24I Von Ängsten und Elefanten
24I Von Ängsten und Elefanten
Schönen Sonntag zusammen!
Nach einer langen Netz-Auszeit melde ich mich mit einem neuen Kapitel zurück und freue mich auf euere Rückmeldungen.
Habt einen schönen Sonntag - trotz dieser irren Zeit - und versucht, gesund zu bleiben!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
„… seinen scharfen Verstand, seinen speziellen Humor, sein tiefes Lachen …die waldschwarze Seite seiner Seele, die mich manchmal auch beängstigt und sich in seinen dunkelbraunen Augen spiegelt, wenn er wütend ist – oder verletzt. Ich mag seinen Pragmatismus, wenn es um wichtige schnelle Entscheidungen geht, während andere sich in Schockstarre befinden, handelt er schnell und überlegt, macht genau das, was notwendig ist. Nicht zu vergessen, mag ich seine Kochkünste und … er ist ein toller Liebhaber – ich hatte schon Zeiten, da dachte ich, sexuell abhängig von ihm zu sein. Ich kann mir auch jetzt nicht vorstellen, dass mich jemand in dieser Hinsicht je so befriedigen könnte wie er – auch wenn das wahrscheinlich schwachsinnig klingt“.
„Klingt es keineswegs“, antwortet Jaron ernst und fügt hinzu: „Aber, es ist eine lange Liste dessen, was du an ihm magst und liebst. Warum also willst du ihn aufgeben?“
24 I Von Ängsten und Elefanten
„Warum nimmst du an, ich sei es, der Birger bzw. unsere Beziehung aufgeben will?“
„Dir geht es nicht gut, du wirkst aber nicht verzweifelt, nicht wie jemand, der befürchtet, dass sein Mann ihn demnächst verlässt. Wäre es so, wäre die Liste dessen, was du an Birger liebst, anders ausgefallen – du hättest anders von ihm gesprochen, denke ich…“, lautet Jarons Antwort
Ich nicke und denke an Birgers extrem verstörte Reaktion auf meine Ankündigung, ich bräuchte ein wenig Abstand und Zeit zum Nachdenken. Er hat Angst, verlassen zu werden – ich hab‘ Angst, dass er immer wieder fremdgeht, wenn wir einfach wieder zur Tagesordnung übergehen und dass Liebe nicht mehr reicht.
„Wärst du verzweifelt, wärst du jetzt nicht hier, sondern bei deinem Freund, deinem Seelengeliebten“, unterbricht Jaron meine Gedanken und lacht in dieser leisen, sanften Weise, die für ihn typisch zu sein scheint und die sich wie eine wohlriechende Wundsalbe auf gestresste Nerven legt und Anspannungen löst.
„,Seelengeliebter‘? Was für eine Wortschöpfung--“, schmunzle ich.
Da ist es wieder, sein leises Lachen, das ich mag – und zwar sehr.
„Wenn du von Urs redest, spricht viel Nähe und Wärme aus dir“. Jaron lächelt mich an – wissend, aber irgendwie auch fragend. Als aber von mir kein Einwand kommt, fährt er fort, „man muss nur hinhören und schauen“.
„Du bist ein exzellenter Hinhörer “, lächle ich.
„Das ist unsere Aufgabe – oder? Hinschauen und Hinhören…und manchmal Fragen stellen”, lächelt er zurück.
„…um unsere Patienten ihre eigenen Schlüsse ziehen zu lassen“, beende ich seinen Satz und er nickt mit hochgezogener Augenbraue, als ob er wüsste, dass ich momentan aber extreme Probleme damit habe, eigenständige Schlüsse zu ziehen, zumindest solche, die sowohl für Birger auch als für mich richtig scheinen. Unwillkürlich reibe ich wieder meinen Bauch, obwohl ich im Moment gar nicht den vertraut gewordenen Druck fühle - wenn ich nicht aufpasse, wird das zum Tic.
„Meinst du, du kannst mal auszublenden, vom Seelenfach und nur Simon zu sein, der ein ziemliches Problem, aber noch keine Lösung dafür gefunden hat?“
Jaron strahlt solch eine freundliche Ruhe, ermutigende Gelassenheit und beruhigende Professionalität aus, dass ich gar nicht anders kann als zustimmend zu nicken: „ Ich werde es zumindest versuchen“.
„Wir Seelensanitäter glauben, wir müssten mit unseren persönlichen Krisen ‚professionell‘ umgehen. Es ist uns peinlich, wenn wir emotional genauso rumstolpern wie andere und die gleiche Angst haben, uns mit dem, was uns belastet, zu konfrontieren und es stattdessen lieber verdrängen… Wir versuchen, das, was uns quält, aus einer professionellen Distanz zu sehen, aber das ist fast unmöglich, wenn man mittendrin sitzt in einer Krise, die keinen Abstand zulässt“.
„Stimmt – da ist dieser Tunnel, in den ich hineingeschliddert bin und ich komme nicht aus ihm heraus und das quält mich und ärgert mich zugleich“.
„Wie lange hat dich die Krise denn schon im Griff?“
Er starrt mit hochgezogenen Brauen auf meinen Bauch.
„Seit Monaten“, antworte ich kleinlaut.
„…ich hör dir zu, solange du möchtest“, versichert er leise, anbietend, einladend.
„Okay“ , ich lächle ihn an, wende dann aber dann doch den Blick von ihm ab, um auf das Wasser vor uns zuschauen, das in glänzendem Blaugrau vor sich hinwellt – nicht wissend oder nicht wissen wollend, was in den Menschen, die in ihm Erfrischung suchen oder sich an seinem Ufer tummeln, vorgeht.
„Ich bitte dich, mir zu vertrauen…“, bestärkt mich Jaron, obwohl es nicht mehr nötig ist – mich ihm zu öffnen, wird mich weiterbringen, dessen bin ich mir erstaunlich sicher:
„Okay…okay. Vor einigen Monaten kam ein neuer Patient zu mir, der extrem durch den Wind war, auf den ersten Blick, weil seine achtjährige Beziehung in die Brüche gegangen war. Ziemlich schnell stellte sich heraus, der Grund, dass sein Freund ihn verließ, war, weil er, der Patient, sich in einen anderen verliebt hatte, sich zwar nicht trennen, aber die Sache mit dem anderen auch nicht lassen, sondern ‚ausprobieren‘ wollte. Da der Freund jedoch keinerlei Interesse an einer offenen Beziehung und auch keinen Bock darauf hatte zu warten, wie sich das Ganze entwickeln würde, verließ er ihn. Das Objekt der Begierde jedoch wollte keine Beziehung, weil er ja schon eine hatte und machte ebenfalls Schluss mit dem, was auch immer die beiden verband. Beide zu verlieren, zog dem Patienten schließlich den Boden unter den Füßen weg“.
Jaron sagt nichts, schaut mich an und wartet – aber ich weiß nicht, wie ich fortfahren soll.
„Und was an der Sache hat nun was genau bei dir getriggert?“, fragt mich Jaron, ahnend, dass ich ein bisschen Hilfe von seiner Seite brauche.
„Der Mann, in den sich mein Patient verliebt hatte, war Birger“.
Als daraufhin nichts kommt, wende ich mich Jaron zu: „Fragen würden helfen, glaube ich“.
„Okay – wie hast du erfahren, dass es um deinen Mann ging?“
„In der Art wie mein Patient ihn beschrieb, was ihn an ihm angezogen hatte…da ploppte vor meinem inneren Auge immer penetranter mein Mann auf. Als ich meinen Patienten mit meiner Vermutung konfrontierte, gab er zu, dass er mich bewusst aufgesucht hatte, woher er wusste, wer ich bin, weiß ich nicht; wahrscheinlich hat er uns mal zusammen gesehen, so groß ist die Stadt ja nicht. Er wollte wissen, wer Birgers Mann war. Dieses Muster, den 'Konkurrenten' kennenlernen zu wollen, muss man nicht nachvollziehen können, aber ich weiß, vollkommen abwegig ist es nicht“.
„Manchmal hilft einem solch ein Wissen nicht wirklich“.
Dabei schaut mich Jaron mitwissend, ja mitfühlend, aber keineswegs mitleidig an, und deshalb kann ich weitererzählen. Ich spucke alles aus, was sich seither in mir abspielt. Erzähle von meiner anfänglichen Fassungslosigkeit, von Birger, der sie verstand, aber damit, dass er die Sache beendet hatte, scheinbar glaubte, alles wieder in Ordnung gebracht zu haben oder zumindest anfänglich so tat. Ich erzähle von meiner Wut, die sich gegen Birger, aber auch gegen mich richtet, weil ich tatenlos zugesehen habe, wie Birger und ich immer weiter voneinander wegdrifteten und dennoch miteinander Sex hatten, als ob alles in Butter sei. Auch Birgers sieben Fremdgänge in unseren fünfzehneinhalb Jahren lasse ich nicht aus, von denen ich glaubte, es seien viel mehr und dennoch nichts von ihnen wissen wollte, von seinen Versuchen, mir wieder näher zu kommen, von seiner Angst, mich zu verlieren und meiner Angst, dass die vor meiner Fahrt nach München plötzlich wieder spürbare Nähe zwischen ihm und mir meinen klaren Blick vernebelt, ich ihm verzeihe und wir uns in einiger Zeit dann wieder in derselben Situation befinden, und dass ich das absolut nicht will. Und schließlich erzähle ich ihm von dem Wochenende auf dem See und was mir Urs so alles eröffnete. Von meiner Art, andere auszuschließen und vor vollendete Tatsachen zu stellen, in der vermeintlichen Annahme, sie könnten meine Gedanken lesen, dass dies unheimlich verletze und Birger habe aus seiner Sicht jede meiner Entscheidungen und jeden Ortswechsel nicht aus eigenem Antrieb, sondern nur deshalb mitgemacht, um mich nicht zu verlieren – und das ich das auch mit anderen Menschen anstelle. Ich erzähle, wie sehr mich dieser Vorwurf umgehauen hat, auch wenn Urs und ich dadurch endlich etwas bereinigen konnten, was unsere Freundschaft jahrelang belastet hat und ich denke, wieder ziemlich mit ihm im Reinen zu sein.
„…ziemlich?“
„Ja, wie soll ich sagen? Urs hat einen recht gelassenen Blick auf menschliche ‚Menschlichkeiten‘, und Abgründe – da sieht er manches anders als ich. Er sieht Birgers Fremdgänge nicht als verwerflich an, aber er sagte auch, hätte er eine große Liebe, wolle er sie wahrscheinlich auch nicht teilen. Und da war wohl auch schon einmal jemand, aber er will mir nicht sagen, wer das ist. Ginge mich nichts an, meint er, womit er Recht hat, das weiß ich, aber es ärgert mich dennoch, zumal ich jahrelang den Verdacht hatte, zwischen ihm und mir wäre was Ungelöstes, Unausgesprochenes in dieser Hinsicht. Und manchmal ist eine Anziehung zwischen uns, die man als ein bisschen grenzwertig einschätzen könnte“.
Jaron geht nicht darauf ein, sondern lenkt meinen Blick unbeirrt auf Birger zurück.
„Möchtest du mir ein bisschen mehr über Birger und dich erzählen? Wo kommt er her? Wie ist sein Hintergrund? Wie waren eure Anfänge, was waren es für Entscheidungen, die er laut Urs mittrug, um dich nicht zu verlieren? Denkst du, du kannst dich so weit öffnen, um mir davon zu erzählen?“
„Ja“, antworte ich und komme mir plötzlich vor wie in einem Beichtstuhl, obwohl ich noch nie einen von innen gesehen hab, weil ich protestantisch erzogen wurde. Aber ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts mehr als irgendeine Art von Absolution.
„Birgers und mein Hintergrund könnte nicht unterschiedlicher sein. Geboren wurde er in Bonn, da sein Vater ein hohes Tier bei der Bundeswehr war, wechselte sie Familie häufig die Wohnorte. Irgendwann landeten sie in der Nähe von Dresden, und an der Uni dort lernten wir uns auch kennen. Er hat eine Schwester, zu der er ein enges Verhältnis hat, zu seiner Mutter hält er auch Kontakt, aber eher lose, und mit seinem Vater redet er nur, wenn es sich nicht umgehen lässt“.
Ich hole Luft, bevor ich weiterspreche: „Da sein Vater meine Existenz auch nach 15jähriger Beziehung immer noch ignoriert und ich nie zu Familienfesten eingeladen werde, geht Birger auch nicht hin. Meine Eltern haben dagegen nie Problem mit unserer Beziehung gehabt, und Birger wurde in meiner Familie von Anfang an als mein Freund und Lebenspartner akzeptiert.
Wir lernten uns wie gesagt zu Beginn meines Studiums an der Uni kennen. Obwohl er nur ein Jahr älter ist, war er vier Semester vor mir. Seine Tutorate waren sehr beliebt, weil er gut erklären konnte, geduldig und freundlich war, unsere Fragen ernst nahm. Ich fand ihn sofort unheimlich anziehend, seine großen, fast schwarzen Augen, seine tiefe Stimme…,ich war hin und weg, aber zu schüchtern, um auf ihn zuzugehen. Im Unterschied zu mir hatte er weniger Scheu, mir irgendwann zu zeigen, dass die Anziehung beidseitig war. Ja… so kamen wir zusammen und blieben es bis jetzt. Dass wir einen unterschiedlichen Blick auf Monogamie haben, war mir bewusst, er machte nie einen Hehl daraus, dass er sie für ein unrealistisches Ideal halte, auch wenn er verstehe, warum sich manche Menschen dieses Ideal wünschten. Wir haben Exklusivität nie explizit vereinbart, aber eine offene Beziehung auch nicht. Jedoch war uns beiden immer klar, denke ich, wo der andere steht, aber beide haben wir es im Lauf der Zeit irgendwie ausgeblendet. Ich wollte nichts Näheres wissen und er mir nichts zumuten. Wir hatten von Anfang an ein sehr aktives Sexualleben und ich buchte seine von mir durchaus vermuteten ,Ausflüge‘ in andere Betten unter zuweilen überbordende Geilheit ab und ignorierte sie. Zum ausgewachsenen, nicht mehr zu verdrängenden Problem, wurde es dann durch die Sache mit dem Patienten. Und jetzt fühlt es sich an, als seien wir in Treibsand geraten, weil wir zu lange zu ignorant waren, hinzusehen, wohin wir treten“.
Ich lege eine Pause ein, um durchzuatmen, bevor ich weitersprudle:
„Ja, und was die Entscheidungen betrifft, die ich ohne Beteiligung anderer treffe,…wie soll ich es ausdrücken, ohne dass es zu simpel, zu banal klingt? Es gibt natürlich ein Muster… wenn ich überlege, warum das so ist, fällt mir nur die Kommunikationsstruktur in meiner Familie ein. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern und kann mir keine besseren vorstellen. Aber es gibt, bzw. gab einen Grundsatz, wenn ich oder Sebastian etwas wollten, mussten wir begründen, warum wir es wollten und sie mit Argumenten überzeugen, sonst bekamen wir es nicht. Das scheint ein vernünftiges Prinzip, aber in mir löste es ein ungeheures Gefühl der Machtlosigkeit aus. Deshalb legte ich ihnen, bevor ich damit rausrückte, was ich wollte, immer schon eine ganze Latte von Gründen und Argumenten vor. Sie fanden es immer witzig, wenn ich mit meinen Listen anrückte, aber ich nicht, mich setzte es unter wahnsinnigen Stress“.
„Und wenn ihr in ein Patt gerietet? Wenn ihre und deine Liste gleich lange oder gleich gewichtig war, was geschah dann?“
„Dann durfte ich entscheiden. Ich hab gute Eltern, wie gesagt, und wahrscheinlich bewahrten sie mich vor etlichem Schrott, dennoch für mich war’s Stress pur“.
„Ok“.
„… zu den Entscheidungen, das betrifft Ortswechsel. Nach dem Abi wollte ich weg vom beschaulichen Bodensee, unbedingt. Aber ich hatte Angst, mit Urs darüber zu reden, Angst, er würde es nicht verstehen, mich vielleicht bitten, in der Nähe zu bleiben, keine Ahnung. Im Süden gibt es diverse gute Unis für Medizin, da wollte ich aber nicht hin. Vielleicht hatte ich auch Angst davor, dass es ihm gar nichts ausmachte…wer weiß? Jedenfalls sagte ich ihm extrem kurzfristig, dass ich mein Studium in Dresden beginnen würde, er machte dann vollkommen zu, schloss mich eine Weile aus seinem Leben aus. Wir sahen uns zwar weiterhin, er besuchte uns auch ein paar Mal in Dresden, aber er ließ mich für eine lange Zeit nicht mehr so nah an sich ran wie früher und fegte meine Anfragen an sein z.T. für mich nicht mehr nachvollziehbares Verhalten vom Tisch. Das war eine schlimme Zeit, ich fühlte mich schuldig und wehrte mich zugleich gegen dieses Gefühl, hatte Angst, unsere Freundschaft ginge in die Brüche...sie hat glücklicherweise überlebt. Tja, und als mir nach dem Physikum klar wurde, dass ich mich mehr für Psychiatrie als für Humanmedizin interessierte, wollte ich nach Wien…“
„Sozusagen in das Epizentrum der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse?“, schmunzelt Jaron.
„Mir war bewusst, dass ich Birger keine vollendeten Tatsachen präsentieren konnte und stellte mich deshalb auf eine Fernbeziehung ein. Er aber konnte sich keine vorstellen und ging tatsächlich mit und auch wieder zurück. Nachdem er mit dem Studium fertig war, wurde es erneut sehr schwierig, weil er die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Postdoc in den USA zu machen, was natürlich ein ungeheurer Karrierekick gewesen wäre. Dadurch gelangten wir an den ersten Scheidepunkt in unserer Beziehung. Ob ich was in den USA kriegen würde, war sehr unsicher und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keinen Drang dahin zu ziehen. Mich zog es wieder zurück nach Hause. Birger verzichtete letztendlich auf seine große Karrierechance und machte nach seinem Facharzt mit zwei Studienfreunden eine Gemeinschaftspraxis in Konstanz auf. Er sagt, er mag die Stadt, die Gegend, die Nähe zur Schweiz, den See und die Arbeit in der Praxis. Wir wohnen zusammen in einem kleinen Haus direkt am See und hatten ein gutes Leben – bis zu dieser Patienten-Story. Die hat mich unglaublich verunsichert, lässt mich unsere Beziehung, ihn, mich…alles tatsächlich in Frage stellen, das hast du schon richtig vermutet. Ich verstehe offen gestanden nicht, warum Birger immer wieder andere Typen braucht, ich „verstehe“ es auf der emotionalen Ebene nicht. Und alle Versuche, es zu erklären, helfen mir nicht. Sexualität ist für mich was Intimes, das ich nur mit meinem Partner erlebe – warum soll ich diese Erfahrung teilen wollen? Ich verstehe es wirklich nicht, auch wenn mir klar ist, dass man das nicht so sehen muss. Und um aus dem Gefühlswirrwarr herauszukommen, nahm ich diese Auszeit, um Abstand zu kriegen und klarer denken und eindeutiger fühlen zu können“.
„Und Birger? Der wartet auf deine Entscheidung – unabhängig davon, wann du sie triffst?“
„Ich werde ihn nicht ewig warten lassen, das hab ich nicht vor. Nachdem ich ihm gesagt habe, ich würde zu Sebastian fahren, um mir in Ruhe über einiges nachdenken zu können, zog er am nächsten Morgen zu einer Freundin, sagte, er könne es nicht aushalten, im Haus mit mir zu bleiben, bis ich alles geregelt hätte für meine Auszeit, ohne zu wissen, was aus uns würde. Ich verstehe das. Über ihm schwebt ein riesiges Damoklesschwert – jedenfalls sieht er das so. Darauf warten zu müssen, wie sich der Partner entscheidet…Mann!“
Unwillkürlich reibe ich mir übers Gesicht und gebe einen Stöhnlaut von mir: „ Was würde ich an Birgers Stelle tun? Ich weiß es nicht. Das ist das Kernproblem“.
Wieder reibe ich meinen Magen, obwohl er im Augenblick nicht drückt.
„Was denkst du jetzt, nach allem, was du gehört hast?“.
„Lass mir einen Moment, um zu ordnen, was ich gehört habe“.
Jaron füllt seinen Becher mit Tee, trinkt in kleinen Schlucken und schaut – wie ich zuvor – auf den See hinaus.
Es dauert glücklicherweise nicht allzu lange, bis er wieder spricht.
„Ich höre bei Birger und dir eine enorme Angst vor Kontrollverlust heraus, bei dir die Angst davor, in deinen Handlungen und Gefühlen manipuliert zu werden, das weißt du aber selbst. Bei Birger spüre ich dagegen vor allem die Furcht vor emotionalem Kontrollverlust. Ich höre keine Promiskuität oder so was auf seiner Seite. Kein Promiskuitiver packt sein Ding über Jahre hinweg nur beim Lebensgefährten aus. Das ist das, was ich höre. Was ich dagegen sehe , ist der riesengroße rosa Elefant, der in euerer Beziehung rumtappst, ohne dass er sich seiner Existenz vermutlich selbst bewusst ist“.