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22I Viele Fragen und angedeutete Antworten

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22I Viele Fragen und angedeutete Antworten

Schönen Sonntagabend  zusammen!

Simon erfährt noch ein bisschen mehr über seinen Gesprächspartner und der stellt eine Menge Fragen.

Ich freue mich wieder, wenn ihr mir sagt, was ihr darüber denkt.

Achtet auf euch und bleibt gesund!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

22 I Viele Fragen und angedeutete Antworten

„Jetzt schaust mich an, als wär‘ ich ein Gutmensch, bin ich nicht“, – weckt mich Jaron aus meinen Betrachtungen.

„Was heißt Gutmensch, es ist jedenfalls nicht selbstverständlich, was du für deinen Ex und seinen neuen Partner machst…dein Leben auf Pause zu stellen, wie du es nennst“.

„Meine Brüder sagen, ich sei deppert“, lacht er, „aber meine Eltern verstehn‘s“.

„Wie viele Geschwister hast du?“, frage ich, mich an seine Bemerkung erinnernd, er interessiere sich sehr für Geschwisterkonstellationen.

„Ich hab‘ vier Brüder, nach mir haben meine Eltern dann aufgehört, auf eine Tochter zu hoffen, aber ihre drei Schwiegertöchter sind ein guter Ersatz“, lacht er leise.

„Fünf Jungs – nicht schlecht“, lächle ich.

„Ja, wir Anderleut sind speziell“. Er schenkt mir wieder so ein leises Lächeln, das Bände spricht, er liebt seine Familie und zeigt es auch. Das ist h erzig !

„Komm mit und hilf mir das Geschirr hochzutragen! Ich glaub, Hunger haben wir beide keinen mehr“, damit steht er auf und fängt an, das Frühstücksgeschirr zusammenzustellen.

„Gerne“

Ich bin unheimlich neugierig auf seine Wohnung und werde nicht enttäuscht: Die Metalltreppe führt vom Garten direkt in eine geräumige Wohnküche, die wie eine Mischung aus Retro- und modernem Möbeldesign aussieht. Außer dem Herd, dem Kühlschrank und dem Spülbecken bestehen alle Möbel aus honigfarbenem Holz, das wohlige Wärme ausstrahlt. Die Holzmöbel sind schlicht und elegant. Ich schmunzle, als ich die königsblaue Tischdecke auf dem runden, von zwei halbrunden Sitzbänken umgebenen, Tisch sehe – Jaronblau, denke ich. Das große Bogenfenster, durch das man auf den Garten sehen kann, hat ein auffallend breites Sims, auf dem mehrere eingerahmte Fotos stehen: ein älteres Paar, drei jüngere Paare, ein Mann, der einen kleinen Jungen auf den Schultern trägt, und eine Reihe von Kindern. Die Ähnlichkeit zwischen den Brüdern ist nicht zu übersehen, alle bis auf einen haben sie blöndlich-hellbraune Haare und blaue Augen.

„Das sind meine Eltern, Brüder, Schwägerinnen, Nichten und Neffen, wie du unschwer errätst“, bestätigt er das Offensichtliche. Die Fotos  eines nach dem anderen zu betrachten, bleibt keine Zeit, weil ich Jaron in ein weiteres großes Zimmer folge. Genauso wie die Küche ist auch dieser Raum einladend, obwohl sparsam möbliert. Mein Blick fällt auf ein Stehpult aus Kirschbaum, an dem Urs seine helle Freude hätte. Es ist definitiv alt, aber gut in Schuss und bildet einen harmonischen Kontrast zu zwei eineinhalb Meter hohen stylischen Tower- Lautsprechern aus hellerem Holz, die in der rechten und linken hinteren Ecke des Zimmers stehen. Wieder schmunzle ich, als ich entdecke, dass er außer CDs auch ziemlich viele Schallplatten hat. Passt zu ihm und ich wette, Bob Seeger beglückte mich vorgestern auch auf Vinyl.

Ohne zu überlegen, ob es merkwürdig wirkt, gehe ich auf eine der Boxen zu und streiche über das glatte leicht glänzende Holz.

„Die hat Jakob, mein ältester Brüder, gebaut – die Küche auch - eigentlich hat er fast alle meine Möbel gemacht nur das Standpult nicht, das stammt noch von meinem Großvater“.

„Dein Bruder ist Schreiner?“, lächle ich ihn an, „wie mein bester Freund“.

„Der, der eher schlicht und urtümlich kocht?“

„Ja der“, antworte ich und fühle mich Urs so nahe, als hätte er mir einen Gruß geschickt.

„Die Wohnung hier fehlt mir, muss ich zugeben, sie war immer so was wie mein Refugium, auch als Ludwig noch hier wohnte. Er hatte seinen eigenen Raum, der nach seinem Geschmack eingerichtet war“.

Irgendetwas sagt mir, dass Ludwigs Zimmer ganz anders eingerichtet war als Jarons.

„Das Haus von Ludwig und Andreas ist sehr modern – in einem sehr glatten, kühlen Sinn, nicht so ganz mein Stil“.

Nee, ein kühler Stil passt nicht zum königsazurtürkisblauen bunten Jaron, denke ich. Als er schließlich einladend auf die große gelbe Couch deutet, setzen wir uns beide fast gleichzeitig, er ans eine Ende, ich ans andere.

„Ich lebe am Bodensee in einem kleinen Haus, das ich von meiner Oma geerbt habe, und ich liebe es sehr, so sehr wie den See, dessen Farbvielfalt mich immer wieder aufs Neue fasziniert – die hell-silber-dunkelblau-schiefer-anthrazit-türkisfarbenen Nuancen - unendlich viele Zwischenfarben. Seinen Geräuschen zuzuhören, den kleinen, leise ans Ufer leckenden Miniwellen, aber auch seinen stürmischen anrollenden Wasserklatschen, mich in ihm frei bewegen zu können, bis zur Erschöpfung in ihm zu schwimmen, das macht mich glücklich“.

Jaron zieht seine linke hellbraune Augenbraue nur leicht in die Höhe, während seine Augen nachdenklich mein Gesicht scannen, aber er bleibt still und geht nicht auf mein „Geständnis“ ein.

„Magst mir von deinem besten Freund, der einfach und gut kocht, erzählen?“, fragt er nach ein paar Minuten – wieder eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet bin.

„Was willst du von ihm wissen?“

Jetzt lacht er: „Simon, du kennst das Procedere…“.

Ok, er ist in den Therapeutenmodus geswitched, aber ich habe erstaunlicherweise nichts dagegen und beginne auszuplaudern, was mir spontan zu Urs einfällt.

„Urs und ich kennen uns seit unserer Kindheit. Er ist Kunstschreiner und schafft es, aus den verrottesten Möbeln die schönsten Unikate zu zaubern, die du dir vorstellen kannst. Sein Name, sein Beruf, seine Farben, sein Hund Veit, ein Rauhaardackel  – alles fügt sich bei ihm perfekt zusammen, verstehst du, was ich meine?“.

„Farben sind für dich wichtig, hm? Welches sind denn seine Farben?“

„Akazien- und Waldhonig dominieren – und dazu im Kontrast silberblau... Mein Freund ist ein sehr schöner Mann“.

Ich spüre, wie ich unwillkürlich strahle, während ich an Urs’ goldblonde Haare, seinen waldhonigfarbenen Bart und seine hellblauen, durchdringenden  Augen denke.

„Er ist ruhig, oft in sich zurückgezogen, unheimlich loyal, vorurteilsfrei, autark…manchmal denke ich, dass er sein Leben auch – wie du es nennst - auf Pause gestellt hat. Aber ich weiß nicht, warum“.

„Und das quält dich?“

„Ja. Es gibt Dinge, die er sich weigert, mir zu erzählen und das bringt unsere Beziehung manchmal ins Ungleichgewicht“.

„Weil du ihm alles erzählst?“

„Ich habe ihm aus Feigheit einmal eine Entscheidung vorenthalten und das hat ihn tief verletzt und letztlich habe ich es nur seiner Loyalität zu verdanken, dass wir unsere Freundschaft retten konnten, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann. Er ist mein innerer Hort “.

„Ist er in einer Beziehung?“

„Nein“.

„Weißt du, warum nicht?“

„Nein, nicht wirklich. Er sagt, Sexualität sei das letzte, was er derzeit in seinem Leben brauche und mehr müsse ich nicht wissen“.

„Wie alt ist er?“

„Ein Jahr älter als ich – 38“.

„Und was vermutest du hinter seiner Einstellung?“

„Ich vermute eine tiefe Verletzung aus einer Zeit, in der wir weniger Kontakt hatten und er Entscheidungen traf, die ich nicht verstand“.

Jaron lacht leise: „Und vermutlich sagt er, du müsstest ja auch nicht alles verstehen?“

„Ja – so ungefähr“.

„Möchtest du, dass er eine Beziehung hätte?“

„Ich möchte, dass es ihm gutgeht, von außen betrachtet scheint es auch so zu sein, aber ich habe dennoch Angst, dass ich ihn irgendwann an etwas Dunkles verliere – auch wenn er keine Anzeichen für Depressionen zeigt. Ich kann es ehrlicherweise nicht rational erklären“.

„Vielleicht sorgt er durchaus  für sein Gutergehen und hat nur eine andere Vorstellung davon als du?“

„Vielleicht…“.

„Wie steht dein Mann zu Urs?“

„Warum fragst du?“

„Weil deine und Urs‘ Beziehung in meinen Ohren so klingt, als habe sie etwas Ausschließliches an sich“.

„Ich denke nicht, dass Birger das so empfindet, wir haben schon oft darüber gesprochen. Er weiß, dass Urs unheimlich wichtig für mich ist und akzeptiert es“.

„Hmm“.

„Glaubst du es nicht?“

„Ich denke, Seelenfreundschaften mit besten Freunden sind für Partner herausfordernd, zumal wenn der beste Freund keine Beziehung hat. Und du weißt zwar selbst, es ist unwahrscheinlich, dass aus besten Freunden Lover werden, weil sie oft etwas Geschwisterliches an sich haben und die Angst, die Freundschaft durch Überschreiten dieser einen Grenze zu riskieren, viel zu groß ist. Aber für den, der außen vor ist, kann die seelische Intimität, die sein Partner mit einem anderen teilt, trotzdem bedrohlich sein, denn sollte diese beste Freundschaft irgendwann ins Sexuelle metamorphosieren  und auch in diesem Bereich funktionieren, hat der  Partner verloren".

„Und manchmal sind Grenzen hauchdünn…“, füge ich hinzu.

„Ja, das macht sie so gefährlich!“, lacht Jaron.

„Weißt du, was Ludwig und mich verbindet, war eine tiefe Freundschaft, aber die harmonischsten Lover waren wir nicht“.

Ich wage nicht nachzufragen, warum, auch wenn ich es sehr gerne wissen möchte. Wenn  ich ihn mir so ansehe, kann ich mir nicht vorstellen, dass er im Bett der Wildeste ist, er hat einfach etwas unheimlich Sanftes an sich – und zwar durch und durch. Natürlich kann der äußere Eindruck täuschen, aber eigentlich glaube ich das nicht.

„Was überlegst du jetzt?“, schmunzelt er.

„Ich glaube, das weißt du“, schmunzle ich zurück.

„Wie lange bist du schon mit deinem Mann zusammen?“

„Mehr als fünfzehn Jahre“.

Unvermittelt wendet er seinen Blick von mir ab in Richtung der breiten westlichen Fensterfront und scheint eine Weile hinaus.

„Später habe ich einen Termin, der ungefähr zwei Stunden dauert. Magst du hinterher mit mir an den See fahren? Ich hab‘ mitbekommen, dass du gestern mit deinem Bruder dort warst“.

„Gerne, Sebastian arbeitet heute, aber ich wollte auf jeden Fall wieder hin“.

„Schön, freut mich!“

Und er schenkt mir ein Lächeln, das definitiv das Potenzial hat, mich einzuwickeln, würde ich es zulassen.