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34I Augen-Blicke

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34I Augen-Blicke

Ihr Lieben, anbei das 34. Kapitel – habt Spaß beim Lesen und vielleicht beim Nachdenken…

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

34I Augen-Blicke

Jaron sitzt an einem Tisch vor der Fensterreihe, die den Blick auf den Klinikpark freigibt. Er ist tief in Gedanken versunken und nimmt mich nicht gleich wahr und da ich weiß, dass er eigentlich Besseres zu tun hat als hier herumzusitzen und zu warten, fühle ich mich ziemlich beschissen. Er hat zwar angeboten, uns zu fahren, aber ich weiß, wie sehr er zur Zeit unter Strom steht. Als er mich sieht, steht er auf und wartet, bis ich ihn erreicht habe und ich denke wieder einmal, wie schön seine Augen sind – dieses ungewöhnliche warmleuchtende Blau, das dich auf- und umfängt, solltest du, versehentlich oder auch absichtlich, hineinfallen. Jarons klarer Blick begrüßt mich mit dieser besonderer Intensität, die ihm eigen ist, und die mich jedes Mal von Neuem fasziniert.

Heute ist ein Tag der Augenblicke – Urs sonst silberblau-blitzende Augen heute blaurot unterlaufen – lassen meine Gedanken ebenso wenig los wie Birgers bodenlos-dunkler Blick von gerade eben. Urs und Birger verbergen gewöhnlich ihr Verletztsein sorgfältig, sei es körperliches wie seelisches, spielen es herunter, doch heute gelingt es ihnen nicht.

Ich schlucke, spüre, wie ich schwanke, ob vor Erschöpfung, Unsicherheit oder emotionaler Überforderung, weiß ich nicht. Jaron kommt jedenfalls auf mich zu, nimmt mich in die Arme und wir halten uns gegenseitig aneinander fest, denn auch wenn ich nur ahne, was ihn alles belastet, spüre ich, er braucht diese Umarmung genauso wie ich.

„Lass uns rausgehen“, murmelt er nach einer Weile.

Schweigend gehen wir in den Park und setzen uns auf eine Bank, Jarons stille Präsenz beruhigt mich, und wir sitzen ein paar Minuten einfach nur schweigend nebeneinander, bis ich schließlich nach seiner Hand greife und sie umschließe.

„Der Chefarzt sagt, dass Urs wieder wird…“, fange ich an.

„Aber du hast dennoch Angst um ihn“, antwortet er nur.

Anstelle einer Antwort drücke ich seine Hand fester, „ja, sehr, aber ich versuche, mich davon zu überzeugen, dass er hier gut versorgt wird. Urs ist…“, ich beende den Satz nicht.

„... er ist dein bester Freund, den du sehr liebst…aber stell dir jetzt nicht vor, ihn zu verlieren? Ja?“

„Ich versuch’s“, versichere ich und schaue auf seine schmale Hand,  „ich bin vorhin noch auf Birger getroffen“.

Jaron lässt mir lange Zeit weiterzusprechen, bevor er mir erneut entgegenkommt:

„Er hat mit Sebastian und mir Kaffee getrunken. Und obwohl er versucht, es zu überspielen, spürt man, wie gestresst er ist“.

Trotz der Anspannung muss ich leise lachen: „Er hat bemerkt, dass du alles wahrnimmst. Sagte, du seist für seinen Geschmack ein bisschen zu einfühlsam...".

„Hat er das gesagt?“, schmunzelt Jaron, „aber dass es ihm schlecht geht, sieht jeder…und ich hab‘ nicht viel zum Gespräch beigetragen“.

„Aber du schaust - ! “

„Nicht immer genau genug“.

Wahrscheinlich denkt er an seinen Ex Ludwig und daran, dass diesem in ihrer Beziehung scheinbar etwas gefehlt hat, was ihm entgangen ist.

„Du kannst nichts dafür, dass dein Ex sich in einen anderen Mann verliebt hat“.

„Nein, das weiß ich, und dennoch hab ich die Anzeichen übersehen oder übersehen wollen. Egal, denn trotz allem zieh ich den Herzschmerz einer gescheiterten Liebe einer sich ständig professionell analysierenden schmerzfreien Beziehung vor. Liebe, Sachlichkeit und Rationalität passen nicht immer zusammen“.

„Wahrscheinlich nicht“.

„Hast du mit Birger reden können?“

„Ein paar Worte nur – er wird mich später hier abholen und dann wollen wir reden“.

„Gut“.

„Mal sehen, ob es gut wird. Er ist verletzt, sehr wütend und machte das auch deutlich. Es wird ein schwieriges Gespräch werden“.

„Sollte es auch - “.

Als Jaron seinen Kommentar unkommentiert stehen lässt, reibe ich mein Gesicht mit beiden Händen und stöhne: „Ich bin gerade so gelähmt - meine Kommunikationsfähigkeit hat sich scheinbar verabschiedet  - was soll ich ihm wie sagen?… Und dann sitzt da auch noch Sebastian oben an Urs‘ Bett und weint wie ein Schlosshund“.

„Was erstaunt dich an Sebastians Reaktion so?“

„Ich hab ihn noch nie so erlebt“.

Es wundert mich, dass Jaron darauf nichts sagt, sondern nur eingehend seine Schuhe betrachtet, und nach mehreren Minuten der Stille wird klar, dass er nichts zu Sebastian sagen möchte, also wechsle ich das Thema.

„Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll, dass du uns gefahren hast und jetzt hier wartest - allein das Wissen, dass du da bist, hilft“.

„Brauchst mir nicht zu danken, ich wollte fahren“.

Sebastian schien mir den Tag über so gefasst, besonnen – wie immer. Aber scheinbar hat Jaron da eine andere Wahrnehmung und ich vertraue seiner mittlerweile mehr als meiner.

„Du hast genügend am Hals derzeit – und wir nehmen dich in Beschlag “.

„…es gibt nichts, was mir davonläuft und ich wollte ja eh ein paar Tage mit dir hierherkommen“.

„Trotzdem danke! Sebastian sagt, du wirst mit zu meinem Eltern gehen, find ich gut. Sie mögen Gäste und haben viel Platz“.

Darauf folgen wieder einige Minuten des Schweigens.

„Wenn ihr euch später seht, solltest du Birger übrigens sagen, dass zwischen uns nichts läuft…“.

„Ich weiß nicht, ob ihm das viel ausmachen würde…er glaubt nicht an Monogamie“.

Jaron schüttelt den Kopf: „Das mag sein, aber dich will er nicht teilen, glaub mir. Du kannst dir nicht vorstellen, wie misstrauisch er mich zu Anfang angeschaut hat. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht zu lachen…, wäre nicht gut gekommen, denk ich“.

„Oh, ich kenne diesen Blick“ -  nun muss ich auch schmunzeln – aber nur kurz.

„Weißt du, das Irre ist, während der ganzen Zeit habe ich mich nicht ernsthaft mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, dass Birger sich gegen unsere Beziehung entscheidet. Als ich beschloss, eine Auszeit zu nehmen, sah ich keinen anderen Weg – für mich . Ich konnte nichts mehr essen, mir war ständig schlecht, ich stellte unsere Beziehung grundlegend in Frage, war nicht mehr sicher, ob ich ihn noch liebte. Und obwohl ich sah, dass er sich bemühte, uns wieder einander näherzubringen, kam es mir nur reaktiv und zu spät vor und ich fand aus meinem Hamsterrad des Zweifelns nicht heraus... Und wenn er mich jetzt verlassen sollte…wüsste ich nicht, was ich tun sollte, und ich weiß auch nicht, wie ich das verhindern soll, ob das überhaupt möglich ist…Er hatte in meiner Abwesenheit ebenso einige Wochen Zeit über unsere Zukunft nachzudenken und das schließt die Möglichkeit ein, dass in seiner Zukunft kein Platz mehr für ein ‚Uns‘ ist “.

Als Jaron daraufhin schweigt, schaue ich ihn fragend an.

„Was würdest du in so einem Fall einem Patienten oder einem Freund raten?“, fragt er das, was mein scheinbar verlorengegangenes professionelles Ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch fragen würde. Wobei ich momentan das Gefühl habe, die ganzen Jahre nur „Therapeut“ gespielt zu haben.

„Du weißt, was ich sagen würde“.

„Vielleicht, aber sprich’s aus – laut…“

Jarons Mund lächelt, aber seine Augen schauen mich an, als ließen sie in diesem Moment keinen Widerspruch zu.

„Ich würde sagen, diese Möglichkeit bestehe, und wenn sie zuträfe, wäre es unumgänglich, seine Entscheidung zu akzeptieren und zu lernen, damit umzugehen und wenn er oder sie dabei Hilfe brauche, sei ich da“.

Jaron legt seinen Arm um mich und drückt mich an sich: „Und sollte Birger tatsächlich eure Beziehung beenden wollen und du Hilfe dabei brauchen solltest, damit zurechtzukommen, dann bin ich da, Simon, und dein Freund Urs, der wieder gesund wird, und dein Bruder und deine Eltern auch. Nicht allein zu sein, ist bei einer potenziellen Trennung das Wichtigste und du bist es nicht!  Zudem glaube ich nicht, dass Birger schon eine Entscheidung getroffen hat. Er steht unter großem Stress, das sieht und spürt man, aber er wirkt auf mich nicht so, als hätte er sich von eurer Beziehung verabschiedet – so wie er mit deinem Bruder umgeht, wie besorgt er wegen deines Freundes ist … hat jemand das Ende einer Beziehung beschlossen, geht er meistens auf Distanz, auch zu den Menschen, die dem, den er verlassen will, nahestehen“.

„Ich hoffe, du hast Recht“.

„Hab ich…“, lacht er.

Jaron durchbricht mit seinem Schmunzeln oder Lachen immer wieder die dunkle Stimmungsglocke, unter der ich mich zusammenkauere. Ich mag sein Lachen. Ich mag ihn.

„Übrigens - was du vorher erwähnt hast bzgl. uns und Birger - du weißt, ich wäre darauf eingegangen, oder?“

„Worauf?“

Jaron entbindet mich nicht von der Aufgabe auszusprechen, was ich meine.

„Ich hätte mit dir geschlafen – auch wenn es richtig war, dass du da die Grenze gezogen hast an jenem Abend“.

„Ja, ich weiß. Und ich hätte dich auch gerne – erkundet ? Du bist ein schöner Mann, Simon, sehr anziehend. Dass dir das nicht wirklich bewusst ist, ist sehr berührend, und auch wenn es in dem Moment vielleicht schön gewesen wäre, hätte es uns beide nicht weitergebracht – dich noch weniger als mich. Es hätte deinen Blick auf deine und Birgers Situation verfälscht. U nd wir würden jetzt nicht hier zusammen sitzen und ungeschminkt reden können“ .

„Stimmt…“.

Wieder lacht er und dann schweigen wir – nah beieinandersitzend, aber in Gedanken wahrscheinlich in ganz unterschiedlichen Gefilden unterwegs. Deshalb zucken wir beide zusammen, als uns eine vertraute Stimme aus unserer Gedankenverlorenheit aufweckt.

„Hier seid ihr!“

Große braune und sehr verweinte Augen schauen uns aus Sebastians rotfleckigem Gesicht an und mein Bruder sieht nicht mehr aus wie Anfang dreißig, sondern wie ein Kind.

Was kann ich anderes tun als aufzustehen und ihn in die Arme zu schließen?

„Ach Kleiner,“ murmle ich, und schon wieder fließen seine Tränen. Und so wiege ich ihn hin- und her, wie ein Kind eben und versuche ihn zu trösten: „Er wird wieder gesund, daran wollen wir, müssen wir ganz fest glauben, ok?“

Sebastians Lockenkopf nickt an meiner Schulter und ich versichere ihm:

„Ich werde nichts fragen, ok? Irgendwann kannst du mir erzählen, was los ist, ok? Aber nur, wenn du willst“.

„Und du wirst mich wirklich nicht löchern?“

Es klingt ungläubig und ich kann es ihm nicht verdenken.

„Nein, werde ich nicht“.

„Auch wenn du vor Neugier platzen wirst?“

„Auch dann nicht“.

„Du gehst nochmal hoch zu Urs, oder?“

„Natürlich“.

„Dann fahr ich jetzt mit Jaron nach Hause, melde dich, wenn ich dich abholen soll“.

„Birger holt mich, wir wollen reden“.

„Viel Glück!“

„Danke, kann ich brauchen“.

Bevor sie abfahren, hole ich aus Jarons Bus ein paar Utensilien, um mich ein bisschen frisch machen zu können, und schaue den beiden dann noch eine Weile nach, auch als sie längst meinem Blick entschwunden sind. Es ist mir klar, dass ich die Begegnung mit Urs aufschiebe, weil ich weder weiß, ob er Sebastians Weinkrampf kommentieren wird noch was ich dann dazu sagen soll. Vielleicht erwähnt er aber auch nichts. Mal sehen.

Das Gespräch mit Birger, dessen Ausgang ich mir im Moment nicht vorstellen möchte, rückt ebenfalls näher, was mich nicht wirklich beruhigt.

Doch Jaron hat Recht –  auch wenn Birger sich von mir trennen sollte oder wir es noch einmal miteinander versuchen und scheitern, weiß ich, dass ich nicht  allein sein werde, denn Urs, meine Eltern, mein Bruder und Jaron werden für mich da sein. Zu versuchen, Birgers und meine Krise ohne Input von außen allein zu bewältigen, war, denke ich im Nachhinein, ein Fehler.