30I Ausflug nach „Anderheim“
30I Ausflug nach „Anderheim“
Schönen Tag zusammen!
Es geht weiter mit den Zwischenfarben. Dieses Kapitel zeigt, was Simon derzeit umtreibt und es endet mit einem Cliffhanger, deshalb kommt das folgende sehr bald!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
30I Ausflug nach „Ander h eim “
Jaron wirkt auch in den folgenden Tagen extrem gestresst und braucht jeden Abend eine ganze Weile, um runterzukommen.. Ich hatte nicht von ihm erwartet, gleich zuzustimmen und mitzukommen, wenn ich wieder nach Hause fahre. Aber einige Zeit an meinem See zu verbringen, wird ihm guttun, glaube ich wenigstens. Ich weiß, dass er die Entscheidungen, seine nächsten Schritte betreffend, selbst treffen muss und auch wird - ebenso wie ich meine natürlich. Wie schwer das manchmal allerdings ist, darüber könnte ich eine Abhandlung schreiben. Lebensverändernde Entscheidungen an sich zu treffen, ist nie leicht, sie dann aber in die Tat umzusetzen, erfordert noch wesentlich mehr Energie, von der ich derzeit nicht allzu viel besitze. So verschiebe ich den Anruf bei Birger von einem Tag auf den nächsten. Zu viele offene Fragen schwirren mir im Kopf herum und verhindern noch den Griff zum Telefon: Was kann ich ihm auch sagen? Wie soll ich beginnen, wie wird er reagieren? Und bin ich auf alle seine eventuellen Reaktionen vorbereitet? Was werde ich tun, wenn er mich zurückweist? Wenn er zu verletzt ist, wenn er es nun ist, der Abstand will, Abstand braucht?
Ich ahne, was ich anderen raten würde, aber wie so oft in letzter Zeit, hilft mir das nicht so, wie ich es mir wünsche. Urs würde sagen: Da musst du durch, Kleiner, aufschieben, aufschieben und immer wieder aufschieben, bringt niemanden weiter. Jaron würde dem zustimmen, aber den Druck nehmen, indem er mir versichern würde, dass ich den Zeitpunkt selbst bestimmen müsste. Jaron - er bewohnt gerade meine Gedanken dauerhaft, auch wenn er nicht anwesend ist.
Aber seine deutlichen Worte über unsere Nähe haben mir vor Augen geführt, dass ich ihm nicht zu viel zumuten darf, er hat ebenso ein ordentliches Päckchen an emotionalen Ballast zu tragen wie ich und ich darf mich durch seine äußere Ruhe nicht dazu verleiten lassen, ihm meine eigenartigen Stimmungen ständig aufzuhalsen. Glücklicherweise hat seine Klärung bzw. Grenzziehung keine unangenehmen Nachwirkungen. Wir sehen uns weiterhin, so oft er Zeit hat, und in unseren Gesprächen lerne ich ihn immer besser kennen und was er mir da zeigt, mag ich einfach sehr. Als ich ihn während unseres Gesprächs gestern Abend fragte, wie es für ihn gewesen sei, mit vier Brüdern aufzuwachsen, lachte er und antwortete: „Grauslig schön“, und da konnte ich gar nicht anders, als unwillkürlich mitzulachen.
„Alles, was daran schön ist, ist zugleich auch belastend“, führte er ernsthafter aus. „Du bist nie allein, musst dir deine Individualräume regelrecht erkämpfen, deren Schutzmauern die anderen aber selten respektieren und deshalb hemmungslos reinpoltern. Du hast immer jemanden, der hilft, aber auch immer einen, der sich ungefragt einmischt. Du lernst teilen, aber auch darauf zu achten, dass dein ‚Besitz‘ nicht ungefragt den Besitzer wechselt…du entwickelst dich - vielleicht sogar ungewollt - zum Individualisten, um in dieser großen Geburtsgemeinschaft du selbst werden und sein zu können. Ich liebe meine Brüder und brauche doch reichlich Abstand zu ihnen. Als ich meinen ersten Freund mit nach Hause brachte, wurde er nicht von meinen Eltern, sondern von meinem Brüdern inquisitorisch beäugt und ausgefragt – es war unglaublich peinlich. Akzeptiert haben sie alle, dass ich schwul bin, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie sind gutmütig, herzlich und offen, aber meinen Entschluss, mit Andreas Ludwigs Pflege zu teilen, heißen sie nicht gut. Sie haben Ludwig seinen Abgang hier immer noch nicht verziehen. Dass ich damit meinen Frieden gemacht habe, irritiert sie mehr, als dass es sie von ihrer Sichtweise abbringt – ihren kleinen Bruder verlässt man nicht so einfach, weißt und dann regt der sich auch noch weniger darüber auf als sie. Wobei das nicht ganz stimmt…ich regte mich nur anders auf“.
„…leiser…“, vermutete ich.
„Analytischer würd ich’s nennen, denn ich versuch, die Perspektive Ludwigs nicht aus dem Blick zu verlieren, das hilft“, antwortete er und massierte sich nachdenklich seine Nasenwurzel.
„Und deine Eltern? Wie sind sie?“
„Wundervoll!“, antwortete er breit lächelnd, „sie verstehen das mit Ludwig, auch wenn sie mich immer wieder bitten, mich selbst nicht zu verlieren.
Sie sind ziemlich gegensätzlich in ihrem Verhalten: Meine Mutter ist laut, direkt, manchmal auch zu unverblümt, bunt, exaltiert, immer in Bewegung, hat immer neue Pläne im Kopf, umtriebig, auch mit Ende 70 noch, sie ist ein Theaterfreak, liebt Opern und singt sie laut mit, während mein Vater tiefversunken durch seinen Blumengarten wandert, Schnecken von den Blättern abliest, sie in einem Eimer sammelt und irgendwo - weit entfernt von irgendwelchen Gärten – aussetzt, damit sie nicht schaden, aber ihnen auch kein Schaden zugefügt wird, denn sie sind ja wichtig fürs ökologische Gleichgewicht und ‚auch Geschöpfe des lieben Herrgotts‘, sagt er immer. Während meine Mutter Fleischpflanzerl und Würstl liebt, ist er seit jeher Vegetarier. Verschiedener könnten sie also nicht sein, und doch verbindet sie eine tiefe Liebe zueinander und zu ihren Kindern. Meine Brüder und ich sind mit Zuneigung und Unterstützung von meinen Eltern reich beschenkt worden und ich denke, deshalb sind wir alle auch so verbunden miteinander“.
Nach einer kurzen Pause überraschte er mich mit der Frage: „Willst mal mitkommen, solange du noch da bist, und sie kennenlernen – morgen Abend zum Beispiel oder am Sonntag, da fahren alle an den Ammersee, meine Eltern haben da ein Haus“.
„Morgen Abend komme ich gerne mit, euren Sonntag will ich nicht stören“.
„Würdest nicht, aber ok – morgen Abend also. Keine Sorge, ich kündige dich zwar an, aber sie sind Gäste gewöhnt“, grinste er, „auch unangekündigte“.
Und so kommt’s, dass ich mich heute Abend, natürlich von Jaron begleitet, gespannt zu einem Ausflug in die Welt der Andermanns aufmache und absolut nicht enttäuscht werde. Jarons Eltern wohnen in einem Münchner Vorort in einem großen, etwas „verbauten“ Haus, an mehreren Ecken, scheint immer mal wieder etwas drangebaut worden zu sein, vielleicht wuchs es mit der Anzahl der Kinder mit? Jedenfalls hat es für Münchner Verhältnisse einen riesigen Garten, der sehr gepflegt wirkt.
Als Jaron und ich gegen Acht ankommen, finden wir seine Mutter, drei seiner Brüder, zwei Schwägerinnen und mehrere Nichten und Neffen etwas ungeduldig hinter dem Haus an einem großen gedeckten Tisch sitzend, während der Vater mit einer Gießkanne in aller Ruhe Blumenbeete wässert. Es wirkt, als vollziehe er ein geheimes Ritual, das der Rest der Familie nicht zu stören wagt. Ich werde den am Tisch Sitzenden kurz vorgestellt und freundlich angegrinst und grinse in die Runde zurück.
Seine auffälligen blauen Augen hat Jaron unübersehbar von seiner Mutter, auch wenn die ihren aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters etwas blasser wirken. Auch seine Brüder sind damit gesegnet. Und es fällt sofort ins Auge, dass Jaron seinen Hang zu auffälligen Farben und bunter Kleidung ebenfalls von seiner Mutter hat. Sie winkt mir von ihrem Sitzplatz zu und lächelt mich unverhohlen interessiert an: „Wie schön, dass du kommen konntest, Simon! Ich bin Antonia“. Seine Brüder und seine Schwägerinnen stellen sich ebenfalls vor und sobald ich mich neben Jaron an den Tisch gesetzt habe, schauen wir alle gebannt auf den Vater, dessen Gießzeremoniell sich langsam ihrem Ende zuzuneigen scheint.
Irgendwann merke ich, dass Jaron mich beobachtet - um einzuschätzen, wie ich auf seine Familie reagiere? Ich lächle ihm zu und nicke unmerklich: „Alles ok!“ Daraufhin richtet er seine Aufmerksamkeit auf seine Nichten und Neffen.
Um halb neun stehen schließlich mehrere Schüsseln und Platten auf dem Tisch: Gemüse, Obazda, Quark, verschiedene Salate, Bratwürste, Brezeln und Brot. Zu trinken gibt es Bier und kalten Tee. Wie auf Kommando verfallen alle in eine seltsam organisierte Hektik, füllen sich ihre Teller und beginnen gleichzeitig zu essen und zu erzählen und zu diskutieren - über alle möglichen Themen, inklusive Wirtschaftsprognosen, Münchner Lokalpolitik, Theater- und Konzertprogramme und die Pläne für das Familienwochenende am Ammersee. So sieht also eine Andermann‘sche Brotzeit aus, denke ich. Unwillkürlich kommen mir die im Vergleich hierzu deutlich überschaubareren und ruhigeren Abendbrottische meiner Kinderzeit in den Sinn. Auch wenn Sebastian und ich wahrlich nie hungern mussten, sondern gut und sehr ausgewogen ernährt worden sind, stand selten so viel zur Auswahl auf dem Tisch. Ich fühle mich in einen Film versetzt, der in Italien oder Südfrankreich spielen könnte und warte regelrecht darauf, dass von irgendwoher plötzlich der Duft von Zitronen- oder Pinienbäumen zu uns herüberweht. Ich schmunzle, die Familie ist genauso wie Jaron sie beschrieben hat und ich kann absolut nachvollziehen, dass er Familien- bzw. Geschwisterkonstellationen spannend findet, was liegt näher, wenn man in einem Clan aufwächst? In dieser einladenden und ungezwungenen Wärme, die diese große Familie ausstrahlt, gediehen eine Reihe von großartigen Menschen, scheint mir.
Auch unsere Eltern haben es nie an Zuwendung und Zuneigung fehlen lassen. Obwohl mich ihre Rationalität manchmal überforderte, wusste ich immer, dass sie hinter mir stehen und ich zu ihnen kommen konnte, wenn ich Hilfe brauchte. Diese Art verlässlicher Zuwendung hat Birger nicht bekommen, auch Urs nicht. Urs‘ Eltern waren nie schrecklich zu ihm, aber auf eigenartige Weise unbeteiligt, ihr Verhalten ist schwer in Worte zu fassen. Dass sie nie aktiv intervenierten, als er so abstürzte, ist mir zum Beispiel ein Rätsel. Und wenn ich an Birgers Kinder- und Jugendjahre denke, fröstelt es mich sogar an diesem wunderbaren warmen Sommerabend. Gegen einen despotischen und unberechenbaren Vater anzukommen, ist für ein Kind unmöglich, v.a. wenn die Mutter erschütternd hilflos wirkt … Unwillkürlich vergleiche ich Jarons und meine Familie mit der meines besten Freundes und der meines Mannes und schüttle innerlich den Kopf. Beide schleppen Ballast mit sich herum, den zu bearbeiten unheimlich viel Kraft kostet. Birger verglich sein Zuhause einmal mit einem Kühlhaus, das von einem Standort zum nächsten transportiert wurde. Und auch wenn man als Erwachsener für seine Handlungen und sein Verhalten größtenteils selbst verantwortlich ist, prägen negative wie positive Erfahrungen in der Kindheit die Sicht auf Beziehungen ein Leben lang. Der Abend, bevor Birger zu Esther ging, kommt mir in den Sinn:
„ Ich sehn mich unheimlich nach dir, Simon. Obwohl ich das gar nicht will. Ich reagiere auf das hier genauso wie ich es nicht will – nie wollte. In meinen Szenarien habe ich mir immer ausgemalt, dich souverän gehen zu lassen, wenn du es willst. Und jetzt …“.
Ja, er hat das mögliche Ende unserer Beziehung immer gedanklich antizipiert, um darauf vorbereitet zu sein. Um „souverän“ zu wirken…als ob dies in solch einer Situation wirklich möglich wäre.
„Immer noch alles ok, oder willst du gehen?“
Mit seiner kaum hörbar ausgesprochenen Frage holt mich Jaron zurück ins Hier und Jetzt und ich versichere ihm, dass es mir bei seiner Familie gefällt und als wir gehen, ist es nach Mitternacht.
„Waren Ludwig und deine Familie eng?“, frage ich auf der Rückfahrt.
„Ja, vor allem er und mein Bruder Joshua, sie machten oft Sport zusammen. Fragst, weil Ludwig nicht nur mich, sondern auch meine Familie ‚verlassen‘ hat?“
„Ja, denn deine Familie ist sehr besonders und ich denke, er vermisst sie.“
„Stimmt, aber so was ist halt unvermeidlich bei einer Trennung“.
„Würde Birger auch schwer fallen, er mag meine Eltern und meinen Bruder und sie ihn“.
„War es also Birger, über den du heute Abend so intensiv nachgedacht hast?“
„Hmm – ja, auch. Er und auch Urs hatten nicht so ein unterstützendes Elternhaus wie du und ich – und wie bei uns allen beeinflusste und beeinflusst das ihr Beziehungsverhalten sicherlich. Und ich weiß, dass ich mich bald bei Birger melden sollte, hab aber keine Ahnung, was ich sagen soll, wie ich ein Gespräch eröffnen soll…“.
„Lass dir Zeit, bis du es weißt“.
Ich lächle, greife über die Konsole und drücke kurz seine Hand: „Danke! Ich dachte mir, dass du mir das empfehlen würdest“.
Auch wenn ich Sebastian versprochen habe, mich so bald wie möglich bei Birger zu melden, werde ich mir die Zeit nehmen, die ich brauche, denn deshalb bin ich ja hierhergekommen, um meine Entscheidungen in aller Ruhe zu treffen.
Nie hätte ich in dem Moment damit gerechnet, dass mir die Entscheidung dann letztlich doch aus der Hand genommen würde.