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25I Der Elefant, der keiner ist

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25I Der Elefant, der keiner ist

Schönen Tag zusammen!

Ich bin wieder da und es geht weiter mit den Zwischenfarben. Entschuldig  sie erneute  lange Pause. Das nächste Kapitel steht schon, also wird es nicht lange auf sich warten lassen.

Freue mich über eure Eindrücke!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

25 I Der Elefant, der keiner ist

Das letzte Kapitel endete mit Jarons Kommentar auf Simons Bericht über seinen derzeitigen emotionalen Zustand und seine Beziehung zu Birger:

„Ich höre bei Birger und dir eine enorme Angst vor Kontrollverlust heraus, bei dir die Angst davor, in deinen Handlungen und Gefühlen manipuliert zu werden, das weißt du aber selbst. Bei Birger spüre ich dagegen vor allem die Furcht vor emotionalem Kontrollverlust. Ich höre keine Promiskuität oder so was auf seiner Seite. Kein Promiskuitiver packt sein Ding über Jahre hinweg nur beim Lebensgefährten aus. Das ist das, was ich höre. Was ich dagegen sehe, ist der riesengroße rosa Elefant, der in euerer Beziehung rumtappst, ohne dass er sich seiner Existenz vermutlich selbst bewusst ist“.

„ Du meinst Urs“, folgere ich, schließlich macht Jaron ihn immer wieder zum Thema und so wie er nun seine Augenbraue hochzieht und mich abwartend betrachtet, scheine ich richtig zu liegen.

Ohne lange zu überlegen, ziehe ich mein Handy hervor und finde schnell, wonach ich suche: Ein Foto von Urs und mir  2003 auf einem Rockkonzert. Er hatte seinen Arm um meine Schulter gelegt und schaute direkt in die Kamera. Seine dicken goldblonden Haare reichten bis weit über seine Schultern, seine silberblauen Augen waren mit Kajal umrandet, was einen unglaublich wirkungsvollen Kontrast ergab und sein schöner Mund war noch nicht wie heute von einem Bart verdeckt, sondern er zeigte unverhüllt sein typisches ein bisschen halbseitiges Grinsen. Dieses Grinsen war schwierig einzuordnen, es konnte Unsicherheit, Scheu, Arroganz oder schlichtweg Gelassenheit  bedeuten – oder alles zusammen.

„Sieh mal, das war Urs mit knapp 20 – er war wunderschön, finde ich – aber auch unnahbar. Verstehst du, was ich meine?“

Jaron betrachtet sich das Foto lange und lächelt schließlich: „Du schaust darauf aber auch richtig süß aus – mit deinen tiefen, ins Unbestimmte schauenden Augen und den unzähmbaren Haaren“.

Erst nach einer Weile kommentiert er Urs’ Aussehen: „Er hat ein sehr ebenmäßiges Gesicht, so symmetrisch – hat er je gemodelt?“

Ich schüttle den Kopf und denke an Urs‘ Escort-Phase. Verdammt, der Gedanke an diese Zeit dreht mir immer noch den Magen um. Dass er sich das angetan hat! Irgendwas ist da mit ihm passiert, das spüre ich, auch wenn er es verneint.

„Wärst du gerne diese ‚konjunktivische‘ große Liebe, von der Urs gesprochen hat – die er auch nicht gerne teilen würde?“, holt mich Jaron in die Gegenwart zurück. Da ich mit dieser Frage wieder nicht gerechnet habe, muss ich mir mit der Antwort Zeit lassen:

„Nein, auch wenn ich lange vermutete, er empfände mehr als Freundschaft für mich  - deshalb seine Verletztheit und extreme Reaktion auf meinen Weggang nach dem Abi.“.

Ohne hinzusehen, ahne ich, dass Jarons Augenbraue wieder zum Haaransatz hochgeschnellt ist.

„War ziemlich selbstverliebt von mir, das zu glauben“, sag ich leise und  schaue auf den See. „Er liebt mich definitiv nicht auf diese Weise. Diesbezüglich ist er sehr klar“. Ich hoffe, Jaron lässt es damit bewenden.

„Ist er das?“

„Ja, ich bin, was ihn anbelangt, viel ambivalenter als er. Ich mache mir einerseits Sorgen, weil er keine Beziehung hat und manchmal unheimlich alleine wirkt, andererseits habe ich Angst, hätte er eine, könnte das unsere Freundschaft beeinträchtigen, obwohl es dafür keine Anhaltspunkte gibt, er war mir gegenüber immer sehr loyal – loyaler als ich ihm gegenüber, wie meine Dresden-Aktion zeigt. Einfach wegzugehen, ohne ihn zuvor in meine Pläne und Gründe einzubeziehen, hat er zurecht als illoyal und verletzend empfunden. Wir haben wahnsinnig lange gebraucht, das aus Weg zu räumen. Aber wir konnten unsere Freundhaft retten. Wir sind uns sehr nahe… näher als … Wie soll ich es ausdrücken? Wir können gut zusammen schweigen, ohne, dass es unangenehm wird, aber auch stundenlang reden. … Manchmal ist die Linie zwischen solch einer Freundschaft und ‚mehr‘ hauchdünn, nicht? Vor allem von meiner Seite aus. Urs hat die Grenzlinie in den wenigen „schwachen“ Momenten, in denen ich vielleicht in Gefahr war, sie zu überschreiten, dagegen immer klar gezogen“.

„Um eure Freundschaft zu schützen, deine Beziehung zu Birger oder seine Gefühle?“

„Hmm, ziemlich sicher  ersteres und zweites. Unsere Freundschaft ist ihm genauso wichtig wie mir, aber er hat mich nie ermutigt, Birger zu verlassen – nur dazu, alle Karten offen auf den Tisch zu legen“.

„Was wäre, wenn Birger von der Bildfläche verschwände…würdest du dann mit Urs zusammenkommen wollen?“

Auch diesmal muss ich erst nachdenken, bevor ich antworte: „Nein – auch wenn ich ihn in besonders nahen Momenten manchmal einfach gerne geküsst hätte, will ich keine Liebesbeziehung mit ihm. Klingt widersprüchlich, ich weiß, wie soll ich es erklären? Als Urs und ich in der Pubertät waren und uns miteinander ausprobierten, war ich sicher in ihn verliebt, das war aber, denke ich im Nachhinein, eher eine Resonanz auf unsere Nähe zueinander und er war ja so schön…ich glaube, da hätte jeder schwule Junge ein bisschen geschmachtet. Aber für mich ist Sexualität sehr wichtig, für ihn eher nicht, er sagte vor Kurzem, Sex sei das letzte, was er derzeit brauche. Ich hingegen brauche ihn und ich steh darauf, dass mein Partner Dominanz ausstrahlt und Urs ist ein absolut undominanter Hüne. Ich begehre Urs nicht so , auch wenn ich seine Nähe genieße. Ergibt das für dich Sinn?“

„Absolut. Mir fällt jedoch auf, dass du das Präteritum verwendest, wenn du von Urs‘ Schönheit sprichst, warum?“

„Oh? War keine bewusste Wortwahl“, antworte ich und scrolle durch mein digitales Fotoalbum:

„Das ist Urs heute. Mit Veit, seiner großen vierbeinigen Liebe“.

„…ein Dackel!“ Jaron  lächelt und studiert den heutigen Urs – mit Veit auf dem Arm im Garten meiner Eltern stehend, sich mit meinem Vater unterhaltend, während der seine geliebten Rosen nach Blattläusen absucht. Das Foto ist vielleicht zwei Jahre alt, seither hat Urs sich nicht groß verändert.

„Wow…“, sagt Jaron nach einer Weile leise und nun bin ich es, der seine Augenbrauen hochzieht.

„Was für eine Veränderung“, fährt Jaron fort, „aus dem Hochglanzmagazin-Gesicht ist ein Charakterkopf geworden… Der ist schön!“.

„War Birger hier auch dabei?“, fragt er nach einer kurzen Pause.

„Ja, er spielte mit Sebastian Tischtennis“.

„Hast du auch von ihm ein Foto?“

„Viele – was für eines möchtest du sehen?“

„Das, das du am liebsten magst“.

Doch mein liebstes Birger-Foto kann ich Jaron unmöglich zeigen, weil man darauf Birger nackt im Bett sieht, schlafend, ein Kopfkissen im Arm haltend, als sei es sein Geliebter. Ich zeige Jaron schließlich eines, das ich auch sehr sehr gerne mag, es zeigt Birger in unserem vorletzten Urlaub wie er auf einem Bauermarkt reife Tomaten aussucht. Er ist braungebrannt, wirkt entspannt, gutgelaunt und unglaublich sexy – wenigstens in meinen Augen und ohne zu überlegen, erzähle ich ziemlich zusammenhangslos:

„Birger und ich haben von Frühjahr bis Spätsommer eine Art Ritual: Ich stehe vor ihm auf und gehe eine Stunde schwimmen und wenn ich dann zurückkomme, wartet er fast immer am Ufer  – unübersehbar geil auf mich…ich kann ihm nicht widerstehen, auch wenn ich wollte. Birger nimmt mich in Besitz, wenn er mit mir schläft, konsumiert mich förmlich, ist aber nie grob dabei. Das mag ich, brauch ich. So etwas kann ich mir mit einem Mann wie Urs nicht vorstellen. Sie sind äußerlich und auch sonst sehr verschieden, vor allem aber in ihrer Wirkung auf mich: Birger ist wie dunkle, satte, kräftig-riechende Walderde, in die ich mit beiden Händen hineingreifen und mich manchmal sogar eingraben möchte und Urs? Urs ist wie eine Erle, mit warmhellem leuchtendem Holz, an die ich mich gerne anlehne, um zur Ruhe zu kommen“.

„Deine Farbmetaphern sind interessant. Beide scheinen jedenfalls interessante Persönlichkeiten zu sein“, lächelt Jaron.

„Das sind sie“.

„Du sagtest, du seist hier, um nachzudenken, zu überlegen, wie es mit dir und Birger weitergehen soll“.

Ich nicke zustimmend und frage mich, worauf Jaron jetzt hinaus möchte.

„Du wirkst auf mich nicht wie jemand, der spontan entscheidet“, darauf reagiere ich mit einem zustimmenden Schnauben: „Wahrlich nicht!“.

Schließlich habe ich monatelang gebraucht, um an einen Punkt zu kommen, an dem mir klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte.

„Hast du also verschiedene Szenarien imaginiert? Und wenn ja, wie sehen die aus?“

„Du meinst zum Beispiel, wie es wäre, wenn ich mich von Birger trennte?“

„Ja - zum Beispiel“.

„Nicht wirklich, ich kam immer nur so weit, eine mögliche Trennung nicht mehr auszuschließen“.

„Was hinderte dich, weiterzudenken?“

Darauf zucke ich nur hilflos mit den Achseln.

„Okay, da ist also eine Barriere, die dich daran hindert, dir die Konsequenzen einer Trennung wirklich vor Augen zu führen, diese Barriere solltest du ernst nehmen. Was hindert dich andererseits daran, dir die Fortführung  der Beziehung auszumalen?“

„Ich habe Phasen, da kann ich mir vorstellen, ohne Birger zu leben, aber dann tauchen Momente auf, die mich daran erinnern, wie sicher ich mich bei ihm meist fühle, wie stark er ist, zupackend, in nahezu allen Zusammenhängen sehr verlässlich.  Er liebt meine Familie… und ich glaube ihm auch, dass er mich liebt. In der Nacht, bevor er zu seiner Kollegen-Freundin zog, sagte er mir, auch wenn er mir verspräche, nicht mehr fremdzuvögeln, würde ich ihm wahrscheinlich nicht glauben, dass er das hinkriegte. Damit hat er Recht. Und ich weiß, dass er sich deshalb unheimlich hilflos fühlt… ich, wir beide stecken fest in einer nicht mehr tragbaren Situation und wissen nicht, wie weiter“.

„Ich fass nochmals zusammen, was ich gehört habe, okay?“

Wieder nicke ich nur.

„Zwischen dir und Urs gibt es Ungeklärtes, das kann und muss geklärt werden, aus meiner Sicht, denn ich glaube, es spielt eine Rolle in deiner Beziehung zu Birger.  Zu Birger und dir: Du bist frustriert, seinet- und deinetwegen. Du konntest seine Fremdgänge ausblenden, solange du das Gefühl hattest, es handele sich um was rein Körperliches. Sie haben dich verletzt, aber wie gesagt, du konntest sie verdrängen. Durch die Konfrontation mit diesem Patienten war das nicht mehr möglich, dazu kam, dass zwischen ihm und Birger mehr als nur Körperliches im Spiel war. Deshalb bist du nicht mehr bereit, einfach weiterzumachen wie bisher, aber auch nicht, Birger in die Wüste zu schicken. Das ist ein klassisches Beziehungsdilemma, Simon. Und deine Struktur wie deine Profession hindern dich daran, spontan zu reagieren – und aus meiner Sicht ist das was Positives, es verhindert schnelle Entscheidungen, die nicht alle Faktoren einbeziehen und deshalb oftmals hinterher bereut werden. Du willst das Richtige tun, auch wenn das Richtige in Beziehungskrisen für die Beteiligten oft sehr unterschiedlich aussehen kann. Zu gehen, empfindest du als zu einfach und einfach willst du es dir nicht machen. Auch das ist gut!

Nun zu Birger: Du glaubst ihm, dass er dich liebt. Und er war dir 10 Jahre lang treu, das ist in meinen Augen eine beachtliche Zeit. Ich kann dir nicht raten, was du tun sollst, aber ich kann dir sagen, was ich tun würde, wenn ich dich wäre, wenn du es hören möchtest“.

„Ja!“

„Ich würde mich fragen, in wessen Armen ich sterben wollte, wenn ich gehen müsste“

„In Birgers“, antworte ich ohne Zögern.

Anstelle einer Antwort neigt Jaron leicht seinen Kopf und schaut mich lächelnd an und ich weiß nicht, ob ich jemals in ein wärmeres und zugleich leuchtenderes Blau als das seiner sanften Augen geschaut habe.

„Dann sucht gemeinsam die Trigger für sein Fremdgehen, aber wie gesagt, sucht sie gemeinsam “

„Welche Trigger sind das, einer Meinung nach?“, frage ich, auch wenn er mir vermutlich nicht darauf antworten wird.

„Auf die ersten Male – vor seiner langen monogamen Phase – kommst du sicher schnell allein, den letzten, den müsst ihr aus meiner Sicht, wie gesagt, gemeinsam ergründen - und jetzt lass uns noch eine Runde schwimmen!“, beendet er das Gespräch.

Als wir vom See zurückkommen, ist es acht Uhr abends und der Geruch von Gegrilltem empfängt uns schon auf der Straße vor dem Haus.

„Ah, der verlorene Bruder ist zurück!“, grinst Sebastian, betrachtet dabei aber Jaron, nicht mich, „wollt ihr mitessen?“

„Danke, das ist nett, aber ich hab noch was zu tun“, lehnt der freundlich ab und schon ist er weg.

„Alles okay, bei dir?“, fragt mich Sebastian leise, seine großen Knopfaugen eindringlich auf mich gerichtet.

„Ja“, antworte ich genauso leise.

Wieder wird es ein schöner Abend, an dem ich gerne die anderen reden lasse und erfahre, dass Sebastian morgenfrüh unerwartet für ein zweiTage nach Innsbruck muss.

„Kommst du ohne mich klar hier?“

„Natürlich“ antworte ich und meine es auch so.

Später, als wir schon im Bett liegen und ich auf das ruhige Atmen meines kleinen Bruders höre, denke ich einmal mehr, wie sehr ich ihn doch lieb hab und gleite langsam selbst in einen leichten Schlaf.

Irgendwann dringt jedoch Musik in mein Bewusstsein, sehr leise diesmal, ich höre sie dennoch – wie Sirenenklang, den man nicht ausblenden kann.

Wieder ist es Bob Seger: „Somewhere tonight“…und ich stelle mir vor, wie Jaron dem melancholischen Song zuhört und frage mich, was er dabei denkt und was ihn mitten in der Nacht umtreibt.