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32I Konjunktive

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32I Konjunktive

Tut mit leid, habe gerade versehentlich Kapitel 33 vor dem 32. hochgeladen - jetzt also zuerst das 32. das 33 folgt im Anschluss in Kürze.

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

32I Konjunktive

Urs hat Glück gehabt, er hätte schwerer verletzt werden können. Das konjunktivische „Hätte“ beruhigt mich nicht wirklich, was wäre gewesen, wenn er nicht realisiert hätte, dass etwas mit ihm absolut nicht stimmte, wenn er Birger nicht angerufen oder ihn nicht erreicht hätte?

All das darf ich mir nicht vorstelllen, ich muss runterkommen, und ich denke an Birger und daran, wie er sich an meiner Stelle jetzt verhalten würde: Er würde sich auf das konzentrieren, was Urs in dieser Situation am meisten helfen würde, ihm ruhig beistehen und er würde die kompetenten Neurologen und Intensivkollegen hier im Haus ihre Arbeit tun lassen, weil er weiß, dass sie sehr gut sind. Auch ich weiß das, also atme ich meine Angst nieder und konzentriere mich auf die Monitore, die Urs‘ Vitalwerte überwachen. Sein Herzrhythmus, Blutdruck sind stabil, er hat erhöhte Temperatur, aber kein Fieber. Mein liebster Freund ist fit und durchtrainiert, das wird ihm helfen – an seiner Stärke halte ich mich fest – wie schon so oft in unserem Leben.

Vorsichtig berühre ich seine freie Hand und betrachte sie: Urs‘ große, kräftige Hände sind nicht im klassischen Sinn schön, sie gleichen aber einem Buch, das viel geliebt, unzählige Male gelesen und in die Hand genommen wurde, das zahllose Markierungen enthält, dessen Buchrücken Kratzer und die Seiten Kniffe und Flecken aufweisen. Urs‘ Hand in meiner Hand zeigt solche „Gebrauchsspuren“,  sie erzählen von seiner Arbeit, die er so liebt: verheilte und noch verkrustete kleine Wunden, Überbleibsel von Holzsplittern, die seine Haut aufgerissen haben, weil er nicht immer mit Handschuhen arbeiten kann, sagt er, vor allem bei Feinarbeiten. Zärtlich fahre ich mit meinen Fingern die lange Narbe entlang, die auf seinem Handrücken vom oberen Glied seines Zeigefingerns bis zur Daumenwurzel reicht. Er hat mir nie erzählt, woher er sie hat – aber ich habe auch nie gefragt.

Mein geliebter Freund, der unglaublich gut zuhört und wenig über sich selbst spricht. Wie hat Sebastian das beschrieben? Urs halte so vieles verdeckt. Das stimmt, er macht das, weil er sich nicht für interessant genug hält. Wie sehr er sich diesbezüglich täuscht. Er ist ein wunderbarer, spannender Mensch in all seiner Zurückhaltung, seiner Bescheidenheit, seiner Güte, seiner inneren und äußeren Schönheit und zugleich ein rätselhafter Mann, der seine Verletzungen verbirgt, der sich nicht auf Liebe einlassen will, die einen freundschaftlichen Rahmen sprengt. Er hat seine Gründe, die ich zu respektieren lerne. Deshalb verspreche ich uns beiden, ab jetzt mehr zu hören und weniger zu beurteilen. Ich habe ihm in den vergangenen Jahren nicht deutlich genug signalisiert, dass er mir erzählen und dass ich zuhören kann, auch wenn ich nicht alle seine Entscheidungen verstehe. Unser letzter Segeltörn war ein wichtiger Schritt in unserer Freundschaft, Urs hat mich mit Wahrheiten konfrontiert, an denen ich immer noch herumdoktere, aber sie haben mir dazu verholfen, mehr zu verstehen:

Mein liebster Urs , i ch war dir nicht immer der best e Freund , der du mir immer warst, war nicht immer so für dich da wie du für mich . Und das tut mir unsäglich leid . War zu sehr mit mir selbst beschäftigt, nahm dich unter meine moralisierende Lupe und war nicht bereit, dich vorurteilsfrei anzuhören. Aber das wird sich definitiv ändern .

Wieder küsse ich seine Fingerspitzen, während sein System sich hoffentlich etwas erholen kann von dem riesigen Stress, den eine schwere Verletzung auslöst. Ich lausche seinen Lebensgeräuschen, weiß, welche leisen Laute er im Schlaf von sich gibt, weiß, dass er manchmal seufzt oder leise schnaubt, ich weiß, was er frühstückt, was er sich gewöhnlich zum Abendbrot richtet, weiß, dass er das Mittagessen meist auslässt, dass er gerne Schweizer Rüblikuchen isst,...ich weiß so viel über und von ihm und doch nicht genug, wie mir scheint. Mit geschlossenen Augen konzentriere ich mich auf die Geräusche der Monitore und seine etwas unregelmäßigen Atemzüge. Sein Gehirn wurde heftig durchgeschüttelt, es braucht Zeit zu heilen.

„Ich hatte noch nie so viel Schiss… Angst, dass es das jetzt gewesen sein könnte mit  mir“.

Ich öffne meine Augen und beuge mich über ihn, habe nicht bemerkt, dass er aufgewacht ist:

„Schhhh…ruh dich aus. Das war’s noch lange nicht mit dir, mein Lieber“.

„Tut mir leid, ich weiß, dass du Krankenhäuser hasst“.

„Mir tut es leid, dass ich nicht schneller da war“.

„Weißte, du und Veit…ihr seid die wichtigsten…“.

Über sein Gesicht kann, darf ich nicht streichen, das würde ihm weh tun, deshalb lege ich so sanft wie möglich meinen Finger auf seine aufgeplatzten Lippen und sage ihm, was er weiß und dennoch viel zu selten von mir zu hören bekommt: „Ich lieb dich so sehr, mein Großer“.

Wieder versucht er ein Lächeln, dessen misslingenden Versuch mit anzusehen schon wehtut.

„Was ist denn passiert, Urs, kannst du’s mir sagen?“

Ich möchte ihn nicht überanstrengen, nur einschätzen, was passiert ist.

Er deutet ein Nicken an, aber schließt seine Augen:

„War nachts noch mit Veit draußen … am Uferweg, bin in irgendein Schlagloch oder so was getreten, gestolpert und gegen die Uferbefestigung geknallt, aber ich konnte aufstehen bin nach Hause gehen,  dachte, das wird schon wieder, wenn ich mich hinlege“.

Er öffnet seine Augen wieder, so gut es geht, und schenkt mir erneut ein schmerzverzerrtes Lächeln, während ich die Information verarbeite. Seit letztem Jahr ist der Weg, den er meint, nachts nicht mehr beleuchtet, das erklärt, warum er das Loch nicht gesehen hat. Aber was wäre geschehen, hätte er sich nicht aufrappeln und nach Hause schleppen können, sondern dort an dem nachts kaum frequentierten Uferweg bewusstlos liegen geblieben wäre? Doch bevor mich erneut Panik überfällt, denke ich an Veit, Urs‘ geliebtes Lebenstierchen, das sich mit Sicherheit heiser gebellt und jemand auf sich aufmerksam gemacht hätte.

„Bleibst du noch ein bisschen?“, fragt er leise.

„Natürlich, bis sie mich rausschmeißen“, antworte ich und streichle die lange Narbe, die seinen Zeigefinger und Daumen zeichnet, so lange, bis er wieder eingeschlafen ist und gleichmäßiger als zuvor atmet.

Ich betrachte die Blutergüsse auf seinem Gesicht. Er muss frontal und ungebremst auf die Mauer gestürzt sein, bei seiner Größe und seinem Gewicht kann  so ein Aufprall fatal sein.

Die rot-dunkelrot-violett-blauen Male, die sein Gesicht überziehen, bilden ein bizarres Gemälde. Sein linkes Nasenloch ist blutverkrustet, seine Oberlippe aufgeplatzt - niemals wirkte er hilfloser, verletzlicher und ich fühle mich fast so ohnmächtig wie damals, als Sebastian im Koma lag und wir glaubten, ihn zu verlieren. Urs liegt nicht im Koma und seine Situation ist eine andere, aber auch er ist nicht über den Berg. Seine Hand in meiner behaltend, kann ich nicht verhindern, dass mir Tränen in die Augen schießen. Mein kleiner Bruder ist wieder gesund geworden, welch ein Glück! Auch mein großer Lebensbruder muss gesund werden – auch ihn darf ich nicht verlieren.

„Hey…“, flüstert er, „ich werd‘ schon wieder“.

Aber auch seine Augen glänzen verdächtig.

Als Dr. Noor nach einer Weile kommt, um nach Urs zu sehen, nutze ich die Gelegenheit, Sebastian eine Nachricht zu schicken. Und nach wenigen Minuten kommt er auch schon, bringt mir einen Becher  lauwarmer Schokolade und ein Sandwich.

„Und? Wie geht’s Urs“, will er sofort wissen.

„Der Chefarzt schaut gerade nach ihm, er meint, es hätte schlimmer ausgehen können“.

„Das sagt Birger auch, meinte, Urs hätte verdammt Glück gehabt“.

„Hast du ihn noch getroffen?“ frage ich.

„Ja, er trank mit uns in der Cafeteria Kaffee, musste dann weg, kommt aber wieder “.

„Und wie geht‘s ihm ?“

„Urs‘ Unfall nimmt ihn ganz schön mit.“

Sebastian weiß vermutlich, dass ich noch was anderes wissen will : „Entschuldige, ich weiß, das sollte ich Birger selbst fragen“.

„Stimmt – ihr müsst unbedingt miteinander reden – aber vielleicht nicht gleich heute, ich glaube, Birger muss erstmal durchatmen, ich glaube, er ist total fertig“.

Darauf weiß ich nichts Adäquates zu antworten, ist unsere Situation sicher der Hauptgrund, warum es ihm nicht gutgeht.

„Was ist eigentlich mit Urs’ Eltern?“, will Sebastian nach einer Weile wissen.

„Keine Ahnung, er hat sie nicht erwähnt. Sein Notfallkontakt u.s.w. bin ja ich. Er hat seine Eltern bewusst rausgehalten aus allen seinen Verfügungen. Aber sie sollten wissen, dass ihr Sohn in der Klinik ist, nicht?. Ich frag ihn später danach“.

„Und was ist mit seinem Freund - dem aus Zürich?“

Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet und schaue Sebastian perplex an. Woher weiß er überhaupt von Urs‘ Gönner, Beat Wyss? Urs ist, was seine Vergangenheit betrifft, ja fast hermetisch schweigsam.

Mein Erstaunen spürend, klärt mich mein kleiner Bruder auf:

„Ich hab‘ die beiden mal auf der Terrasse des Münsterhofs getroffen und sie haben mich eingeladen, mit ihnen zu Abend zu essen. War ein schöner Abend“.

Sebastian lächelt mich ein bisschen scheu an und ich muss erst ein paarmal schlucken, bevor ich antworte:

„Urs weiß, dass ich den nicht mag, deshalb…“. Ich beende den Satz nicht, will nicht zu viel preisgeben.

Sebastian schaut mich mit hochgezogenen Brauen an, wundert sich offensichtlich.

„Wieso? Er war sehr offen, umgänglich, charmant…, es war ein interessanter Abend – aber man muss ja nicht jeden Menschen mögen“.

Ich unterdrücke meine Ressentiments gegen Urs‘ Ex-Kunden und Gönner, denn ich habe ja gerade an Urs‘ Krankenbett beschlossen, unvoreingenommener mit seiner Vergangenheit umzugehen. Beat Wyss hat ihm nicht nur sehr geholfen,  auf wirtschaftlich stabile Beine zu kommen, sondern es scheint ihm nach wie vor viel an Urs zu liegen und umgekehrt. Es ist also höchste Zeit, dass ich von meinem hohen Ross runtersteige.

„Du hast Recht, er wird wissen, wollen, was Urs passiert ist“.

Sebastian nickt zustimmend und strahlt mich plötzlich an:

„Übrigens fährt Jaron heute nicht zurück nach München, er kommt mit zu Mama und Papa, da kann er seinen Bus abstellen und sie haben ihn herzlich eingeladen,  so lange zu bleiben, wie er will. Und wenn du nach Hause willst, ruf an, einer holt dich dann und fährt dich zu dir“.

„Ich weiß zwar noch nicht, wie ich lange ich hier bleibe, aber anschließend würde ich auch gern dazukommen. Ich möchte heute Nacht nicht allein bleiben“.

Sebastian lächelt wieder und nimmt mich fest in die Arme:

„Das versteh ich gut, Mama und Papa werden sich riesig freuen!“.

„Du und ich können immer mit all unseren Themen nach Hause zu ihnen kommen“, sage ich leise, „Birger und Urs haben nicht solche Eltern“.

„Das ist total traurig“, antwortet Sebastian und drückt mich noch ein bisschen fester an sich.

„Kann ich auch zu ihm?“, fragt er Dr. Noor, als der nach einer Weile auf den Gang tritt.

„Spricht nichts dagegen – nur nicht zu lange“.

Zu mir gewandt fügt er noch hinzu: „Der intrakranielle Druck ist bis jetzt stabil, scheint nicht anzusteigen“.

„Gott sei Dank“, seufze ich erleichtert, während Sebastian sich umgehend auf den Weg zu Urs macht.

Mit den Worten, „ich gebe Ihrem Mann Bescheid, er bat mich, ihn auf dem Laufenden zu halten“,  verabschiedet sich Dr. Noor mit einem kurzen Kopfnicken und ist auch schon weg. Dr. Noor weiß, dass Birger und ich nicht verheiratet sind, aber dass er ihn so nennt, tut mir gerade irgendwie gut. Irrationalerweise sehe ich das als gutes Zeichen an, auch wenn ein leiser Konjunktiv – was würde geschehen, wenn Birger sich in meiner Abwesenheit gegen uns entschieden hätte – an meine innere Türe klopft.

Ich trinke die Schokolade und esse das Sandwich, das überraschenderweise besser schmeckt als es aussieht. Nachdem ich den Abfall entsorgt habe, gehe ich zu Urs zurück. Noch in Gedanken der Frage, „was, wenn“  nachhängend, realisiere ich zu spät, was in Urs Zimmer gerade vor sich geht:

Mein kleiner Bruder hat sein Gesicht tief in Urs‘ Decke vergraben, und während der mit seiner Hand sanft über Sebastians braune Locken streichelt und beruhigende Worte murmelt, sind bei meinem kleinen Bruder offensichtlich alle Dämme gebrochen und er schluchzt so hemmungslos, dass er kaum Luft zu bekommen scheint.

Als er mich bemerkt, wendet Urs mir langsam den Kopf zu, schaut mich irgendwie bittend an, bevor er fast unmerklich den Kopf schüttelt. Ich lese seine Botschaft, glaube ich, richtig  und gehe deshalb so leise wie möglich rückwärts wieder aus dem Raum und schließe hinter mir die Tür .