem ich wieder zurück war, ließ mich Ludwigs Situation nicht mehr los, so dass ich einen Monat später zu den beiden zurückging – und blieb“.

Letzteres hatte ich nicht erwartet.

„Ludwig war für meinen Geschmack immer ein bisschen zu verbissen sportlich drauf, als ich ihn aber wiedersah als halbseitig gelähmten Schatten seiner selbst, der mühsam um jedes Wort rang – da konnte ich ihn und Andreas, den die Situation vollkommen überforderte, nicht allein lassen. So kams, dass wir uns derzeit gemeinsam um Andreas kümmern. Andreas ist wie dein Bruder in der IT-Branche und kann von zu Hause arbeiten und wir haben ausgezeichnete professionelle Hilfe, ein Krankenpfleger wohnt sogar mit im Haus. Die Therapiekosten und den Pfleger zahlt die Versicherung des Typen, der Ludwig vom Rad gemäht hat. Aber trotz dieser 'komfortablen' Pflegesituation ist die Therapie ein langwieriger Prozess, der uns alle sehr fordert. Deshalb feiern wir jeden auch noch so kleinen Erfolg, jedes neue Wort, das Ludwig wieder sagen kann, wie einen Mega-Sieg. Er mag es, wenn ich ihm vorlese und manchmal lächelt er dann sein schiefes Lächeln und ich weiß in diesen Momenten, es ist nicht schwachsinnig, dass ich mein Leben für ihn in jeder Hinsicht auf Pause gestellt habe“.

Sein Leben für einen anderen Menschen auf Pause zu stellen – was für eine lapidare Formulierung für einen aus meiner Sicht menschlich ganz großen Akt. Ich betrachte den mir gegenübersitzenden Mann ein weiteres Mal und lasse seine Farben auf mich wirken, es sind sehr sehr klare Farben und ich wundere mich, ob sein Ex sich nicht genauso wie ich fragt, warum er ihn je verlassen hat.