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28I Fast…

Zwischenfarben — www.fanfiktion.de · All chapters

28I Fast…

Schönen Abend zusammen -  nach einer langen – leider unvermeidbaren – Pause bin ich zurück und es geht weiter mit den Zwischenfarben und ... ich werde sie auf jeden Fall zu Ende erzählen.

Zur Erinnerung: Simon nimmt sich eine Auszeit von seiner Beziehung zu Birger und hält sich eine Weile bei seinem Bruder Sebastian in München auf. Dort lernt er Jaron kennen, der ihn von Beginn an fasziniert. Innerhalb kürzester Zeit gewinnt der schillernde, unangepasste Psychotherapeut das Vertrauen des ansonsten eher zurückhaltenden Simon und setzt einen inneren Prozess in ihm in Bewegung. Ich hoffe, er ist euch nicht zu fremd geworden :)

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

2 8 I Fast…

Besonders überrascht bin ich nicht, als ich kurz nach neun allein in Jarons Bett aufwache, kann eine leise Enttäuschung jedoch nicht unterdrücken. Wäre schön gewesen, wären wir gemeinsam aufgewacht und hätten noch ein bisschen geredet über die vergangene Nacht, die vertrauensvolle Nähe, die wir, denke ich, beide spüren, obwohl wir uns objektiv betrachtet noch wenig kennen. Subjektiv jedoch habe ich das Gefühl, ich könnte Jaron alles anvertrauen, was ich nur schwer mit anderen teile. Denn Jaron hat mich ohne Zweifel „gekriegt“. Er ist ein Menschenflüsterer – ein Simonflüsterter: Unglaublich, wie viel er schon in mir erschaut und mir gespiegelt hat. „Und ich sehe eine Wiese, übersät mit wilden Waldvergissmeinnicht…ich sehe helles irisierendes Grün, in das ganz sanftes Blau eingebettet ist - beides vom satten Schieferbraun des Waldes eingerahmt“. Er hat meine Eigenheit, Menschen und Beziehungen mit Farben zu vergleichen, nicht nur aufgenommen, sondern mir auch ein unglaubliches Kompliment gemacht: „…es ist wirklich schön, was ich sehe“.

Das hat mich so tief berührt, auch, weil ich den „schieferbraunen Wald“, der mich umgibt, mit Birger assoziiere und glaube, Jaron dachte auch an ihn, als er das sagte. Birgers Farbtöne – angefangen beim tiefen Braun seiner Augen und Haare bis zu seinem rostbraunen, heißeren bassigen Lachen und seiner Café-au-lait-farbenen Haut gehören einer Farbgruppe an und doch ist er sehr facettenreich. Meine Farben sind uneindeutiger, mit meinen dunklen Haaren, der hellen Haut und den blaugraugrünen Augen – ein Gemisch. Und dann ist da Jaron – er erscheint wie eine goldfarbene-blaugrüne irisierende Wolke über uns, aber eine, die sich nicht verflüchtigt, sondern bleibt - an der Seite derer, die ihn brauchen. Ich würde Birger und Jaron gerne zusammenbringen...

Und gerne würde ich noch eine Weile in diesem großen, bequemen Bett liegen bleiben mit der weichen Bettwäsche, die ganz leicht nach einem Gemisch aus Zitrone und Lavendel riecht. Weiße Bettwäsche, keine blaue oder grüne oder blaugrüne, sondern weiße. Jaron lässt sich nicht in eine blaugrüntürkisfarbene Schublade stecken, kein Mäntelchen umhängen, das ihm nicht passt.

Es fällt schwer, mich aufzurappeln, es ist so friedlich hier. Wo Jaron wohl steckt? Vielleicht ist er unten in seinem kleinen Zaubergartenfleck und trinkt lauwarmen Tee, aber ich höre leider keinen Laut. So ist es irgendwann Zeit aufzustehen und auf die Suche nach ihm zu gehen. Mich nach meiner Hose bückend, sichte ich einen Zettel, der auf eines meiner Hosenbeine geheftet ist:

„Guten Morgen, Simon, ich hätte es gerne gehabt, mit dir gemeinsam aufzuwachen und zu frühstücken, aber leider muss ich zu einem Meeting und bin erst heute Abend wieder zurück. Vielleicht sehen wir uns dann? Würde mich freuen. Habe wunderbar geschlafen, danke dafür. Wenn du bei mir frühstücken und der vergangenen Nacht noch ein bisschen nachsinnen willst, bedien‘ dich mit allem, was du findest,

Gruß Jaron.

P.S.: Im Schlaf bist du übrigens sehr anziehend, viel weniger in Habachtstellung als im Wachzustand – dich so entspannt zu sehen, hat mich sehr berührt und ich hätte dich fast geküsst…FAST“.

Oh Mann! Jarons Direktheit schafft es wieder, mich ins Stolpern zu bringen. Würde Jaron mich küssen, würde ich den Kuss beantworten? Aber er hat es nicht getan und das war sicher eine bewusste Entscheidung.

Die Chancen stehen gut, dass ich ihm im Schlaf auf die Pelle gerückt bin, denn ich suche nachts unwillkürlich nach Hautkontakt, Nähe, Wärme, auch im Sommer. Hoffentlich war ich nicht zu aufdringlich, aber seine Nachricht wirkt nicht irritiert. Birger spendet seine Wärme sehr freigiebig und lässt mich meine kalten Füße immer unter seine warmen Waden schieben, auch wenn ihm im Schlaf schnell zu heiß wird. Das ist keine altruistische Großtat, aber Ausdruck von Nähe und Verbundenheit. Ich glaube ihm, dass er mich liebt – nur, warum er dann die anderen immer wieder gebraucht hat, darauf habe ich noch keine ganz klare Antwort für mich gefunden, auch wenn Jarons Fragen eine Richtung andeuten.

Zögerlich kehre ich einige Zeit später in die untere Wohnung zurück mit einem ambivalenten Gefühl im Bauch: Einerseits freue ich mich über Jarons Nachricht und die Aussicht, erneut mit ihm den Abend zu verbringen, und der Fastkuss schmeichelt mir, andererseits habe ich Sebastians Abfahrt heute Morgen verpasst. Wahrscheinlich stört ihn das weniger als mich, aber da komme ich zu ihm gekrochen, weil es mir schlecht geht und verbringe dann die ganze Zeit mit seinem Vermieter. Ich hoffe nun auf seine Großmut, die wesentlich ausgeprägter ist als meine. Diesen entspannten, weiten Blick auf das Leben und auf Menschen, den Sebastian und Jaron beide haben, hätte ich auch gerne.

In Sebastians Zimmer angekommen, suche und finde ich auch mein Handy:

„Mit meinem Vermieter die Nacht durchzumachen, ist offensichtlich spannender als neben deinem Bruder zu pennen. Verstehe! Wenn ich zurück bin, will ich alles wissen, alles! Vergnüg‘ dich nicht zu sehr, bis die Tage, Sebastian“

Mein üblicherweise überhaupt nicht inquisitorischer Bruder will alles wissen? Mal sehen, was ich ihm erzählen werde.

Ein deutliches Knurren aus Richtung meiner Körpermitte erinnert mich daran, dass ich Hunger habe – ein schönes Gefühl, wenn es einem so lange abhandengekommen war. Ich erhitze Milch, rühre zwei Teelöffel von Sebastians geliebter Ovomaltine rein, schnappe mir ein Croissant und setze mich auf die Terrasse. Draußen zu sein und Zeit zu haben, einfach nur dazusitzen und zu atmen, ist einfach herrlich. Wäre da nicht die Sache mit dem absoluten Schutz der Privatsphäre, würde ich manchmal mit dem ein oder anderen meiner Patienten am liebsten hin und wieder eine Sitzung ins Freie verlegen und auf dem Bodanrück spazieren gehen, anstatt in der Praxis zu sitzen.

Irgendwie vermisse ich, dass Musik aus Jaron Wohnung klingt, sie sagt so viel über ihn aus. Ziemlich zusammenhanglos  denke ich an das, was er mir über seine sexuellen Vorlieben angedeutet hat, dass er gerne küsst, aber keine Penetration mag. Was heißt das genau? Mag er auch keine orale Befriedigung? Anal mögen viele nicht. Die Intimität, die ich bei beidem empfinde, erregt mich unheimlich und in einer Beziehung darauf zu verzichten, fiele mir schwer. Das hat ja nicht nur mit körperlicher Befriedigung zu tun: Wenn ich mit jemandem schlafe, kann ich die Nähe zulassen, nach der ich mich in diesen Momenten sehne, die ich aber auf mentaler Ebene nur sehr schwer zulassen kann.

Jaron sagte, sein Ex Ludwig hätte in sexueller Hinsicht auf vieles verzichten müssen während ihrer Beziehung und das sei wohl ein Grund für ihr Scheitern gewesen. Das ist hart, wenn einer nicht bekommt, was er will, vielleicht auch auf Dauer braucht, der andere es ihm aber nicht geben kann. Auf der anderen Seite waren sie sehr lange zusammen, und die Entwicklung nach ihrer Trennung zeigt, dass sie sich nach wie vor lieben. Die ungewöhnliche Situation, in der Jaron, Ludwig und sein Mann Andreas sich befinden, beeindruckt mich und ich wünsche ihnen, dass sie einen Weg finden…zu dritt und in absehbarer Zeit zu zweit. Denn ich denke, dass Jaron auf Dauer wieder ein eigenes Leben führen muss. Es wird Ludwig und Andreas treffen, aber kann Jaron die nächsten Jahre in einer Art Zwischenzeit leben? Auch wenn ich mir die Lage der beiden schrecklich vorstelle, sollten sie von Jaron nicht annehmen, sein Leben länger auf sie beide zu konzentrieren.

Ich atme tief durch, denn plötzlich erscheinen mir meine Probleme mit Birgers Fremdgängen ziemlich überschaubar, und Jarons Art, Leben zu betrachten, stellt etwas mit mir an und das Engegefühl und der Druck lösen sich langsam.

Ironisch – denke ich, so lange habe ich nahezu wie emotional paralysiert in einem Zustand der Bewegungs- und Ratlosigkeit verharrt und dann dreht ein  – allerdings begnadeter Zuhörer und Fragensteller – einen Schalter in mir um und es geht mir schlagartig besser – unabhängig davon, ob Birger und ich unsere Krise bewältigen werden. Das hängt  ja nicht nur davon ab, ob ich die Max-Geschichte endgültig hinter mir lassen kann, sondern auch davon, was Birger will und braucht, wenn ich zurückkomme.

Wieder schwenken meine Gedanken zu Jaron. Dieser Andermann, ich möchte ihn  noch viel besser kennenlernen. Ich möchte ihn in meinem Leben behalten. Aber das wollen wahrscheinlich viele, die ihn kennenlernen. Er hat schon was Guruhaftes an sich, denke ich schmunzelnd.

Irgendwann werde ich durch anhaltendes Läuten der Türglocke in meiner Introspektion gestört. Zunächst ignoriere ich es, da es sicher nicht mir gilt; wer immer es auch ist, muss wiederkommen. Aber die Person sieht das anders und lässt nicht locker, so dass ich mich durch den Garten zur Haustüre quäle, vor welcher ich einen großen schlaksigen Halbwüchsigen vorfinde.

„Kann ich helfen?“, begrüße ich ihn. Ich weiß, dass Sebastian Gastdozent beim „München-Seminar“ ist,  einem Programm für fitte Gymnasiasten, vielleicht gehört der Knabe dazu.

„Ist Herr  Bartels da?“, fragt er und hält sich krampfhaft an den Riemen seines Rucksacks fest.

„Ich bin auch ein Herr  Bartels, aber wahrscheinlich nicht der gefragte. Mein Bruder ist nicht da, leider“, antworte ich lächelnd.

„Kann ich was ausrichten?“, schiebe ich nach, weil mein Gegenüber extrem gestresst wirkt.

„Nee…, ich muss ihn selbst sprechen, wann kommt er denn wieder?“.

„Leider erst in ein paar Tagen“, gebe ich Auskunft, welche sein Stresslevel zu erhöhen scheint, denn nun beginnt er die ohnehin schon abgeschabte rechte Schuhspitze seiner riesigen Sneakers auf der steinernen Treppe hin- und herzuwetzen.

„Sie sind sein Bruder Simon, nicht?“

Nun werde ich hellhörig, denn ich glaube nicht, dass Sebastian Schülern von seiner Familie erzählt.

„Worum geht es denn? Vielleicht kann ich ja helfen?“

„Er hat uns mal Fotos gezeigt, von Ihnen, Ihren Eltern und so…“.

„Na dann!“, versuche ich ihn aus der Reserve zu locken und es scheint zu gelingen, denn jetzt zeigt er ein anrührend schiefes Lächeln.

„Ich bin Valentin. Meine Mutter und Sebastian waren eine Weile zusammen“.

„Weiß Ihre Mutter, dass Sie hier sind?“, gehe ich zunächst nicht auf sein Statement ein.

„Sie können ruhig ,du‘ sagen, ich bin erst 16“.

„Ok, weiß deine Mutter, dass du hier bist?“

Er schüttelt erwartungsgemäß den Kopf.

„Also ist das hier eine geheime Mission?“

Er nickt und sieht verlegen vor sich hin.

„Ich halte gerade bei ein spätes Frühstück ab – auf der Terrasse hinten. Willst du mir dabei Gesellschaft leisten – will heißen, hast du Hunger?“

Wieder nickt er.

„Ist ein Croissant ok? Schoki oder Cola?“

„Beides bitte…und gerne ein Croissant“.

Ich kann ein leises Lachen angesichts seiner Direktheit nicht unterdrücken, wandere mit ihm zur Terrasse und hole anschließend  das Gewünschte, zwei Croissants, einen Pot Schoki und ein großes Glas Cola, letzteres leert er mit wenigen Zügen – klar, Stress macht durstig –, lehnt aber ein zweites ab. Die Croissants taucht er dann ungeniert in seinen Schoki ein und mampft sie selbstvergessen. Ich hasse Krümel in meinen Getränken und kann ihm kaum zusehen.

„Ich bin schuld, dass sie sich getrennt haben“.

Da ich bis vor kurzem nicht wusste, dass Sebastian eine Freundin mit Anhang hatte, die ihn wegen ihrer Kinder verließ, bin ich ganz Ohr:

„Ich finde es sehr mutig, dass du hierhergekommen bist, kann nicht leicht für dich sein“.

Er zuckt zwar mit den Schultern, aber die Röte, die sich in rapider Geschwindigkeit vom Hals aufsteigend über sein Gesicht verbreitet, verrät ihn.

„Eigentlich mag ich Sebastian“, murmelt er.

„Ich auch“, lächle ich, „…ohne ,eigentlich‘“.

Statt darauf zu antworten,  löffelt er die Croissantkrümel aus der Schokitasse und ich muss ein leichtes Schütteln unterdrücken.

„Es sind noch intakte Croissant da…“.

„Danke, eigentlich hab ich heute Morgen genug gegessen, ich krieg nur immer Hunger, wenn ich nervös bin“.

Noch sieht man ihm das nicht an, schmunzle ich.

Ohne weitere Umschweife kommt er schließlich auf sein Anliegen zurück.

„Unsere Eltern haben uns nie den wahren Grund für ihre Trennung gesagt. Aus meiner Sicht vertrugen sie sich eigentlich ganz gut. Aber plötzlich heißt es, wir haben uns entschieden auseinanderzugehen, weil es nicht mehr geht, aber wir werden beide immer für euch da sein…bla, bla, bla…“.

„Manchmal gibt es Gründe für eine Trennung, die Eltern ihren Kindern nicht sagen, um sie zu schützen oder für die sie vielleicht nicht die richtigen Worte finden, aber leichtfertig und ohne Grund trennen sich Eltern eigentlich selten“, wende ich ein.

„Sie müssen so was ja sagen…“.

„Ich sage das, weil es meist so ist“, stelle ich richtig und ernte ein etwas unwilliges Knurren.

„Magst du mir verraten, wie lange deine Eltern schon geschieden sind?“

„Fünf Jahre“.

Da war er elf, das ist ein schwieriges Alter für so eine elementare Krisensituation.

„Hm, da warst du also elf“.

„Ja, und mein Bruder war neun“.

Ich bin kein Kinderpsychologe, aber ich weiß, dass Mädchen und Jungen in der Regel unterschiedlich mit Scheidungen umgehen und zurechtkommen und dass das Alter eine entscheidende Rolle spielt und Jungen in dem Alter, in dem die beiden waren,  Scheidungen eher schlechter verkraften.

„Es lief danach auch eigentlich ok. Mein Vater zog nach Augsburg, aber wir haben weiter viel  als Familie gemeinsam gemacht. Geburtstage und so“.

„Aber plötzlich taucht ein neuer Mann im Leben deiner Mutter auf“.

„Ja und der ist nicht viel älter als ich“.

„Na ja, Sebastian ist doppelt so alt wie du …“, wende ich ein.

„Aber mein Vater ist 52!“, entgegnet er indigniert.

„Und warum wurde Sebastians Alter zu einem Problem für dich? Du sagtest ja, dass du ihn eigentlich magst?“

„Am Anfang war es kein Problem, aber mein Vater sagte was zu meiner Mutter, als sie dachten, wir würden es nicht hören – Eltern sind ja so ahnungslos, denken, dass wir es nicht mitkriegen, wenn sie plötzlich leise werden, dabei wollen wir dann erst recht wissen, was los ist“.

Schmunzelnd stimme ich ihm zu.

„Zu sehen, dass die ehemalige Partnerin sich neu orientiert, kann auch nach Jahren nach einer Trennung wehtun, und wenn man verletzt ist, dann sucht man nach Erklärungen für das Scheitern der Beziehung, die müssen dann aber nicht zutreffen“, antworte ich vorsichtig.

„Ich weiß das… inzwischen. Hätte mit meiner Mutter reden sollen, anstatt ihr hinzuknallen, dass ich zu meinem Vater ziehen will“.

„Habt ihr mal mit jemand Professionellem gesprochen, der euch helfen kann, dir und deinem Bruder?“

„Sie meinen mit so jemandem wie Ihnen?“

„Ja, zum Beispiel – es gibt auch Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche und ihre Familien, das ist niederschwelliger“.

„Niederschwelliger?“

„Ja, die Hürde, dort hinzugehen, ist manchmal niedriger als zu einem Psychologen oder Psychotherapeuten zu gehen“.

„Nee, wie gesagt, sie vertrugen sie sich trotz der Scheidung ja ganz gut“.

Und dann lernt die Ex einen Jüngeren kennen und das wirbelt alles auch 5 Jahre später noch durcheinander.

„Ich weiß mittlerweile, dass es mein Vater war, der Scheiße gebaut hat und meine Mutter hat ihn irgendwie b eschützt , damit unser Verhältnis zu ihm nicht gestört wird. Und ich hab’s ihr angelastet und die Sache mit Sebastian vermiest“.

„Und das tut dir jetzt leid“.

„Ja, und es geht ihr gar nicht gut, immer noch nicht. Aber vielleicht ist es zu spät und Sebastian hat schon wieder jemand anderen?“

„Das musst du ihn selbst fragen“.

„Denken Sie, er hört mir zu?“

„Mit Sicherheit“.

Natürlich weiß ich nicht, ob mein Brüderchen daran Interesse hat, die Beziehung wieder aufleben zu lassen, ich glaube jedoch nicht, dass er vollkommen über die Trennung hinweg ist und wer weiß? Zuhören wird er dem mutigen Kerlchen, das für seine Mama über seinen Schatten springt, auf jeden Fall.

„Ich glaube, ich muss dann mal wieder“, kündigt Valentin seinen Abschied an, steht auf und räumt Tasse, Glas und Teller zusammen und wirkt dabei so zerknirscht wie ein Sechzehnjähriger eben wirken kann.

„Soll ich Sebastian sagen, dass du da warst oder lieber nicht?“

Er überlegt eine Weile, runzelt dabei die Stirn und sieht dabei absolut herzig aus – und ich borge Jarons Ausdruck aus, weil der so passt –, dass ich lächeln muss.

„Wär vielleicht ganz gut, so als Vorwarnung…“.

„Ok, dann mach ich das. Und, es hat mich übrigens sehr gefreut, dich kennenzulernen“.

Das bringt mir ein halbes Lächeln ein und ich begleite meinen sich bei mir höflich bedankenden Überraschungsgast zum Ausgang  - gespannt, ob und wie die Sache weitergeht.

Auf so unerwartete Weise plötzlich einen Einblick in Sebastians Leben bekommen zu haben, von dem er mir in letzter Zeit nicht viel erzählt hat, ist merkwürdig und mir wird schmerzlich bewusst, wie sehr ich mich in den letzten Monaten auf mich selbst konzentriert und nicht mitbekommen habe, dass sich Sebastian verliebt hat und sehr unglücklich war, als er verlassen wurde.

Diesen Tunnelblick auf mich selbst muss ich abstellen! Und zwar sofort, beschließe ich, bringe die Wohnung ein bisschen Ordnung und mach mich anschließend auf dem Weg zum Feldmochinger See, um über die vergangene Nacht, den „Fastkuss“, den ereignisreichen Morgen und meine Zukunft nachzudenken.