26I Jarons Song
26I Jarons Song
Schönen Sonntag zusammen, wie angekündigt, kommt das nächste Kapitel früher als üblich. Es verrät ein bisschen mehr über Jaron.
Habt Spaß und wenn ihr mich eure Eindrücke wissen lasst, freue ich mich.
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
26I Jarons Song
Er hat den Song* auf repeat gestellt. Ich hoffe, er findet es nicht übergriffig, dass ich mitten in der Nacht bei ihm aufkreuze, aber das wird er mir dann sicher sagen. Sein kleines Refugium in seinem Garten hat nachts etwas Magisches an sich, ich schaue mich in ihm um und atme tief ein, bevor ich die metallene Wendeltreppe zu Jarons Küche hochsteige, deren Türe weit geöffnet ist. Ich klopfe an, ernte aber keine Reaktion. Ohne seine Einladung, in die Wohnung reinzugehen, um nach ihm zu suchen, traue ich mich dann doch nicht und trete den Rückzug an .
„Ich würd‘ mich sehr freuen, wenn du reinkommst…!“ Jaron erhebt sich von dem großen Küchentisch, an dem er offensichtlich im Dunkeln saß, was auch immer machend, denkend, träumend?
„Kannst du nicht schlafen, hm?“
„Nein“.
Er streckt mir einladend seine Hand entgegen und ich frage mich, was er vorhat, aber eigentlich ist es egal, denn was ich in der kurzen Zeit mit ihm erlebt habe, war, wie soll ich sagen? Unerwartet, ungewöhnlich, hilfreich, entlastend, schön?
„Komm! Simon mit den schönen Augen, komm herein und tanz‘ mit mir!“
Ich könnte ich nicht Nein sagen, auch wenn ich wollte, und so lasse ich mich von ihm in sein Wohnzimmer ziehen, aus dem die Musik klingt. Ohne zu zögern, legt er mitten im Raum seine Arme um meinen Hals und beginnt sich schweigend zur Musik zu bewegen. Und das Erstaunliche ist, dass mir die Szene vollkommen natürlich vorkommt. Ich kenne Jaron kaum und doch fühlt er sich nicht fremd, sondern vertraut an. Er hat ungefähr meine Größe, auch einen sehr schlanken Körperbau und scheint dennoch viel fragiler als ich, so dass ich davor zurückscheue, ihn fest anzupacken.
„Ich bin zäh….“, murmelt er und legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab.
„Warum hast du den Song auf repeat gestellt?“
„Ich mag, wie Seger das singt, nicht wie der Rocker, der er eigentlich ist, auch nicht wie der rauchig-stimmige Verführer – ich finde seine Stimme hier … zuwendend, unmittelbar, ‚raw‘ – und väterlich“.
„Hmm“.
„Und dann – so* ist es doch oft, nicht? Irgendwo öffnet sich einer einem anderen, aber sein Gegenüber weist ihn zurück; jemand ist der Gründe und Ausreden des anderen so müde; jemand erkennt, irgendetwas ist wirklich zu Ende, ein anderer, dass es zu spät ist, und er fühlt den ‚kalten Wind, der vom Norden her bläst‘. … und manchmal weißt du nicht, ob du‘s schaffst – ohne jemanden, auf den du dich verlassen kannst… der dich hält, wenn es dir schlecht geht, den du halten kannst, dem du etwas bedeutest…“.
„So fühlst du dich heute Nacht?
„Ein wenig“.
„Und was von all dem fühlst du besonders?“
„Vielleicht von allem ein bisserl. Als ich heute Abend so dasaß und ich mich hineinhorchte, wurde mir klar, dass ich nicht mehr allzu lange bei Ludwig und Andreas bleiben kann. Ein Grund, so lange zu bleiben, war u.a., dass ich Angst hatte, Andreas könnte Ludwig verlassen und er wäre dann allein. Das hätte ich nicht ausgehalten, aber so ist es nicht, Andreas liebt Ludwig wirklich sehr, er kämpft jeden Tag mit und für ihn, erträgt seinen Schmerz, seine Frustration, freut sich über jeden kleinen Fortschritt. Und manchmal habe ich den Eindruck, Ludwig reagiert oft positiver auf mich als auf ihn. Das ist auf Dauer nicht gut, denn ich bin nicht mehr Ludwigs Lebensgefährte, verstehst du? Andreas ist es und das sollte Ludwig realisieren. Er und ich haben unseren Frieden miteinander ja gemacht, es ist Zeit zu gehen – auch, damit … ich wieder mehr ich selbst sein kann“.
„Damit du wieder dein Leben leben kannst?“
Als er nickt, kitzeln seine Haare meine Nasenspitze – das ist … nett .
„Diese Erkenntnis macht dich traurig?“
„Eher wehmütig. Und wegzugehen, wieder mein Leben zu leben, ist leichter gesagt als getan. Ich kann nicht einfach da weitermachen, wo ich vor eineinhalb Jahren aufgehört habe. Ich muss mich neu ausrichten. Das hab ich zwar schon öfters im Leben getan oder tun müssen, aber es wird irgendwie schwerer, mich immer wieder neu zu erfinden“.
Er fühlt sich plötzlich so fragil an, verletzlich und unsicher, so dass ich ihn unwillkürlich ein wenig dichter an mich ziehe und dabei feststelle, seine Haare riechen ganz leicht nach Zitrone. Wieder hat er ein seidiges Hemd an, das sich unter meinen Händen gut anfühlt - wir halten uns, bewegen uns schweigend im Tanz und schließlich blende ich Segers Stimme aus, so dass sie nur noch ein leises Echo zu sein scheint, Worte – seien sie nun gesungen oder von uns gesprochen – scheinen mit einem Mal unnötig. Ich glaube, Jaron möchte genauso wenig wie ich unser unverhofft vertrautes stilles Zusammensein unterbrechen.
„Weißt du, viele Menschen können ganz schlecht loslassen – ich kann es, glaube ich, fast zu gut oder vielmehr lasse ich vielleicht zu schnell los. War schon immer so“.
„Loslassen – viele würden das gerne besser bewerkstelligen können – ein bisschen mehr Zen-like sein“, kommentiere ich.
„Hat wie alles im Leben zwei Seiten, nicht? Manche könnten es missverstehen als Gleichgültigkeit oder gar Gefühllosigkeit – Ich finde es auf jeden Fall gut, dass du dir mit deiner Entscheidung nicht leicht machst “.
Er seufzt ein wenig.
„Willst du mir anvertrauen, in wessen Armen du einmal sterben willst?“
Er braucht eine Weile, um zu antworten und ich lausche seinem auffallend gleichmäßigen, bewussten Atmen:
„Die Liebe meines Lebens heißt Igor und ist 79 Jahre alt. In seine Augen zu sehen und von ihm gehalten zu werden, wenn ich gehen muss, das wäre schön. Aber er ist nicht sehr gesund. Also wäre das umgekehrte Szenario wahrscheinlicher, allerdings bezweifle ich, dass es so kommen wird. Er würde es nicht wollen, er ist einer, der alles Schwere mit sich alleine ausmacht. Ich liebe diesem Mann seit über 20 Jahren…seit ich meine Lehranalyse bei ihm machte, aber er ist nie auf meine mehr als deutlichen Signale eingegangen, er schrieb mir einmal - konnte es mir offensichtlich nicht sagen -, dass er mich sehr liebe, aber dieses Gefühl nicht der Realität einer körperlichen Beziehung aussetzen und damit gefährden möchte. Wie auch immer...war schwer für mich. Und dennoch konnten wir eine stabile Verbindung aufbauen und sie über all die Jahre hinweg retten. ... So würde ich wohl meinen Bruder Jakob bitten, mich auf meiner letzten Reise zu begleiten. Er ist der stärkste und mutigste Mensch, den ich kenne“.
„Jakob ist dein Schreinerbruder - oder?“
„Ja. Er ist der ruhende Pol in unserem hyperaktiven Familienverein…du schmeckst übrigens gut!“ - Unverhohlen schnüffelt er an mir herum und ich erinnere mich daran, dass Bayern auch „schmecken“ sagen, wenn sie „riechen“ meinen und lache leise:
„Du bist schon eine besondere Type, Jaron Andermann!“.
„Und du bist ein äußerst attraktiver Mann, Simon Bartels, du hast eine sehr sanfte Schönheit, das mag ich, und du riechst eben extrem gut…“.
„Das ist Sebastians Zeugs, ich hab meines zu Hause liegen lassen“.
„Hmm, ein zerstreuter Kerl bist auch noch. Sympathisch!“.
„Hast du noch Kontakt zu deiner großen Liebe?“
„Ja! Ich besuch ihn, wann immer ich kann. Seine Tochter ist meine beste Freundin“.
Ich frag nicht weiter, denke an unser Gespräch über ‚Seelengeliebte‘ und bin ziemlich sicher, dass für Jarons Ex, Ludwig, die Sache mit Jarons Lebensliebe keine einfache war. Vielleicht spielte es sogar eine Rolle bei der Trennung. Lehranalytiker gibt es viele und dennoch scanne ich mein Gedächtnis nach jemandem der älteren Garde durch, der Igor heißt, und werde tatsächlich fündig.
„… meinst du etwa Igor Hausmann**?“, frage ich ins Blaue hinein, weil ich ahne, dass Jaron sich auf jeden Fall eine Koryphäe als Lehrmeister ausgesucht hat.
Jaron antwortet nicht verbal, sondern drückt sich ein bisschen enger an mich.
„Entschuldige, die Frage war übergriffig“.
„Seelenforscher sind per se neugierig, ansonsten hätten sie einen anderen Beruf gewählt…“, lacht er leise, steuert mich zu seiner Megaanlage und stoppt endlich den Repeatmodus und ich bin froh darüber, ich kann ein paarmal ein Stück hintereinander anhören, aber nicht stundenlang das gleiche.
Doch wie hätte es auch anders sein können, der nächste Titel ist: „We’ve got tonight“, und ich gebe einen unbestimmten Laut von mir.
„Keine Sorge, ich weiß, dass Simon Bartels nicht für eine Nacht zu haben ist und zudem an seinen Birger gebunden ist, auch wenn er in letzter Zeit daran zweifelt. … Aber schau, es ist so leicht manchmal, die Grenze zu überschreiten … es braucht nur eine geeignete Szenerie, eine entsprechende Stimmung… ein bisschen gegenseitige Anziehung, Sympathie und schon ist sie da, die Nähe, die zu mehr führen könnte, es aber nicht zwangsläufig tun muss“.
Ich weiß, was er mir damit sagen will: Er versteht uns beide, Birger, der diese Nähe zu anderen Männern immer wieder zulässt und mich, für den so etwas nicht in Frage kommt.
„Danke“, murmle ich und lege meinen Kopf auf seiner rechten Schulter ab, während seiner wieder auf meiner linken ruht, „danke für alles!“
„Mehr als gern geschehn!“, antwortet er genauso leise.
Es ist schön, das sanfte gegenseitige Wiegen, die leicht rauchige Stimme Bob Segers, die uns dabei begleitet, und ich spüre, wie ich zur Ruhe komme. Wer weiß, vielleicht schlafen wir beide im Stehen ein, schmunzle ich in mich hinein.
„Was bist du für ein Sternzeichen? Zwilling?“, frag ich irgendwann.
„Glaubst du an so was?“
„Nicht wirklich. Manchmal aber stimmen die Zuschreibungen ganz gut. Und schreibt man Zwillinge nicht zu, gut loslassen zu können? Wenn was nicht funktioniert, wenden sie sich einfach einer anderen Sache zu…?“, lach ich leise
„Nein, ich hab im Oktober Geburtstag. Und du?“
„November“.
„Und was sagt man über Novemberkinder?“
„Komplizierte Charaktere…“, lautet meine Antwort und nun lacht er.
„Ahhh….aber nein, so kompliziert find ich dich nicht“.
Er nimmt einen Arm von meiner Schulter, tritt einen halben Schritt zurück, legt eine Hand auf meine Hüfte und schiebt sie sanft mit einer Halbdrehung von sich weg und wieder zurück.
„Ich kann leider keine Standardtänze“, geb ich ein wenig unbeholfen zu.
„Macht nix, was Langsames kriegt jeder hin. Und du hast Körpergefühl, das merkt man“.
Und so überlasse ich mich vertrauensvoll Jarons Führung und wir gleiten in einen friedvollen Traumtanz, der in eine Endlosschleife zu münden scheint, so dass ich die Zeit vergesse und alles, was mich seit langem so runterzieht.
*Somewhere tonight
Someone's reaching out to someone who's refusing
Someone's tired of all the reason's someone's using
Someone doesn't understand
Somewhere tonight
Someone's thinking back to someone who got closer
Someone's realizing something's really over
Someone's thinking it's too late
Someone's thinking it's too late
There's a cold wind blowing from the north
And the summer birds are leavingAs the sun slips ever further south
The lakes will soon be freezing
And the ice will claim the empty shores
Where the ones in love went walking
And the hard blue skies will shiver
As the winter clouds come stalking
And unless you find someone to hold
Unless someone starts caring
Unless you find the warmth you need
Unless someone starts sharing
When the long nights start closing in
And the winter winds come howling
You don't know if you'll make
Without someone you can count on
Somewhere tonight
Someone's packing up
And someone's really leaving
Someone's not quite sad
Only disbelieving
Someone's walking out the door
Someone's walking out the door
**Das ist natürlich eine erfundene Person