23I Eine lange Liste
23I Eine lange Liste
Schönen Tag zusammen!
Lasst euch weiter mitnehmen in Jaron Andermanns "Welt".
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
23 I Eine lange Liste
Weil Jarons Termin länger als erwartet gedauert hat, kommen wir erst am Nachmittag am Feldmochinger See an. Ich warte ab, auf welchen Fleck am Ufer er zusteuert, entgegen meiner Vermutung ist es jedoch nicht der Nacktbadebereich. Das wundert mich ein bisschen, wirkt er doch, als habe er wenig Scheu. Vielleicht ist es ihm aber zu persönlich, nackt neben mir zu liegen. Soll mir recht sein, zumal ich davon überzeugt bin, dass seine Fragelust noch nicht befriedigt ist. Da ich im Grunde nur ein Viertel eines Marmeladebrots und eineinhalb von Jarons kleinen Teigkugeln im Magen, natürlich vergessen habe, zu Mittag zu essen und ebenso natürlich nur eine Wasserflasche mit an den See genommen habe, spüre ich zu spät, dass ich Hunger habe und reibe meinen Magen, um zu verhindern, dass er knurrt.
„Hast du deinen Magen schon ansehen lassen?“ – Jarons blaue Augen sind fragend auf meinen Bauch gerichtet.
„Nein – ist, denke ich, was Psychosomatisches. Im Augenblick habe ich nur Hunger“, gebe ich ein bisschen peinlich berührt zu, schaue auf den See und höre, wie er in seinem Rucksack herumkramt. Ehe ich mich versehe, befindet sich ein Minipicknick auf einem Geschirrtuch zwischen uns: zwei Becher, gefüllt mit Tee, eine Box mit Käsewürfeln, eine mit Vollkornbaguettescheiben, eine mit Kirschtomaten und eine mit Blaubeeren.
„Der Tee ist lauwarm, löscht den Durst am besten“. Ich nicke und gestehe ihm zum, dass sein Tee schmeckt – nach Minze und Orange.
„Bedien dich“, fordert er mich auf, „hatte auch nichts zu Mittag“.
Er ist ein Kümmerer – das ist irgendwie sehr berührend und vermutlich hängt sein Entschluss, seinen Ex mitzupflegen, damit zusammen.
„Dein Bruder und seine zwei Freunde grillen fast jeden Abend!“, lässt er mich wissen.
„Stimmt – stört es dich?“
„Nicht wirklich, manchmal riecht es etwas streng – ich mag keinen Knoblauch und auch kein Fleisch“, antwortet er.
„Aha – bist du Vegetarier?“
„Nein, ich esse Fisch und manchmal auch Fleisch, aber selten – ein richtig Fleischlicher bin ich wahrlich nicht“, fügt er schmunzelnd hinzu.
Das fordert zwar geradezu zu einer Nachfrage heraus, aber wenn er mehr dazu sagen will, wird er es tun, denke ich und bleibe still, werde aber nicht enttäuscht.
„Natürlich!“, grinst er und schaut mir unverwandt in die Augen, „ich mag Nähe, Intimität – aber sie ist eine delikate Sache, nicht?“
„Hmm“, antworte ich unbestimmt, weil ich nicht weiß, in welche Richtung er das Gespräch lenken möchte.
„Menschen verbinden Intimität oft mit körperlicher Nähe. Für mich ist sie primär etwas Geistiges, etwas, was sich in vertrauter körperlicher Nähe oder Sexualität manifestieren kann, aber nicht muss. Sie ist nicht so flüchtig wie Körperlichkeit“.
„Es gibt hier sicherlich ein breites Spektrum“, antworte ich vage.
„Absolut“ lacht er, „ein weites Feld, das zu erforschen ein Leben nicht ausreicht“.
Wieder entdecke ich auf seinem Gesicht dieses leise, sanfte Lächeln, das sehr nachdenklich aussieht. Wie er so dasitzt, in einem grauenhaft bunten Badehosen-Ding, das er vermutlich auf einen Flohmarkt erstanden hat und das dennoch zu ihm passt, seinen Tee in kleinen Schlucken trinkt und anschließend gemächlich auf einem Käsewürfel herumkaut, wirkt er in der Tat nicht „fleischeslustig“. Wie er im Bett ist, geht mich zwar nichts an, aber es interessiert mich nichtsdestotrotz. Ich denke, er steht auf ausgiebiges Küssen und Streicheln, nicht auf Penetration.
„Ich bin ein Augen- und Munderotiker“, schmunzelt er plötzlich, als läse er meine Gedanken, und sieht dabei auf meinen Mund. Aber seine Direktheit irritiert mich nicht mehr so sehr wie zu Beginn. Er flirtet, gerne offensichtlich, aber nicht aggressiv.
„Findest du Penetration zu aggressiv, das muss es ja nicht sein?“, frage ich geradeheraus.
„Ich möchte sie nicht bewerten, ich kann aber nichts damit anfangen – es bringt mir keine Befriedigung“.
„Viele Männer stehen nicht drauf“, räume ich ein, auch wenn ich mir nicht vorstellen mag, in einer Beziehung darauf verzichten zu müssen.
„Du aber schon, oder?“
Ich schüttle unwillkürlich den Kopf: „ Wir kennen uns kaum ein paar Stunden und führen Gespräche…aber ja, ich mag es, bevorzugt passiv“.
„Vor Ludwig habe ich gedacht, dass Synchronizität im Bett nicht so zentral ist… wie sie ist“.
„Meinst du, das war ein Grund, dass eure Beziehung in die Brüche ging“.
„Ich denke, einer davon, ja. Wir verstanden uns gut, sehr gut, aber letztlich musste er, was seine sexuellen Bedürfnisse anbelangt, auf sehr viel verzichten, weil ich es nicht wollte“.
„Deshalb eure gelegentlichen Ausflüge in andere Betten?“
„Seine ja, meine fanden sehr selten statt und waren außerdem anderer Natur“.
„Du meinst, sie waren nicht flüchtiger Natur?“, frage ich nach.
„Vielleicht“ lächelt er, aber vermeidet, mich dabei anzusehen.
„Auch nicht ungefährlich“, sage ich leise.
„Nein, aber wenn du dich geistig jemandem verbunden fühlst, musst du nicht unbedingt zu ihm in die Schweiz abhauen. Wie auch immer, Ludwig und ich verstehen uns immer noch - oder wieder - gut, das ist trotz seines Fortgangs geblieben“.
„Macht das seinen neuen Freund nicht eifersüchtig?“
„ S einen neuen Mann , sie haben geheiratet, kurz nachdem Ludwig zu ihm gezogen ist. Ob Andreas auf Ludwigs und meine Verbindung eifersüchtig ist? Manchmal scheint es so, aber das betrachte ich nicht als mein Problem. Ich bin dort, um Ludwig zu helfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sobald es ihm besser geht, werde ich wieder mein eigenes Leben führen“.
Diese Aussage erleichtert mich ungemein, mehr als, bezogen auf einen Menschen, den ich immer noch kaum kenne, zu erwarten wäre – aber langfristig als Co-Pfleger seines Ex-Partners zu fungieren und sein Leben hier aufzugeben, wäre nicht gesund – zumindest aus meiner Sicht nicht.
„Du sagtest heute Morgen, weil du in die Schweiz gingst, sei deine damals aktuelle Beziehung gescheitert. Aber so eine große Distanz ist das ja nicht?“.
„Nein, aber mein Freund sagte, einen Dritten im Bett könnte er tolerieren, aber keinen in meinem Kopf“. Wieder lacht er leise und verfällt in seinen charmanten Dialekt, der zu weich klingt, um als richtig bayrisch durchzugehen: „…so unterschiedlich san d’lajt halt“.
„Wie schaffst du das eigentlich finanziell, wenn du nicht praktizierst?“
„Hmm – ich halte nach wie vor Workshops, die Miete des Hauses hier finanziert meine Krankenversicherung und meine Altersversorgung, das geht schon – komm, lass uns ‚‘ne Runde schwimmen“.
Er ist kein wahnsinnig geübter Schwimmer, deshalb dreh ich mich nach einer Weile auf den Rücken, damit er nicht zurückbleibt.
„Kannst ruhig rausschwimmen – ich hab‘ keinen sportlichen Ehrgeiz“, aber auch er dreht sich jetzt auf den Rücken und lässt sich treiben. Hat er nicht erwähnt, dass sein Ex vor seinem Unfall fast fanatisch Sport trieb? Zwischen ihm und seinem Ex muss tatsächlich eine besondere geistige Verbindung bestanden haben oder bestehen, bedenkt man ihre Unterschiedlichkeit in allem Körperlichen. Birger ist nicht so schwimmbegeistert wie ich, aber auch er bewegt sich gerne – zu Wasser und zu Lande. Sexuell sind wir sehr „synchron“ – wie Jaron es nennt – und auch wenn ich mich lange hartnäckig geweigert habe, es an mich heranzulassen, so kristallisiert sich immer stärker heraus, dass es bei Birgers Fremdgängen nicht um Sexuelles geht.
Wieder zurück auf der Picknickdecke, streckt sich Jaron aus und schließt die Augen. Nach einer Weile atmet er so regelmäßig, dass ich vermute, er ist eingeschlafen. Ich mag sein Zutrauen, ich könnte nämlich neben einem fast Fremden nicht einschlafen – kann ich auch nicht, wenn ich irgendwohin längere Zeit allein im Zug unterwegs bin – es sei denn Birger sitzt neben mir.
Wegen der Max-Sache vertraue ich ihm nicht mehr wirklich, auf der anderen Seite würde ich ihm ohne Weiteres mein Leben anvertrauen – ein eigenartiger Widerspruch, realisiere ich.
…wo beginnt Fremdgehen? Ich denke an Jarons Fragen zu Urs. Und Urs Statements zu meinen einsamen Entschlüssen. Ich bin vielleicht kein geistiger Fremdgänger, aber ein ausgeprägter geistiger Eigenbrötler.
Jaron sieht entspannt aus, er schläft also wirklich. Sein Gesicht wirkt dadurch noch sanfter , weicher wäre nicht das richtige Attribut. Auf eine spezielle Art ist er ein hübscher Mann, aber ich kann mir nicht vorstellen, auf diese heftige, sexuelle Weise von ihm angezogen zu sein, die immer auch etwas Animalisch-Triebhaftes an sich hat und erahne, was er damit meint, dass er kein „Fleischlicher“ sei, sondern eine andere Form von Nähe suche und brauche. Er sprang so unheimlich auf meine Beziehung zu Urs an und als ich erwähnte, dass die geistige – nicht „flüchtige“ Nähe, die er erwähnt hat, auch gefährlich sein könne, wich er eindeutig aus. Ich glaube, es gibt jemanden in seinem Leben, mit dem er diese Intimität gelebt hat, lebt oder leben will, und das ist nicht sein Ex.
Ihn ungeniert betrachtend und über ihn nachdenkend, genieße ich, dass wir gerade nicht reden, auch wenn ich mehr über ihn wissen will. Er ist defintiv ein interessanter Mensch, genauso interessant ist es, wie absolut unterschiedlich Menschen ticken – diesen Wunsch, den anderen auffressen zu wollen, wenn man verliebt ist, nicht genug von ihm zu kriegen zu können und sich wund zu vögeln, kennt Jaron vermutlich nicht – im Gegensatz zu mir, denn Birger und ich hatten im wahrsten Sinn des Wortes eine geile Zeit – und nicht nur zu Beginn unserer Beziehung.
Ach Birger, ich bin noch lange nicht soweit, dich gehen zu lassen oder gar dich fortzuschicken!
Der leise Laut, den ich während dieses Gedankens von mir gebe, bleibt nicht unbemerkt: „Einen Penny für deine Gedanken!“, - und Jarons klarer Blick nimmt mich plötzlich wieder ins Visier.
„Ich denke über mich und Birger nach“.
„Deinen Freund – oder seid‘s ihr verheiratet?“
„Nein sind wir nicht“.
„Magst du erzählen, was du an ihm magst…liebst?“
Womit soll ich da anfangen?
Aber ich zögre nur erstaunlich kurz und erzähle, was ich vielleicht nur Jaron Andermann so ungeschützt anvertrauen kann:
„… seinen scharfen Verstand, seinen speziellen Humor, sein tiefes Lachen …die waldschwarze Seite seiner Seele, die mich manchmal auch beängstigt und sich in seinen dunkelbraunen Augen spiegelt, wenn er wütend ist – oder verletzt. Ich mag seinen Pragmatismus, wenn es um wichtige schnelle Entscheidungen geht, während andere sich in Schockstarre befinden, handelt er schnell und überlegt, macht genau das, was notwendig ist. Nicht zu vergessen, mag ich seine Kochkünste und … er ist ein toller Liebhaber – ich hatte schon Zeiten, da dachte ich, sexuell abhängig von ihm zu sein. Ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, dass mich jemand in dieser Hinsicht je so befriedigen könnte wie er – auch wenn das wahrscheinlich schwachsinnig klingt“.
„Klingt es keineswegs“, antwortet Jaron ernst und fügt hinzu: „Aber, es ist eine lange Liste dessen, was du an ihm magst und liebst. Warum also willst du ihn aufgeben?“