35I Dreißig Minuten
35I Dreißig Minuten
So, ich habe über das 35. Kapitel nochmal drübergelesen und hier ist es auch schon.
Simon wird ein bisschen gebeutelt, aber lest selbst :)
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
35I Dreißig Minuten
Bevor ich zurückgehe, mache ich mich in einer Besuchertoilette frisch und putze die Zähne. Dr. Noor ist gerade wieder bei Urs, als ich ankomme, erklärt ihm die aktuellen Untersuchungsergebnisse und gibt seine Einschätzung ab: „Ein Schädelhirntrauma ist immer ernst zu nehmen, und Ihres ist kein leichtes, aber wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, wovon ich derzeit nicht ausgehe, bin ich sehr optimistisch, dass Sie wieder ganz gesund werden“.
Das beruhigt mich sehr, Urs reagiert jedoch kaum, vielleicht ist er einfach zu erschöpft.
Deshalb reden wir, sobald der Arzt weg ist, auch nicht, sondern schweigen, so wir wie es oft tun: unser vertrautes Schweigen, das keiner Worte bedarf.
Ihn ansehend, spüre ich unserer Freundschaft, unserer Nähe und ja, unserer Liebe zueinander nach. Sie verbindet uns seit unserer Kindheit und sie wird bleiben, bis einer von uns gehen muss. Wir hatten schwierige Zeiten, die Gott sei Dank hinter uns liegen. Er verstand nicht, warum ich nach dem Abi aus seiner Sicht einfach „verschwand“, ich konnte nicht nachvollziehen, wie es dazu komme konnte, dass er sich prostituierte. Verstehen kann ich es ehrlicherweise immer noch nicht, aber ich bin von meinem hohen Ross runtergestiegen und lass seine Vergangenheit Vergangenheit sein. Ich denke an unseren letzten Segeltörn, der unsere Beziehung aus meiner Sicht wieder ins rechte Lot gerückt hat, auch oder gerade, weil Urs mir einige unangenehme Wahrheiten über mich gesagt hat, an denen ich arbeiten werde. Wieder nehme ich seine Hand in die meine, streichle sie, zeige ihm, dass er nicht allein ist, während er mich unendlich müde ansieht.
Mit diesem intensiven, zuweilen unlesbaren Blick seiner silberblauen Augen hat er mich immer gesehen , gesehen mit all meinen Eigenheiten und Schwächen und mich ohne Einschränkung akzeptiert.
Er hat so ein großes Herz, mein lieber lieber Freund.
Trotz seiner Erschöpfung wehrt er sich gegen das Einschlafen.
„Hey, du musst dich ausruhen, schlaf ein bisschen, ich werde noch bleiben, ok? Irgendwann geh ich zwar, aber morgen früh komm ich wieder. Veit vermisst dich übrigens, aber es geht ihm gut, mein Vater verwöhnt ihn ohne Ende. Also mach dir keine Sorgen, ja?“
„Danke dir - euch - für alles. Sag das allen, ok? Auch Birger und dem unbekannten Samariter, der euch gefahren hat, ok?“
„Mach ich“.
„Würdest du noch was für mich tun, was dir wahrscheinlich nicht gefallen wird?“, fragt er leise.
„Klar“.
„Sag bitte auch Beat Bescheid, wenn ihn anrufe, kommt er gleich hergestürmt und ich glaube, ich kann seine Aufregung und sein Bemuttern gerade nicht brauchen“.
„Mach ich, morgen, ja? – Und deine Eltern, was ist mit denen?“
„Mit ihnen kann ich mich gerade überhaupt nicht auseinandersetzen – sie…“, er schüttelt unmerklich den Kopf, aber da die Bewegung ihn schmerzt, stöhnt er leise, bevor er hinzufügt, „irgendwann erzähl ich dir, warum“.
„Musst du nicht“.
„Ach…wo ist mein inquisitorischer, moralisch etwas eindimensionaler Freund?“, grinst er, obwohl ihm das wieder wehtun muss.
„Der hat sich fest vorgenommen, aus seinen Fehlern zu lernen“, antworte ich und fahre sanft über seine Wange.
„Beats Privatnummer ist in der Kontaktliste meines Handys. Der Pin ist Veits Geburtstag“.
„Alles klar, ich suche sie mir später raus “.
„Gut…bin gespannt, wie weit deine Läuterung reicht…“.
Ich kommentiere seine Witzelei nicht, sondern massiere die Stelle zwischen seinem Daumen und Zeigefinger und grinse in mich hinein.
Das scheint ihn zu beruhigen, denn es dauert nicht lange, bis er einschläft. Ich schnappe ich mir sein Handy und speichere Beats Nummer in meinem. Egal, was ich von ihm und den Hintergründen bzw. Anfängen ihrer Beziehung halte, er ist für Urs seit Jahren ein verlässlicher Freund, half ihm, wieder Fuß zu fassen und scheint keine „Gegenleistung“ zu verlangen. Ich muss das nicht verstehen, aber ich muss es akzeptieren, das habe ich glücklicherweise endlich begriffen.
Gegen zehn breche ich auf und küsse Urs auf die Stirn so sacht wie möglich, um ihn nicht zu wecken, aber er spürt es dennoch und wacht auf.
„Simon -?“
„Hmm?“
„…Du weißt, dass ich dich liebe“.
„Ja und ich lieb dich auch, das weißt du hoffentlich genauso“.
„Ja, tu ich. Die Sache ist - ich kann nicht so lieben wie du, so, wie du es vielleicht gewollt oder gebrauchst hättest. Hätte ich es gekonnt, hätte ich es versucht, glaub mir. Aber ich kann es nicht. Hätten wir früher darüber gesprochen, hätten wir uns zeitweise vielleicht nicht so entfremdet. Keine Ahnung, aber das wollte ich dir schon lange sagen, hatte nur Angst, du würdest es in den falschen Hals bekommen. Aber es ist Zeit, manches einfach laut zu auszusprechen. Es tut mir leid, dass ich es nicht konnte, ok?“.
So lange zu sprechen, verbraucht offensichtlich all seine verbleibende Kraft, denn er sieht fix und fertig aus, aber scheinbar musste er es loswerden.
„Urs…Lieber…wir haben diese schlimme Zeit hinter uns gelassen, ja? Und jetzt bin ich für dich da, ok? Und mir tut es wahnsinnig leid, dass ich nicht mit dir geredet habe, bevor ich nach Dresden ging, und jahrelang das, was du gebraucht hättest, ausgeblendet und viel zu wenig versucht habe, dich zu verstehen. Verzeih mir das bitte!“
Vielleicht ist das nicht die Antwort, die er erwartet hat, aber er lächelt dieses schiefe schmerzverzerrte Halblächeln und flüstert: „Längst passiert“, und ich küsse ihn nochmals auf die Stirn: „Bis morgen, mein liebster Lieber“.
Er nickt, schließt die Augen, während ich aus dem Raum schleiche und nicht weiß, wie mir geschieht. Wie soll ich seine Eröffnung verstehen und v.a., wie soll ich mit ihr umgehen? Was genau hat er mir da eröffnet? Was genau will er mir sagen? Und warum gerade jetzt?
Und nach langer Zeit meldet sich mein Magen wieder und liegt schwer wie Blei in meinem Oberbauch.
Scheiße! Es war doch so viel besser, habe ihn die letzten Wochen überhaupt nicht mehr gespürt. Und wenn ich das Gespräch mit Birger auch nur halbwegs hinbekommen will, kann ich diesen verdammten Druck überhaupt nicht gebrauchen.
Vor der Klinik versuche ich ihn zuerst wegzuatmen und dann wegzumassieren, um wenigstens etwas runterzukommen. Nach einer Weile gelingt es mir auch und ich atme tief und wieder freier.
Es ist immer noch warm. Ein schöner Sommerabend, den all das, was in dem Krankenhaus vor sich geht, vollkommen unberührt lässt. Die Gleichzeitigkeit von sich auszuschließen scheinenden Situationen, Gefühlen, Schicksalen ist oft schwer zu begreifen.
Ich schüttle den Kopf und schiebe das Nachdenken über das, was Urs gerade angesprochen, angedeutet hat, auf. Seine Verletzung und die Bombe, die er gerade hat platzen lassen, Sebastians Zusammenbruch und das bevorstehende Gespräch mit Birger, dessen Ausgang ich nicht abschätzen kann, das alles ist ‘ne Menge und am liebsten würde ich mich irgendwo verkriechen, meine Augen schließen, meine Ohren zuhalten und meine Gedanken ganz abschalten. Aber jedem anderen würde ich in einer vergleichbaren Situation sagen, dass so keine Probleme gelöst werden können.
Das Gespräch mit Birger über die Zukunft unserer Beziehung lässt sich nicht aufschieben und so nehme ich den Rat meines noch nicht ganz verschwundenen professionellen Ichs an und rufe ich ihn an. Natürlich geht er gleich ran, als ob er nur darauf gewartet hätte, dass ich mich endlich melde.: „Ich brauche etwa 30 Minuten“.
30 Minuten - sie können sich unheimlich in die Länge ziehen, wenn man ungeduldig auf etwas oder jemanden wartet oder auf gefühlte 30 Sekunden schrumpfen, wenn man vor etwas Bevorstehendem Angst hat. Einerseits suche ich noch nach den richtigen Worten, um Birger irgendwie sagen zu können, wie es aus meiner Sicht um uns steht, was ich während unserer „Pause“ glaube, erkannt zu haben, was seinen, aber auch meinen Anteil an unserer Krise betrifft und dass ich ihn nicht verlieren möchte. Und für diese „Wortsuche“ brauche ich Zeit und ob dafür 30 Minuten reichen, bezweifle ich, andererseits weiß ich, dass weiteres Hinauszögern nichts bringt, zugleich habe ich Angst vor der bevorstehenden Begegnung oder eher Konfrontation. Und zugleich sehne ich mich danach zu erfahren, wie er unsere Beziehung aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus jetzt beurteilt, so dass wir beide endlich klarer sehen.
Ja, und so erspähe ich seinen schwarzen Audi viel zu früh und zugleich sehr spät auf den Parkplatz einbiegen, Birger aussteigen und mit verfinstertem Gesicht auf mich zukommen. Er geht weder schnell noch langsam, weder forsch noch zögerlich und ich denke, er ist in seinen Entscheidungsprozessen weiter als ich – und mit großer Wahrscheinlichkeit auch klarer.
Oh Mann…