27I Rollentausch
27I Rollentausch
Schönen Sonntag zusammen, der Titel dieses Kapitels verrät, denke ich genug.
Habt Spaß und lasst mich an euren Eindrücken teilhaben, ich freue mich darauf!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
2 7 I Rollentausch
„Und so überlasse ich mich vertrauensvoll Jarons Führung und wir gleiten in einen friedvollen Traumtanz, der in eine Endlosschleife zu müden scheint und ich vergesse die Zeit und alles, was mich seit langem so runterzieht“.
Wann ich jedes Zeitgefühl verloren habe, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich die Auszeit von meinen Problemen nicht beenden möchte.
„Ich möchte dich nicht vom Schlafen abhalten“, sag ich dennoch irgendwann leise. Jaron hat mir heute so viel geschenkt, seine Zeit, sein Ohr, sein Verständnis, seinen Schlaf will ich nicht auch noch einfordern.
„Ich schlaf selten mehr als fünf Stunden“, antwortet er leise und ich verstärke den Druck meiner Arme um seine Hüfte.
Wie jeder Mensch ist Jaron ein Puzzle, das zusammenzufügen, den vielen nicht einmal selbst gelingt. Schon auf den ersten Blick wirkte er auf mich extrem vielschichtig: Sonnig, gechillt, dabei feinfühlig und aufmerksam, nachdenklich, tief und heute Nacht zeigt er – vielleicht ohne es zu wollen….nein, das kann ich streichen, Jaron zeigt nur das, was er will – ein weiteres Puzzleteilchen seiner Persönlichkeit, das das ordentliche Paket, das er mit sich rumschleppt, erahnen lässt.
„Ich freu‘ mich, wenn du bleibst, aber vielleicht sollte ich mal was essen“, fügt er hinzu und lacht leise, „hast auch Hunger?“
„Nee, aber was zum Trinken hätte ich gern“.
Wir landen schließlich auf Jarons Couch, er mit einem Pott heißer dunkler Schokolade und einer kleinen Schüssel Nüsse und ich mit einem alkoholfreien Pilz.
„Bist du Antialkoholiker?“, frage ich.
„Nein, aber in meiner Familie wird schon viel getrunken…das Bier um 11 Uhr zur Weißwurst ist in Bayern kein Mythos, weißt du. Da musst schon ein bisschen gegensteuern. Und du‘? Wenn du ein bisserl was intus hast? Ich glaub, dann wirst du noch ernster, oder?“
„Nicht unbedingt, eher … anhänglich “.
„Du meinst, du wirst geil?“, grinst er und ich lache: „Ja. So kann man‘s auch ausdrücken“.
Aber ich möchte jetzt den Blick nicht mehr auf mich gerichtet wissen.
„Warum sagtest du früher, du müsstest dich neu erfinden – wieder mal?“*
„Weil ich nicht glaube, an dem Punkt wieder ansetzen zu können, von dem ich vor eineinhalb Jahren eine Auszeit genommen habe. Eine ziemlich laute innere Stimme sagt mir, solch ein Versuch würde scheitern. Ich kann gut mit mir allein sein, aber ich bin ein Rudeltier, insofern mag ich, dass ich bei Ludwig und Andreas immer jemanden um mich habe, aber wie gesagt, ich denke nicht, dass es ihrer Beziehung guttut, wenn ich länger bleibe und mir auch nicht. Schau, ich machte mit Ludwig bewusst eine Doppelpraxis auf, weil es nichts für mich ist…den ganzen Tag allein mit Patienten zu sein und zwischendurch keine Möglichkeit zu haben, mich auszutauschen. Da werd‘ ich depressiv“.
„Könntest du dir vorstellen, in einer Klink zu arbeiten?“
„Vielleicht. Muss aber heute nichts entscheiden“, antwortet er und nagt seine Nüsse.
„Simon, ich möchte dir jetzt etwas als ein Freund und nicht als Kollege sagen“, teilt er mir nach einer Weile mit, „weißt du, du denkst vielleicht, dass du deine Beziehungskrise besser handeln müsstest. Vielleicht stimmt das auch, aber ich sehe, du setzt dich mit deiner Verletzung auseinander, die ringst mit ihr und ihren Implikationen, sei es auch etwas verzögert. Aber sieh’s mal so, Birgers Fremdficks haben dich zwar gestört und verletzt, aber irgendwas in dir nahm sie auch nicht so wichtig, dass du früher ‚aktiv‘ werden musstest. Ich denke, das war so, weil du sie für bedeutungslos hieltest, und dann waren sie das auch, meinst du nicht? Die letzte Sache, die wurde virulent, weil sie Bedeutung hatte – für Birger und somit auch für dich. Aber …“, und jetzt sieht er mich durchdringend an: „Weil er die Gefährdung erkannte, beendete Birger das, was auch immer zwischen ihm und deinem Ex-Patienten war, bevor du damit ungewollt konfrontiert wurdest“.
„Und du meinst, das ist das, was ich mir vor Augen halten sollte?“
„Ich würd’s auf jeden Fall tun. Ich schätze deinen Birger so ein, dass er längst gegangen wäre, wenn er es je gewollt hätte. Aber er folgt dir seit vielen Jahren dahin, wohin du gehst, wenn du morgen auf die Fidji-Inseln auswandern wolltest, würde er vermutlich auch mitgehen“.
„Das klingt fast biblisch…“, murmle ich.
„Ist es auch… wie heißt’s da? ... 'Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott…".
„Eigentlich ironisch, dass das oft als Trauspruch gewählt wird, bedenkt man, wer das zu wem sagt, auch wenn es in keinem Beziehungskontext im eigentlichen Sinn steht“, schmunzle ich.
„Ich finde den ersten Teil höchst spannend“, antwortet Jaron und geht nicht auf meine Bemerkung ein.
„Du meinst, …‘rede mir nicht ein‘…dass das Birger sagen könnte?“
„Hmm. Die Bibel ist die umfassendste Sammlung menschlichen Verhaltens, menschlicher Erfahrungen, Gefühle, Ängste etc - vergiss das nicht“.
„Meine Mutter ist Pastorin, wie könnte ich das vergessen?“, aber wenn ich zu mir ehrlich bin, habe ich diesen Aspekt des Zitats bisher ausgeblendet.
Rede ich mir und Birger vielleicht tatsächlich implizit ein, er wolle mich verlassen? …interpretiere ich seine Fremdgänge so? Das muss ich ihn zumindest bald fragen, ob er das auch so empfindet.
„Glaubst du, man kann innerhalb von wenigen Tagen zu Freunden werden?“, wechsle ich das Thema
Jarons Antwort darauf ist ein erfrischend lautes Lachen:
„Aha, du hast für heute genug davon, deine Beziehung zu erforschen, versteh’s. Aber klar, glaube ich das. Das Spektrum ist doch riesig. Schau, nachdem ich Igor Hausmann dazu gekriegt hatte, dass ich die Lehranalyse bei ihm machen konnte, war ich vor der ersten Sitzung so aufgeregt, dass ich kein Wort rauskriegte. Und dann lächelte er mich wissend an und ich versank in seinen fast schwarzen Augen … und tauchte im Grunde nie wieder daraus auf. Ein Blick genügte und ich war verliebt. So etwas gibt es, egal, was Rationalisten und sogenannte Realisten sagen. Und dich mochte ich schon, bevor ich dich kannte, allein von den Fotos in Sebastians Zimmer“.
„Die er weggeräumt hat…offenbar“, werfe ich ein.
„Ahhh…ist das herzig, will er dir nicht zeigen, wie sehr er dich und euere Familie vermisst…?“.
„Dann werde ich ihn wohl nicht darauf ansprechen, sondern ihn vielmehr bitten, uns bald mal wieder zu besuchen“, beschließe ich.
„Guter Plan!“
„Wie hast du das weggesteckt? Wenn ich fragen darf… das mit dir und Igor?“
„Ich hab’s nicht weggesteckt, nur akzeptiert. Konnte, kann es ja nicht ändern. Extrem schwer wurde es, als er mir irgendwann gestand, dass er mich auch liebt. Zu wissen, es wäre emotional möglich, aber er will es dennoch nicht, das war für mich sehr verletzend“.
„Er hat eine Tochter, wie du sagtest, mit der du sehr gut befreundet bist, also ist er verheiratet?“
„Ja, aber er und seine Frau sind seit vierzig Jahren getrennt, zwar eng miteinander verbunden, aber nicht als Paar, das ist nicht der Grund. Solche Arrangements gibt es viel häufiger als viele denken. Es ist jedoch nicht mehr so, dass ich ihm an die Wäsche wollte, dazu ist er zu unberührbar, aber mal eine Nacht in seinem Arm verbringen, ihm so nahe sein, wie man das nur sein kann, wenn man in den Armen des anderen schläft, loslässt und nur noch vertraut, …das wär schön“.
„Das hört wirklich sich wunderschön an“, bekräftige ich, „weißt du, ich habe dich zu Beginn auf meiner Farbskala bei wolkenlosem Tropea-Blau angesiedelt, wegen deiner Augen, aber jetzt sehe ich die tiefvioletten Einschlüsse. Bei der Frage, welche Farbe Schmerz hat, denkt man zunächst an Rot , aber ich assoziiere eher Violett".
Darauf geht er wieder nicht ein, das verstehe ich , über seine Verletzungen will er nicht mehr reden und lenkt wieder geschickt den Fokus auf mich.
„Und welche Farben trägst du in dir, Simon?“
„Ein Gemisch aus Silber, hellem Blau und Anthrazit“.
„Und ich sehe eine Wiese, auf der wilde Waldvergissmeinnicht wachsen…helles Grün, in das ganz sanftes Blau eingebettet ist, umgeben vom satten Schieferbraun des Waldes… und es ist wirklich schön, was ich sehe“.
Was soll ich darauf sagen? Zumal ich gerade nicht sprechen kann, dazu ist der Kloß in meinem Hals zu groß. Er bringt mich wirklich aus der Fassung - dieser blaugrünbunte sympathische Kerl!
„Möchtest du in meinem Arm ein wenig schlafen?“, kommt irgendwann aus meinem Mund, als meine Stimmbänder wieder funktionieren, doch kaum ausgesprochen, kann ich nicht glauben, dass ich das tatsächlich gefragt habe. Im Gegensatz zu mir bringt ihn mein Vorschlag aber nicht aus der Fassung, sondern er nickt .
Als er eine halbe später friedlich mit mir auf seinem großen Bett liegt und schläft, nicht in meinem Arm, aber mit mir zugewandtem Gesicht und seiner Hand von meiner umschlossen, weiß ich, dass es die sinnvollste Frage war, die ich heute Nacht gestellt habe.
*Liebe Netsparrow – danke für die Idee zu dieser Frage :)
** aus dem Buch Rut 1,16-17)