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31I „Ruh dich aus, mein Lieber!“

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31I „Ruh dich aus, mein Lieber!“

Schönen Sonntagabend zusammen!

Leider ließ dieses Kapitel viel viel länger auf sich warten als geplant – das tut mir wirklich leid.

Nach eher ruhigen Kapiteln mit wenig Aktion geht es nun etwas turbulenter weiter.

Bin gespannt, was ihr denkt.

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

31I „Ruh dich aus, mein Lieber!“

Die Tage hier in München fließen ineinander und ich lasse mich treiben wie auf einer Welle, die sich  langsam dem Strand nähert, um dann doch immer wieder zurückzuweichen, bis sie sich ausgewellt hat, die Frage ist allerdings, wann das sein wird. Meine Auszeit hat ihren Zweck erfüllt, doch fehlt mir noch der Mut, den nächsten Schritt zu gehen, zum Handy zu greifen und Birger endlich anzurufen. Deshalb tut es gut, Sebastian zurückzuhaben, der deutlich später als geplant, heute zurückgekommen ist.

Abends liegen wir auf seinem Bett, reden und reden, als hätten wir uns Jahre nicht gesehen, tauchen immer wieder ein in Geschichten aus unserer Kindheit, er erzählt von der Wanderung mit seinem ehemaligen Studienkollegen und wie gut es ihm getan hat, aus seiner WG-Blase herauszukommen. Auch den Überraschungsbesuch des älteren Sohnes seiner Ex, Valentin, spricht er an. Der berührt ihn offensichtlich und er wird Kontakt zu dem Jungen aufnehmen, zu seiner Ex scheint er inzwischen allerdings reichlich Abstand gewonnen zu haben. Dass sie keinen Versuch unternahm, den Konflikt gemeinsam zu lösen, kann er nicht nachvollziehen. Bin gespannt, wie die Sache weitergeht und ob sie es tut.

„Und jetzt bist du dran!“ – Sebastian richtet seine großen braunen Augen fragend auf mich.

„Gleich, vorher will ich noch wissen, was du für Fotos in deinem Zimmer aufgestellt hast, die mysteriöserweise nicht mehr da sind?“, versuche ich ein bisschen Aufschub herauszuschinden..

Daraufhin lacht er und schüttelt den Kopf: „Auf keinen Fall, das würde dein Ego befeuern…du musst aushalten, nicht alles zu wissen und zu erfahren…“.

„Das hätte jetzt von Urs kommen können“, stöhne ich, „so was Ähnliches hat er auf unserem letzten Segeltörn gesagt. Er machte eine kryptische Bemerkung und wollte mir partout nicht sagen, was dahintersteckt“.

„Und das wundert dich?“ Sebastian runzelt die Stirn und richtet seinen Blick gen Zimmerdecke: „Urs war schon immer sehr verdeckt, was Persönliches angeht, finde ich. Vielleicht nicht dir gegenüber, aber allen anderen gegenüber schon. Ich glaube, er hält sich nicht für interessant genug, um etwas von sich preiszugeben“.

„Interessante Blickweise. Wahrscheinlich hast du Recht damit – und ihr beide damit, dass ich immer gerne alles wissen möchte“.

„…aber selbst Entscheidendes für dich behältst…“.

„Ich weiß, und ich werde daran arbeiten…“.

„Beginn gleich damit, indem du erzählst, was du bezüglich Birger vorhast“.

„…, ich weiß nicht genau, wie er es angestellt hat, beziehungsweise weiß ich es schon“, lache ich leise, bevor ich weiterrede, „aber Jaron verhalf mir zu einem Perspektivwechsel, den ich eigentlich selbst auf dem Schirm hätte haben müssen: Ich kann mir inzwischen eingestehen, dass ich Birger mit manchen meiner Entscheidungen wie ein Bulldozer überfahren und zu lange im Dunkeln über meine Gefühle gelassen habe“.

„Wie meinst du das?“

„Ich habe ihm nie explizit gesagt, dass ich eine exklusive Beziehung will. Irgendwie dachte ich, das müsse er wissen – das war nicht fair -  wie manch anderes“.

„Mit den Entscheidungen meinst du deine Ortswechsel? Ich hab mich oft gewundert, dass Birger dir immer hinterhergedackelt ist. Er hat ja sogar die Postdockstelle in den USA sausen ließ, um mit dir an den See zu ziehen“.

„Ich weiß“, stöhne ich, „damit hat er eine riesige Chance auf eine wissenschaftliche Laufbahn ausgeschlagen“.

„Vielleicht war ihm die  doch  nicht so wichtig?“

„Ich glaub schon, aber eine Fernbeziehung konnte er sich nicht vorstellen. Und als wir in unsere Krise schlidderten, habe ich darauf gewartet, dass er etwas tut. Mir ging es beschissen und er sollte was dagegen tun, verstehst du? Und als er anfing, sich zu bemühen, konnte ich nicht darauf eingehen…und bin zu dir geflüchtet. Was, denke ich, richtig war, denn ich weiß nicht, ob ich sonst aus meinem Loch herausgekommen wäre, aber was die Kommunikation mit Birger anbelangt, hab' ich kläglich versagt, das ist

ein Muster, an das ich wirklich ran muss“.

Sebastian greift nach meiner Hand, drückt sie fest und ich muss meine Rührung wegblinzeln wegen dieser so väterlichen Geste meines kleinen Bruders: „Weißte, viele Ärzte rauchen, trinken zu viel und/oder tragen einen Wanst vor sich her… Und manche Psychotherapeuten setzen in ihrem Privaten nicht das um, was sie ihren Patienten raten. Ist, denke ich, nicht so ungewöhnlich. Dass du daran arbeiten solltest, ist sicher wichtig, aber wie willst du auf Birger zugehen? Denn das möchtest du doch?“

„Ja, das möchte ich, aber ich hab‘ Angst davor, dass unser Wiedersehen in die Hose gehen könnte“.

„Warum?“

„Birger hatte auch Zeit, sich über uns Gedanken zu machen, ihm wird einiges aufgegangen sein und er wohnt bei Esther, die derzeit, denke ich, nicht gut auf mich zu sprechen ist. Vielleicht stellt er jetzt unsere Beziehung in Frage. Damit muss ich rechnen, dass sich in dieser Zeit für Birger was geändert hat “.

„Und dann?“

„Dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren“.

„Oh Mann…manchmal denke ich, Beziehungsprobleme sind schwieriger zu lösen als die Millennium-Rätsel*“, stöhnt Sebastian und ich wuschle ihm durch seine Lockenmähne.

„Viele Menschen bekommen das ganz gut hin. Denk an Mama und Papa. Ich glaube nicht, dass sie es immer einfach miteinander hatten, dazu sind sie sich zu ähnlich, zu sehr Alphatierchen und doch  sind sie unheimlich gut aufeinander eingespielt“.

„Also besteht für ihre Sprösslinge noch Hoffnung meinste?“

Wir kichern wie kleine Jungs und lösen damit unsere bedröppelte Stimmung auf.

„Ich glaub‘, mir reicht‘s für heute“, gähnt Sebastian und dreht sich auf die Seite.

„Mir auch“, stimme ich zu, mache das Licht aus und lasse mich von den ruhigen Atemzügen meines Bruders in den Schlaf begleiten.

Als gefühlte fünf Minuten später mein Handy summt und ich auf die Zeitangabe schaue, ist es früher Morgen. Das Foto meines Vaters lächelt mich auf dem Display an, aber mir wird schlagartig schlecht. Mein Vater ruft nicht einfach so an und schon gar nicht um halb fünf morgens.

„Ist was mit Mama?“, krächze ich ins Telefon anstelle einer Begrüßung.

„Nein, eurer Mutter geht es gut“, beruhigt er mich, „ist Sebastian in der Nähe?“

„Ja, er liegt neben mir. Warum? Was ist los?“, will ich wissen und stelle auf laut, damit Sebastian mithören kann.

„Gut! Hör zu, Simon, und bitte versuche, so ruhig wie möglich zu bleiben. Es geht um Urs. Er wird gerade in die Klinik gebracht“.

Nachzufragen, was passiert sei, wäre der logische nächste Schritt, zu dem ich aber gerade nicht in der Lage bin:

„Was ist mit Veit?“ flüstere ich, unfähig, auch nur einen  kohärenten Gedanken zu fassen. Ich will gar nicht hören, was Urs Schreckliches zugestoßen ist.

„Mutter ist gleich los und holt ihn ab“.

Das ist gut, denke ich, Veit kennt meine Eltern, schnüffelt oft genug durch ihren Garten.

Als ich nichts sage, übernimmt Sebastian: „Was ist mit Urs passiert?“

„Genaues wissen wir nicht. Urs hat Birger angerufen, weil er solche Kopfschmerzen hatte, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Birger ist sofort zu ihm und rief einen Krankenwagen. Sie müssten jetzt auf dem Weg ins Klinikum sein. Birger hat uns gebeten, Simon Bescheid zu sagen“.

„Oh Gott!“, bricht es aus mir heraus, „hat Urs Fieber, ist er gestürzt, hat er sich übergeben?“

„Das weiß ich alles nicht, Simon. Ich weiß nur das, was ich dir gesagt habe“.

„Ich fahr gleich los!“

„Nein!“, jetzt ist es mein Vater, der laut wird, „das machst du nicht, du stehst vollkommen neben dir und wirst auf keinen Fall in deine alte Karre steigen. Du kannst momentan so oder so nichts für Urs tun, außer ruhig zu bleiben. Er ist in guten Händen, Birger ist bei ihm und kümmert sich um alles. Pack in aller Ruhe und setz dich dann in den Zug, aber du fährst nicht selbst“.

„Ich fahr ihn“, unterbricht Sebastian meinem Vater.

Kurze Zeit später schaue ich meinem Bruder regungslos dabei zu, wie er meine Sachen in meinen Koffer packt.

„Urs darf nichts passieren!“

„Ich weiß“.

Sebastian setzt sich neben mich, legt seine Arme um mich und hält mich so lange, bis ich nicht mehr zittere.

„Du, ich sag Jaron Bescheid, ok?“

Ich nicke nur.

Eineinhalb Stunden später sitzen wir zu dritt  in Jarons Bus, denn es war für ihn keine Frage, uns zu fahren. Sebastian sitzt in der Mitte, ich starre aus dem Fenster, kann mich nicht am Gespräch beteiligen, bin froh, dass Sebastian das übernimmt.

„Was kann es denn sein?“, fragt Sebastian Jaron leise,  er traut sich nicht, mich das zu fragen, wissend, dass mir die potenziellen Ursachen für Urs‘ Kopfschmerzen wahnsinnig Angst machen.

„Schwer zu sagen, es kann vieles dahinterstecken“, antwortet Jaron genauso leise, während er seinen  Bus gelassen durch die Münchner City lenkt, in der auch zu dieser frühen Stunde reger Verkehr herrscht.

„Von dem Wenigen, was mir Simon erzählt hat, scheint Urs nicht der Mensch zu sein, der ohne triftigen Grund mitten in der Nacht einen Arzt anruft…Plötzlich auftretende extreme Kopfschmerzen können sehr unterschiedliche Gründe haben. Falls er keine Migräne hat…“

„Hat er nicht“, schalte ich mich ein, überlasse es aber Jaron, Sebastian über mögliche Ursachen aufzuklären:

„Hmm, also kann es eine Gehirnerschütterung sein,  ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, aber auch ein schwereres ist möglich, falls er gestürzt ist. Wenn nicht, könnten  Entzündungen der Gehirnhaut oder des gesamten Gehirns dahinter stecken, allerdings müsste es ihm dann schon ein paar Tage nicht gut gegangen sein. Auch eine Hirnblutung oder eine Arterienverengung, vielleicht  auch ein Tumor sind denkbar. Aber lass uns nicht das Schlimmste annehmen".

Birger hat nicht ohne Grund den Krankenwagen angefordert , denke ich

Birger .

Ich möchte ihn anrufen und fragen, was ist, möchte seine warme Stimme hören, aber er hat jetzt Wichtigeres zu tun, also schicke ich ihm eine Nachricht:

„ Birger, wir sind gerade losgefahren, wenn es gut geht, sind wir zwischen 10 und 11 da. Sagst du Urs bitte, dass ich auf dem Weg bin ? DANKE , dass du dich sofort gekümmert hast und bei ihm bist , Simon“

Ich sehe förmlich vor mir, wie Birgers eindringlicher Blick auf Urs gerichtet ist, glaube nicht, dass er ihn nur eine Minute aus den Augen lässt.

Da ich das Zittern meiner Hände nicht in den Griff bekomme,  vergrabe ich sie in meinen Hosentaschen. Aber Jarons und Sebastians leise Stimmen dämpfen meine Anspannung ein wenig.

Wir fahren über die A 96, um die diversen Straßensperrungen auf der B31 zu umgehen und zu Beginn kommen wir gut durch. Doch nach einer knappen Stunde geraten wir wegen eines Unfalls in eine Vollsperrung.

Gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich an Tagen wie diesen alles gegen einen zu verschwören scheint? Es fällt mir schwer, jetzt nicht die Fassung zu verlieren. Sebastian legt seine Hand auf meinen linken Oberschenkel, der ebenso wie meine Hände nicht aufhören will zu zittern. Natürlich weiß ich, dass ich Urs jetzt gar nicht helfen könnte, aber dennoch muss ich so schnell wie möglich zu ihm.

Um 11 bittet uns meine Mutter per sms, dass wir vorsichtig fahren sollten, neue Informationen hat sie offensichtlich nicht. Von Birger kommt keine Antwort, aber wenn er bei den Untersuchungen dabei ist, hat er auch keine Zeit.

Am Ende brauchen wir sechs Stunden für die Fahrt, die normalerweise etwas über drei Stunden dauert. Die Ungewissheit, was mit Urs ist, saugt für kurze Zeit alle Kraft aus meinen Beinen und ich würde am liebsten nicht aus dem Bus aussteigen. Schließlich gebe ich mir einen Ruck, schreibe Birger, dass wir da sind und mache mich flankiert von Jaron und Sebastian auf den Weg.

Nachdem ich mich beim Empfang als Notfallkontakt ausgewiesen habe, gelange ich ohne Probleme auf die Intensiv, auf welcher ich Birger und Dr. Noor, den Chefarzt der Neurologie, antreffe, die sich leise unterhalten.

„Simon…“, Birgers Stimme … warm, melodisch, beruhigend klingend ... empfängt mich. Aber er kommt mir nicht entgegen, sondern bleibt in deutlichem Abstand stehen und sieht dabei müde und erschöpft aus, sicher nicht nur, weil er mitten in der Nacht raus musste.

„Er hat  immer wieder nach dir gefragt“, sagt er schließlich. .

Ich kann nicht anders, ich muss ihn wenigstens kurz umarmen und hoffe, er findet das unter den gegebenen Umständen nicht übergriffig, er lässt es sich gefallen, reagiert aber nicht wirklich.

„Also war er die ganze Zeit ansprechbar?“, lenke ich meinen Fokus auf Urs.

„Die meiste“.

„Das ist gut“, sage ich mehr zu mir selbst als zu ihm, „was hat die Untersuchung ergeben?“

„Er hatte nochmal Glück“, wendet sich Dr. Noor mir zu, „er hat einen Haarriss in der Kalotte und eine kleine Einblutung, aber die ist sehr begrenzt und er ist klar“.

„Geh jetzt zu ihm“, mischt sich Birger ein, „ er wartet wirklich“.

Birger hat ja Recht, die Details kann ich mir später geben.

Und Dr. Noor ist der Beste in der Region, wenn er sagt, Urs hatte Glück, dann will ich mal glauben, dass das auch so ist.

Doch als ich mich Urs‘ Krankenbett nähere, muss ich mich extrem zusammennehmen, er wendet vorsichtig den Kopf in meine Richtung und krächzt: „Hey. Da bist du ja“,

Ich schlucke und lächle unsicher in sein geschundenes Gesicht.

Er muss übel aufs Gesicht geknallt sein, seine Nase ist  geschwollen, die Lippen aufgeplatzt und rund um seine Augen haben sich die typischen Hämatome gebildet.

„Hey…was machst du denn für Sachen?“

Er versucht auch zu lächeln, aber es gelingt ihm nicht.

Mein großer starker Urs wirkt erschütternd hilflos und ich kann nur ahnen, wie mies er sich fühlt.

Den Infusionszugang haben sie ihm in den linken Handrücken gelegt, also nehme ich seine rechte vorsichtig zwischen meine Hände und streichle sacht über seinen Puls, der beruhigend regelmäßig ist.

„Gut, dass du da bist“, flüstert er, „wusste echt nicht, wie mir wird“.

„Birger anzurufen, war genau richtig“.

Ich lasse seine Hand nicht los, sondern küsse vorsichtig seine rauen Fingerspitzen.

„Mensch, Urs…“.

„Nicht heulen, bitte!“

„Kann ich nicht versprechen“.

Mein Urs versucht, seine wunderschönen blauen Augen offen zu halten, aber wahrscheinlich hat er was gegen  die Schmerzen bekommen, was ihn müde macht.

„Ich bin wahnsinnig müde“.

„Dann ruh dich aus, mein Lieber, ich bleib‘ hier“.

„Sicher?“

„Ja, bis sie mich rauswerfen und hinterher komm ich wieder“.

„Schaust du bei Veit vorbei?“

„Meine Mutter hat ihn geholt, da geht es ihm gut“.

„Ich weiß…trotzdem“.

„Ok. Ich geh später zu ihm“.

„Danke!“ Sein Versuch, mir ein Lächeln zu schenken, endet in einer schmerzverzerrten Grimasse und es fällt mir schwer, meine Tränen zurückzuhalten, aber ich schaffe es.

Und dann schaue ich meinem besten Freund beim Schlafen zu und bete zu einer höheren Macht, von der ich hoffe, dass es sie gibt, dass er keinen bleibenden Schaden genommen hat.