33I Kleinanzeigen: Auf der Suche nach Worten
33I Kleinanzeigen: Auf der Suche nach Worten
Und weiter geht’s
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
33I Kleinanzeigen : Auf der Suche nach Worten
Das herzzerreißende Schluchzen meines kleinen Bruders und Urs‘ wortlose Bitte, sie beide allein zu lassen und nichts zu sagen ist eine Szene, die mich tief berührt und zugleich etwas kopflos im Flur hin- und hertigern lässt. Dem Pfleger, der auf Urs‘ Raum zusteuert und mich fragt, ob er schlafe, antworte ich nur wortlos, indem ich den Kopf schüttle, zu mehr fühle ich mich gerade nicht in der Lage.
Was ist mit Sebastian? Natürlich verstehe ich, dass ihm Urs‘ Unfall nahegeht, er kennt ihn, seit er auf der Welt ist. Urs behandelt ihn seit jeher wie den kleinen Bruder, den er selbst nicht hat.
Dass Sebastian aber so die Fassung verliert, hab‘ ich noch nie erlebt. Mein ansonsten so ausgeglichener kleiner Bruder! Was muss alles bei ihm zusammenkommen, dass er derart zusammenbricht. Denn das hab ich gerade gesehen, einen Zusammenbruch und der ist beunruhigend.
In Gedanken schüttle ich erneut den Kopf, und der Pfleger, der aus Urs’ Raum kommt, sieht mich etwas irritiert an, bevor er mir mitteilt: „Ich glaube, die zwei da drin brauchen noch eine Weile, ich komme später wieder“.
Damit hat er sicher Recht, Sebastian braucht auf jeden Fall noch Zeit, sich wieder zu fassen und Urs wahrscheinlich auch. Ich glaube nicht, dass er mit Sebastians Reaktion gerechnet hat.
Weil ich nicht weiß, wie lange die beiden brauchen, schicke ich Sebastian eine Nachricht: „Lass dir Zeit, bleib so lange du brauchst, die werfen dich schon nicht raus; ich geh in die Cafeteria und leiste Jaron solange Gesellschaft“.
Ich nehme die Treppe, Aufzügen man kann ihnen nicht entkommen, sollten sie stecken bleiben. Muss jetzt nicht sein.
Auf dem letzten Zwischendeck vor der Cafeteria höre ich Stimmen, eine davon ist die Dr. Noors. Das trifft sich gut, denn ich muss nochmal genauer erfahren, wie er Urs‘ Zustand einschätzt. Ich weiß, der Haarriss in der Kalotte wird heilen, aber was ist mit der Hirnblutung, auch wenn sie klein sein mag…, die macht mir Angst.
Noch bevor ich sehe, mit wem Noor spricht, höre ich Birgers tiefe unverwechselbare Stimme. Er ist also wieder zurück. Und diese so vertraute Stimme meines Mannes wirkt wie ein Sedativ auf meine angespannten Nerven. Zurückversetzt in die Zeit, als Sebastians Leben an einem seidenen Faden hing und Birger für uns alle der Fels in der Brandung war, spüre ich, wie gerne ich mich jetzt von ihm in den Arm nehmen, halten und beruhigen lassen würde. Aber das kann ich nach den vergangenen Wochen nicht erwarten, Wochen, in denen ich nichts von mir habe hören lassen und ihm zugemutet habe, tatenlos dazusitzen und auf meine Entscheidung zu warten. Obwohl ich diese Auszeit gebraucht habe, lasse ich in diesem Augenblick, in dem mich Birgers Stimme erreicht und ihr Klang den Boden unter meinen Füßen zu stabilisieren scheint, endlich die Erkenntnis zu, ihn in dem ganzen Prozess ziemlich allein gelassen zu haben. Welche Anstrengungen habe ich denn aktiv unternommen, das, was in unserer Beziehung schief lief, wieder ins Lot zu bringen? Nicht viel – diese Erkenntnis tut weh, denn war ist so viel leichter, ihm Hauptlast zuzuschieben. Ich habe kommunikativ total versagt und am liebsten würde ich mich jetzt auf eine Stufe setzen, meinen Kopf in meinen Händen vergraben, mich nicht von der Stelle bewegen und darauf warten, dass Birger mich entdeckt und mich „rettet“, weil ich’s allein scheinbar nicht kann.
Es ist eigenartig, nach den langen Wochen, ja Monaten des Zweifelns, ob unsere Beziehung eine Zukunft hat, der Frage, ob ich Birger noch so liebe, wie ich lieben möchte, wenn ich liebe, will ich nur noch zu ihm, mich von ihm umarmen und unsere schwere Krise hinter uns lassen.
Das will ich, doch was will er? Eine Frage, die ich zu lange aus dem Blick verloren habe und eine warnende Stimme in mir sagt mir, dass es so einfach nicht werden wird, unsere Gemeinsamkeit wieder zu finden.
Da steht er, mit seinen dunkelbraunen Haaren, sie gerade so lang sind, dass sie sich richtig locken, seinen lava-cake-braunen Augen und eben dieser Stimme. Urs erzählte mir einmal Wengé ‒ von dieser Holzart hatte ich zuvor noch nie gehört – sei eines der dunkelsten Hölzer, so dunkel wie frisch gemahlener Kaffee. Dabei dachte ich sofort an Birger, an sein dunkel-, goldbraunes Farbspektrum. Hätten Stimmen nicht nur im übertragenen Sinn eine Färbung, wäre seine Stimme eine Mischung aus tiefem Schwarz und warmem Braun mit vereinzelten bernsteinfarbenen Sprenkeln drin.
Die Stimme meines Mannes …ich denk das so einfach vor mich hin, aber ist er das noch? Mein Rückzug, meine Auszeit haben mir gezeigt, dass sich meine Liebe zu ihm noch nicht verabschiedet hat, und der räumliche Abstand zu ihm hat mir gut getan und zugleich klargemacht, dass ich seine Nähe brauche. Doch was haben die zurückliegenden Wochen mit ihm angestellt? Ich werde es nicht herausfinden, wenn ich wie angewurzelt hier stehenbleibe und mich von meiner Angst lähmen lasse.
So atme ich mehrmals tief durch, sediere meinen galoppierenden Herzschlag, nehme die letzten Stufen und gehe auf die beiden zu.
Dr. Noors Rücken ist mir zugewandt, während Birger freien Blick auf mich hätte, würde er nicht gerade mit vor der Brust verschränkten Armen sein Gegenüber mit gerunzelter Stirn höchst konzentriert ansehen. Eine vertraute, doch für eine viel zu lange Zeit verloren gegangene Zärtlichkeit durchflutet mich, als ich diese für ihn typischen Dackelwelpenfalten auf seiner Stirn sehe, die dort immer auftauchen, wenn er über etwas nachgrübelt. Sie sind ganz weich, wenn ich mit meinem Fingerspitzen versuche, sie zu glätten und er sie dann noch vertieft und mich mit hochgezogener Augenbraue amüsiert mustert.
Er entdeckt mich, bevor ich mich bemerkbar machen kann.
„Simon“ – ich kann nicht wirklich hören, wie seine Stimme klingt, weil ich damit beschäftigt bin, mehrmals zu schlucken, um meinen viel zu trockenen Hals zu befeuchten, damit ich einigermaßen zusammenhängend antworten kann.
Kann ich nicht. Ich kann beiden nur wortlos zunicken. Wortlos den Kopf schütteln und dann wortlos mit dem Kopf nicken – unglaublich eloquent!
Wann habe ich meine Worte verloren?
Ich sollte vielleicht in den Kleinanzeigen nachschauen, ob sie jemand gefunden hat.
Mit der Frage, „ist was mit Urs?“, rettet mich Birger aus meinem sprachlichen Stupor.
„Sebastian ist gerade bei ihm…und ich wollte eigentlich in die Cafeteria, schauen, was Jaron macht“.
Ein dunkler Blick – unter hochgezogenen Brauen – trifft mich und wieder sträubt sich jedes Wort in mir, meinen Mund zu verlassen.
„Falls du noch Fragen hast, ruf an“, mit diesen für Birger bestimmten Worten, kündigt Dr. Noor seinen Abflug an, wendet sich aber auch noch an mich: „Sie sehe ich vermutlich noch, bevor Sie gehen?“
Wieder nicke ich und schaue ihm nach, als er behände die Treppen zur Neurologie hochjoggt.
Tja, was jetzt?
„Lass dich nicht aufhalten…“, murmelt Birger, als ich Noor nachstarre und immer noch nichts zu sagen weiß.
„Können wir reden?“, bringe ich schließlich heraus.
„Wann?“
„Am liebsten gleich…nein, geht nicht. Ich bleibe noch eine Weile bei Urs und muss regeln, wie ich dann von hier wegkomme. … Wenn wir hinterher reden könnten?“
„Ok, ich kann dich später hier abholen“.
Meine Frage „Das würdest du machen?“, erntet wieder hochgezogenen Augenbrauen, noch dunklere Augen und ein leises Schnauben.
„Kommst du noch auf einen Kaffee mit in die Cafeteria?“, wage ich daraufhin zu fragen.
„Nee – muss nicht sein, euer Herr Andermann hat mir einen zu eindringlichen Blick“, der amüsierte Gesichtsausdruck Birgers, der seinen Kommentar begleitet, zeigt jedoch, dass er die Bemerkung nicht böse meint und ich muss ein bisschen lachen: „Ja, er ist eine Persönlichkeit“.
„Um-hm“.
Birger räuspert sich, bevor er mich wieder eingehend betrachtet – er scheut definitiv keinen direkten Blickkontakt - und schließlich leise sagt:
„Du siehst erholt aus, nicht mehr so blass und ausgemergelt – geht’s dir also besser?“ – und dann atmet er hörbar ein und aus.
„Ja – und dir? Wie geht’s dir?“
„Beschissen“.
Ich habe auf eine ehrliche Antwort gehofft und sie bekommen, aber so unverblümt habe ich sie nicht erwartet. Warum soll er allerdings etwas beschönigen?
Nun, da ich so dicht vor ihm stehe, sehe ich, wie erschöpft und müde er aussieht und auch, dass er ziemlich an Gewicht verloren hat.
„Das wollte ich nicht…“.
„Echt? Was hast du denn erwartet?“
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht?“
„Ich denke, du wolltest mich irgendwie bestrafen. Mich im Ungewissen lassen und mir weh tun – damit ich weiß, wie du dich gefühlt hast“.
„Nein, das wollte ich nicht!“
Sein Gesichtsausdruck teilt mir mit, er glaubt mir nicht. Aber hier auf dem Zwischendeck der Klinik kann ich ihm schlecht erklären, was ich wollte und was nicht, zumal ich es selbst immer noch nicht restlos für mich geklärt habe.
„In der ganzen Zeit kein Wort, Simon, kein einziges beschissenes Wort? Weißte, ich hab viel nachgedacht und kann verstehen, dass die Sache mit Max dich verletzt, verunsichert und in Zweifel gestürzt hat, und ich verstehe auch, dass du Abstand brauchtest, um nachzudenken und ich brauche ihn auch…und dass wir nicht ständig miteinander telefonierten, irgendwie war das Teil des Deals, klar, aber gar nichts?!“
Er schüttelt den Kopf und sieht mich an, als hoffe er, eine Antwort in meinem Gesicht finden zu können, die ich ihm aber im Moment nicht geben kann, zumal ich erst einmal richtige Worte finden muss, um nicht nur kopfschüttelnd oder kopfnickend zu „kommunizieren“.
Bevor ich ihm antworten und wenigstens eingestehen kann zu wissen, dass es unfair war, ihn so im luftleeren Raum hängen zu lassen, kommt er mir zuvor: „Sorry, ist hier defintiv weder der richtige Ort noch die Zeit…. Ich verzieh mich jetzt, ruf an, wenn ich dich abholen soll – und übrigens Noor ist sehr optimistisch, was Urs angeht“.
Ich habe nicht den Mut, auf ihn zuzugehen und ihn zu umarmen, auch wenn mich alles zu ihm hinzieht. Aber er hat das Recht auf seinen Zorn und seine Enttäuschung und auf körperliche Distanz, und so verstumme ich schon wieder, bevor ich noch ein „Danke“ hinterherrufen kann, während er mit Riesenschritten Richtung Ausgang entschwindet.