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3I Der Morgen danach

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3I Der Morgen danach

Guten Tag zusammen,

in diesem Kapitel lernt ihr Birger kennen - wenigstens ein bisschen. Viel Spaß beim Lesen, ich freu mich auf eure Kommentare!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

3 I Der Morgen danach

Der See ist kalt heute Morgen, aber ich fröstle nur kurz und durchpflüge das Wasser mit weitausholenden Armzügen und kräftigen Beinschlägen. Es gibt nichts Befreienderes als sofort nach dem Aufstehen nackt in den See zu springen, so früh, dass kein anderer auf die Idee kommt, und noch bevor Birger Gelegenheit hat, seine Morgenlatte unmissverständlich an mir zu reiben und ich es nicht fertigbringe, ihn wegzuschieben. Für ihn ist das wie pinkeln gehen, wenn seine Blase drückt: Der Druck muss abgebaut werden, sofort und sogleich. Impulskontrolle ist ein Fremdwort für meinen Mann, wenn’s um seinen Schwanz und dessen Botschaften geht.

Nach einer halben Stunde drehe ich um und schwimme zum Ufer zurück. Mir jeden Morgen, von April bis Oktober, solange die Wassertemperatur es eben zulässt, eine Stunde alles, was mir nicht aus dem Kopf will und was sich hinter keine noch so dicke mentale Stahltüre drängen lässt, vom Seewasser umspülen zu lassen, hält mich funktionsfähig – körperlich und geistig. Fühlt sich an wie eine neuronale Lymphdrainage.

Der Abend bei Urs gestern war schön – das Einschlafen neben Birger – eigenartig. Er hätte gerne geredet, aber ich nicht. Denn zurzeit bin ich nicht sicher, was ich ihm sagen soll und vor allem - wie. Ist schon absurd, dass ausgerechnet mir die richtigen Worte fehlen. Ich meine, ich bin nicht nur Therapeut, sondern komme aus einer Familie, die dem Wort Kommunikation neue Dimensionen verliehen hat. Meine Mutter ist Pastorin und mein Vater Rhetorikprofessor, ich wuchs sozusagen in einer Welt des geschulten wohlplatzierten Wortes auf. Aber in der tiefsten Beziehungskrise meines Lebens kriege ich einfach nicht das Maul auf. Groteskerweise verschließt mir die Ironie dieses Umstands noch fester den Mund. Vielleicht sollte ich meinen Beruf überdenken, auch wenn er bisher gut funktioniert hat. Die Sache ist eben die, dass es an professioneller Distanz mangelt, wenn es um einen selbst geht. Therapeuten sind ebenso wenig Beziehungsgaranten im Privatleben wie alle Ärzte ihre Empfehlungen für ein gesundes Leben selbst beherzigen, beschwichtige ich meinen Unmut, der sich genauso gegen mich selbst wie gegen Birger richtet.

Birger wird wissen wollen, warum ich aus der Krise nicht rauskomme. Und ich denke, das müsste er eigentlich wissen. Ist ja nicht so, dass wir noch nicht darüber gesprochen hätten.

Ich drehe mich auf den Rücken und aale mich im Wasser. Herrlich frisch. Nackt fühle ich mich mit dem nassen Element noch enger verbunden als ohnehin schon. Ich mag sogar, wenn das Wasser meinen Schwanz umspült. Aber es ist zu kalt, um länger drinzubleiben und deshalb kraule ich schnell auf unser Grundstück zu.

Und-? Was sehe ich?

Es lebe die Vorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens!

Denn dort steht er schon, Birger, mit meinem Handtuch in der Hand und starrt mich an. Seine merkwürdige Stimmung von vergangener Nacht und sein Bedürfnis zu reden, scheinen erstmal zurückgestellt.

Seine dunklen Augen scannen mich von oben bis unten und bleiben an meiner Körpermitte hängen, als ich bewusst langsam die Stufen zu unserem Garten hochsteige und das Wasser abschüttele. Ich hab‘ einen guten Körper, keinen dem man das bekleidet gleich ansieht, aber nackt durchaus. Es gehört nicht viel dazu, die Botschaft in Birgers Blick zu verstehen. Und ich mag das - immer noch. Dass mein Anblick ihn geil macht. Früher machte genau dieser Blick mich in Sekundenschnelle genauso spitz wie Birger meist ist. Mittlerweile brauche ich – zumindest manchmal - ein bisschen Animation.

Andererseits - es ist noch genügend Zeit, erst um die halb sieben – warum sich also nicht auf einen schnellen Fick einlassen?

Dann läuft der Tag viel besser, entspannter… ist Birgers Standardspruch, der mir erst seit der Sache mit Max gegen den Strich geht.

Der sexuelle Appetit meines Mannes ist enorm. Grinsend wirft er mir das Handtuch zu und flüstert rau:

„Mach ein bisschen, ich muss in einer Stunde in der Praxis sein“.

Klar, ihm meinen Arsch hinzuhalten, dafür reicht ‘ne halbe Stunde und es ist ja auch nicht so, dass ich mich dazu zwingen muss: Birger ist definitiv der beste Liebhaber, den ich je hatte. Er kennt jede Stelle, an der ich berührt werden will, ist alles andere als ein rücksichtsloser Rammler, sondern achtet darauf, dass auch ich „Spannung abbaue“ – allein, dass seit Max die Anspannung in meinem Hirn und neuerdings auch in meinem Magen hinterher nicht abflacht, sondern eher anwächst.

Als ich heute trotz seiner begabten Hände nicht komme, riskiert er, in Zeitnot zu geraten, dreht mich auf den Rücken und bläst mir einen - nach allen Regeln seiner Kunst und ich explodiere geradezu in seinem Mund.

„Heute wird es wieder spät – Dan und ich müssen über die Abrechnung drüberschauen. Wart‘ also nicht auf mich“.

Ich glaube nicht, dass Endorphine, die ein Orgasmus jemals in einen Körper spülte, diesen fluchtartiger verließen als diejenigen, die mir vor Sekunden noch ein Hochgefühl bescherten und jetzt wie auf Knopfdruck verschwunden sind.

Ich nicke anstelle einer Antwort.

Wie kommt er darauf, dass ich immer noch auf ihn warte? Aber ich sage nichts und frage mich nur, ob Esther, die Dritte im Bunde der Gemeinschaftspraxis, beim „Drüberschauen“ auch dabei ist.

Ich hasse es, wenn Birger Namen abkürzt, Daniel Dan nennt – klingt affig und Esther nennt er Ess – wie blöd ist das denn?

Er macht das bei fast allen Leuten. Sein Vater ist „Pa“, seine Mutter „Mams“, seine Schwester „Sis“, obwohl sie, wie ich finde, einen schönen Namen, hat – Sophia.

Nur mich nennt er schon immer beim vollen Vornamen. Irgendeine Abkürzung fiele ihm sicher ein. Si –oder Mon .

Ich kichere vor mich hin, als mir bei diesem Gedanken einer meiner Lieblingsfilme in den Sinn kommt: – der halluzinierende nackte Simon auf dem Dach – ich muss mir den Film demnächst unbedingt wieder reinziehen. * Birger und ich haben ihn zusammen schon wiederholt angesehen, doch er hat die Namensszene seltsamerweise nie adaptiert, dafür sieht er mich jetzt irritiert an, wahrscheinlich interpretiert er mein Gekicher als etwas vollkommen Anderes als es ist.

Als ich aus der Dusche komme, ist Birger überraschenderweise noch da, scheint sogar auf mich zu warten. Ohne Vorwarnung umarmt er mich von hinten, als ich an ihm vorbei an den Kühlschrank gehe, und drückt sich an mich. Er hat vor mir geduscht und riecht gut, sauber und frisch. Dennoch – seine unerwartete Zärtlichkeit verwundert mich und als ich deshalb den Kopf wende, um in seinem Gesicht zu lesen, was er will, küsst er mich.

Er küsst genauso gut wie er fickt: Sanft nagt er an meiner Unterlippe und dreht mich zu sich um, um den Kuss zu vertiefen. Man kann schon verrückt nach ihm werden, wenn er so drauf ist. Jedenfalls war ich’s viele Jahre lang – berauscht von seinen Pheromonen, gierig nach seinen Berührungen. Die körperliche Seite unserer Beziehung hat mich all die Jahre über das, was mich stört, hinwegsehen lassen. Allerdings ist dieser Gedanke nicht ganz fair ihm gegenüber. Er bedeutet mir mehr als seine Künste im Bett. Als Sebastian, mein kleiner Bruder, schwer krank war, saß Birger mit mir tagelang an seinem Bett, hielt meine Hand und war nicht nur für mich, sondern für die ganze Familie der Fels in der Brandung. Und als ich oft heulte wie ein Kind, weil mir die Sache mit Urs damals so zusetzte, hat Birger mich getröstet und mir zugesichert, dass er Urs für stark genug halte, da auch wieder rauszukommen. Diese Seite, die aufbauende und stützende, hat er eben auch.

„War sehr schön vorher“, sagt er leise, fast ein bisschen unsicher.

„Mhm“, - mehr krieg ich nicht raus.

„Sollen wir am Wochenende was zusammen machen? Wir könnten mal wieder nach Zürich – vielleicht über Nacht bleiben?“

„Am Wochenende geh ich mit Urs segeln“.

Er nickt, ist nichts Ungewöhnliches, dass ich mit Urs segeln gehe. Außerdem ist Eifersucht nun wirklich nichts, was ich Birger vorwerfen könnte.

„Dann ein anderes Mal“, antwortet er wieder leise, „ich überleg‘ mir was“.

Am Fenster stehend, mein morgendliches Glas Milch in der Hand, schau‘ ich ihm nach. Birger ist kein schöner Mann, dazu fehlt es ihm an Ebenmäßigkeit; er hat etwas an sich, das man im Englischen mit „rugged“ beschreibt. Herb passt irgendwie nicht, weil ich da an Wein denke, hart stimmt auch nicht, wenn er lächelt, dann werden seine Züge ganz weich…ja, „rugged“ passt, finde ich – und genau das gefällt mir, zieht mich an. Je älter er wird, umso stärker tritt es hervor und er erinnert mich mehr und mehr an Jürgen Maurer**. Birger hört das nicht gern, er sei schließlich deutlich jünger, sähe nicht so dauermürrisch aus, habe deutlich weniger auf den Rippen und mehr Haare auf dem Kopf habe er auch, meint er. Stimmt alles, aber Maurer wirkt ja auch nur in bestimmten Rollen angepisst. Ich mag ihn jedenfalls, v.a. die Art wie er spielt und genau wie bei ihm, verändert sich auch bei Birger etwas, wenn der in Aktion kommt und anfängt zu reden. Seine ruhige tiefe Stimme löst im Gegenüber ein Gefühl der Sicherheit aus, und seine Überzeugungskraft und die rehbraunen Augen signalisieren seinen Patienten, dass sie ihm vertrauen können. Kein Wunder, dass er bei ihnen beliebt ist.

Als ich ihn kennenlernte, hat mich seine Energie und sein fast unverschämtes Selbstvertrauen magisch angezogen und nachdem wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten, konnte ich nicht genug von ihm kriegen und bin einfach bei ihm geblieben.

Auch heutzutage stoße ich ihn selten von der Bettkante. Aber die Sache mit Max hat etwas verändert zwischen uns. Obwohl sie zu Ende ist. Sie haftet an unserer Beziehung wie ein übler Geruch, der auch nach mehrmaligem Lüften nicht weichen will. Dabei weiß ich, dass Birger mich liebt – eben so, wie er’s kann und früher hat mir das auch genügt. Birger ist ein facettenreicher Typ. Wenn er in Stimmung ist und alle möglichen Leute parodiert, Reden im Stil der Kanzlerin oder Rudi Dutschkes hält, dann lach‘ ich mich tot und stelle nicht in Frage, warum ich schon so lange mit ihm zusammen bin.

Aber es gibt eben auch all die Abende, an denen ich mich frage, was er gerade treibt – oder vielmehr nicht mehr frage und es einfach hinnehme. Beides tut mir nicht gut und die Sache mit Max hat ein nun schon viel zu lange anhaltendes Unwohlsein bei mir in Gang gesetzt.

Birger spürt vielleicht doch intensiver als ich ihm zutraue, dass ich an dem Punkt bin, an dem ich uns massiv hinterfrage. Deshalb wird er sich definitiv etwas einfallen lassen, um mich zum Bleiben zu bewegen, um mir zur beweisen, dass wir es auch dieses Mal schaffen können. Doch die Krise, in der wir gerade stecken, fühlt sich gefährlicher an als die früheren.

Etwas endlich an sich heranzulassen und daraus Konsequenzen zu ziehen, sind erfahrungsgemäß verschiedene Dinge und deshalb zögere ich so - man wirft 15 gemeinsame Jahre nicht einfach hin. So bin ich nicht gestrickt. Ich bin niemand, der rennt, wenn etwas schiefläuft, allerdings läuft das hier seit einiger Zeit in eine Richtung, die ich nicht mehr mitgehen kann. Die Frage ist nur, wohin es dann gehen soll.

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*Sterben für Anfänger

**Österreichischer Schauspieler, er spielt z.B. mit Ulrich Noethen in „Neben der Spur“.