36I Die Wohnung
36I Die Wohnung
So, meine Lieben, Simon und Birger beginnen zu reden...
freue mich über eure Eindrücke!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
36I Die Wohnung
Da stehen wir uns also nach Wochen, in denen wir nicht kommunizierten, ratlos gegenüber und haben keine Ahnung, wie wir aufeinander zugehen, wie wir miteinander umgehen, geschweige denn, was wir zueinander sagen sollen: wie absurd und zugleich symptomatisch für unsere Beziehung während der letzten eineinhalb Jahre.
Da war, ist so vieles, was wir nicht ausgesprochen, nicht aufgearbeitet und uns nicht eingestanden haben und das hat uns in diese Sackgasse geführt. Die Frage, ob wir in ihr stecken bleiben, ein Schlupfloch, umkehren und einen anderen Weg finden oder unsere gemeinsame Zeit zu Ende ist, wird heute Abend wahrscheinlich beantwortet werden und das macht mir so große Angst, dass ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken würde. Allerdings hab ich ja genau das viel zu lange gemacht.
Birger starrt mich an, abwartend, bewegungslos, angespannt, er wird nicht den Anfang machen, warum auch, ich wollte die Auszeit, ich bin gegangen, also muss ich den ersten Schritt auf ihn zu gehen, soll das Gespräch irgendwohin führen. Birgers dunkelster Blick bohrt sich in meinen fragenden und ausweichenden und ich stöhne innerlich, denn dieser Abend wird so unheimlich schwer werden.
„Danke, dass du gekommen bist“ – ich höre selbst, wie banal das klingt und wie unsicher sich meine Stimme anhört.
Birger zuckt die Achseln: „Hab ja gesagt, dass ich dich abhole“, und seine Augenbrauen schnellen weit nach oben fast unter seinen Haaransatz, als planten sie, niemals wieder ihren angestammten Platz einzunehmen.
„Ich weiß, bin dir dennoch dankbar dafür, ok?“
Er nickt, seine Augenbrauen bleiben jedoch oben, und er wartet schweigend auf meinen nächsten Schritt.
„Wo sollen wir zum Reden hingehen, hast du eine Idee? Mein Gehirn ist gerade ziemlich benebelt“, gestehe ich ein.
„Weiß nicht, wir könnten durch die Gegend fahren und uns vielleicht irgendwo an den See setzen.“
Die See-Idee gefällt mir nicht, denn wenn wir an einer Stelle enden sollten, die mit irgendwelchen Erinnerungen verknüpft ist, fange ich an zu heulen.
„Lass uns erstmal losfahren“, schlage ich deshalb vor.
Im Auto senkt sich Schweigen über uns wie der dichte Nebel, der im Winter den See einhüllt und nicht nur sensiblen Seelen zusetzt.
Gott, ich bin so abartig nervös, dass meine Hände anfangen zu zittern und ich starre deshalb zur Ablenkung auf Birgers rechte Hand, die scheinbar locker auf dem Schalthebel liegt. Wieder einmal denke ich, welch schöne, gepflegte, kräftige Hände er hat, die zupacken und zugleich unglaublich zärtlich sein können. Im Unterschied zu mir fährt er sicher und konzentriert und ja, seine Art zu fahren und seine Hände im Speziellen ziehen mich auch in diesem merkwürdigen Moment an. Doch körperliche Anziehung war nie unser Problem.
Nach ein paar Minuten holt er mich mit einer unerwarteten Neuigkeit aus meiner Betrachtung:
„Daniels Eltern haben eine Zweitwohnung in der Altstadt, die sie kaum nicht nutzen, und sie haben mir angeboten, da zu wohnen, und das mach ich seit einem Monat“.
Was bedeutet das für uns, frage ich mich sofort. Ist das eine Zwischenlösung oder will er längere Zeit in dieser Wohnung bleiben? Geht er folglich schon von unserer Trennung aus?
„Wir könnten also in meine Wohnung fahren, wenn das für dich nicht zu viel Nähe impliziert – sie hat einen großen Balkon, auf den wir uns setzen können“. Ob er das ironisch meint und er auf meinen Wunsch nach Distanz anspielt, beantwortet sein Nachsatz: „Zum Herumfahren bin ich zu angespannt und in unser Haus kann ich unter diesen Umständen nicht “.
Seine Stimme zittert und sein Eingeständnis berührt mich tief.
„…warst du in der ganzen Zeit nie im Haus?“
„Doch, ein-, zweimal, brauchte noch ein paar Sachen und heute Abend, da war ich kurz dort, um die Pflanzen und den Rasen zu gießen, Urs kann ja gerade nicht…“.
Puh…
„Birger, ich hab diese Pause gebraucht…wäre ich nicht gegangen, wäre ich ernsthaft krank geworden“.
„Ich weiß, Simon, das weiß ich…“.
„Aber worüber ich mir ehrlicherweise viel zu wenig Gedanken gemacht habe, waren die Auswirkungen auf dich. Und das tut mir leid – sehr sogar. Ich wollte dir nicht absichtlich wehtun, wirklich nicht!“.
Auf meine Entschuldigung geht er nicht ein, sondern fragt ein bisschen atemlos: „Wo sollen wir jetzt also hin?“
„Deine Wohnung ist ok “.
Eine halbe Stunde später klettere ich hinter ihm die fünf Stockwerke zu seinem neuen Domizil hoch und versuche, nicht auf seinen Hintern zu starren. Dass Birger den Lift meidet, weil er meine Aversion gegen Aufzüge kennt, lässt den Frosch in meinen Hals noch wachsen, und ich brauche einige Versuche, ihn hinunterzuschlucken.
In der Wohnung angekommen, geht Birger sofort auf die breite Fensterfront eines offenen Wohnraums zu und öffnet die Schiebetüre, die auf einen großen Balkon hinausführt. Er hält es wohl nicht aus, in einem geschlossenen Raum mit mir zu sein.
„Hast du Hunger? Ich hab nicht viel da, aber ich kann dir ein Sandwich machen“.
„Danke nein, ich hab keinen Hunger“.
Birger nickt wissend: „Geh schon mal raus, ich komm gleich nach“.
Informationen zwischen den Zeilen sagen oft so viel mehr als Ausbuchstabiertes: Birger, der es liebt zu kochen und genauso gerne isst, hat nicht viel zu essen da und dass er in kurzer Zeit deutlich an Gewicht verloren hat, ist unübersehbar, so schlank war er noch nie.
Ich betrete den größtenteils mit Glas überdachten Balkon, setze mich an den Tisch, der nahe am Geländer steht, und schau mich um – dankbar für ein paar Minuten Aufschub.
Von hier oben hat man einen unglaublichen Blick auf die Dächer der Altstadt und den Hafen - wäre das meine Wohnung, säße ich wahrscheinlich jeden freien Augenblick hier, an einem Ort mitten im Leben, der sich dennoch dem Geräuschpegel und der Umtriebigkeit der Stadt entzieht.
Unter einem Moskitonetz entdecke ich beim Umherschauen eine gepolsterte breite Holzliege, auf der ein dünner Schlafsack liegt:
„Übernachtest du hier draußen?“, frage ich, als Birger nach kurzer Zeit zu mir tritt und eine Tasse heiße Schokolade vor mich hinstellt, bevor er gleich wieder hineingeht.
„Wenn es nicht zu stark regnet, ja“.
Mit zwei gefüllten Gläsern, Mineralwasser und einem alkoholfreiem Bier kommt er zurück und setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Er sieht wirklich müde und erschöpft aus, würde ich dies aber kommentieren, würde er es in den falschen Hals kriegen.
„Danke für die Schokolade!“ Obwohl es ein absolut milder Abend ist, lege ich meine Hände um die warme Tasse – ein vertrautes Gefühl.
Birger nickt und atmet hörbar aus, bevor er das Gespräch eröffnet:
„Soo, du musstest ja deutlich früher zurückfahren als wahrscheinlich geplant“.
„Nein, ich hatte vor, kommende Woche zurückzukommen. Ich hatte genug Zeit, nachzudenken und sowohl Jaron als auch Sebastian gaben mir ein paar hilfreiche Hinweise“.
Er starrt eine Weile auf das Glas Bier in seiner Hand und nickt wieder: „Und? Siehst du klarer?“
„Ich hab noch keine volle Klarsicht, aber ich tappe auch nicht mehr im Nebel herum“.
„Will heißen?“
„Heißt, für mich ist unsere Beziehung noch nicht zu Ende, ich denke und hoffe, wir können - und müssen - an ihr arbeiten, dann haben wir auch eine Chance. Oder konkreter: Ich will dich nicht verlieren“.
„Warum?“
„Warum?“
„Warum willst du mich nicht verlieren?“
Die Frage überrascht mich und ich brauche Zeit, um zu antworten, was ihm augenscheinlich zu lange dauert, denn er wiederholt die Frage.
„Warum willst du mich nicht verlieren, Simon?“
Ich schlucke und suche nach den richtigen Worten und als die nicht sofort aus mir heraussprudeln, starrt er mich mit einer Mischung aus wieder aufkeimender Wut und etwas, was ich nicht benennen kann, an.
Oh Mann,…
„Warum willst du mich nicht verlieren? Ich finde das keine schwierige Frage. Was ist es? Gewohnheit, Angst vor dem Ungewissen, vor dem Alleinsein? Was ist es, was dich keinen Schlussstrich ziehen lässt?“
Ich stolpere über das Wort ,Schlussstrich‘, doch bevor ich nachfragen kann, ob er denn unsere Beziehung beenden möchte, fährt er fort: „ Für mich gibt es eigentlich nur eine valide Antwort auf die Frage“.
Ich versuche meinen Ärger zu unterdrücken, fühle mich aber in die Enge getrieben, ich suche nach Worten, die die Situation entschärfen und nicht weiter eskalieren lassen und brauch dafür ein bisschen Zeit.
„Und welche Antwort ist für dich valide , Birger?“, frage ich deshalb so ruhig wie möglich, doch noch während ich die Frage ausspreche, weiß ich, ich verletze ihn mit der Gegenfrage noch mehr als er es unübersehbar schon ist, aber leider ist sie schon raus.
„Fein! Lassen wir es!“, damit steht er abrupt auf und beginnt hin- und herzutigern.
„Birger…“.
„Was??“
Er hält kurz inne und reibt sich grob über‘s Gesicht.
„Was…?“, wiederholt er, bevor er sich wieder setzt und mich jetzt mehr erschöpft als wütend ansieht: „Weißt du, ich nehme dir ab, dass es dir leid tut, ausgeblendet zu haben, wie dein Abgang und alles, was ihm vorausging, auf mich wirken musste. Doch ich frage mich, warum hast du daran nicht gedacht? Seit ich dich kenne, denkst du hundert Jahre über alles nach, betrachtest Dinge von allen Seiten, prüfst deine Entscheidungen, planst deine Schritte bis ins Kleinste und setzt deine Pläne dann konsequent um… und du bist gut in all dem“.
Was soll ich dazu sagen? Ich muss jedoch nicht lange darauf warten, dass er weiterspricht.
„Aber weißt du, worin du absolut nicht gut bist? Im Kommunizieren dieser deiner Gedanken und Pläne, vor allem wenn sie andere betreffen. Speziell in Fällen, die mich angehen , schweigst du dich beharrlich aus, lässt mich nicht an deinen gedanklichen Prozessen teilhaben, sondern stellst mich einfach irgendwann vor vollendete Tatsachen. Und das machst du seit Jahren und das ist einfach Scheiße!“
Ich verstehe seine Frustration – schließlich hat mir Urs ja mehr oder weniger dasselbe rückgemeldet und Jaron ließ ebenfalls durchblicken, dass kommunikationstechnisch Arbeit auf mich wartet, aber Birger ist noch nicht fertig, steht wieder auf, geht ein paar Schritte, bevor er stehen bleibt:
„Ich hab verstanden, dass dich die Sache mit Max aus der Bahn geworfen hat, das hat sie mich auch…Dass sie für dich nicht damit erledigt war, indem ich sie beendete, damit habe ich gerechnet, doch ich hoffte, Zeit würde helfen. Aber nach den ersten Gesprächen, die wir über das Ganze hatten, zogst du dich mehr und mehr zurück und ich kam nicht mehr an dich ran. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass du mich auch noch für deinen Rückzug verantwortlich machtest. Damit konnte nicht umgehen und vermied es, mehr und mehr zu Hause zu sein. Du wolltest mich nicht um dich haben, also blieb ich länger in der Praxis, denn wenn ich nach Hause kam, traf mich dein vorwurfsvoller Blick, aber geredet hast du nicht. Und nach ein paar winzig kleinen Lichtblicken knallst du mir an den Kopf, eine Auszeit zu brauchen – mit offenem Ende! Ich fand das nicht fair und dann meldest du dich mit keinem Wort – das machte mich so wütend, so verdammt wütend!“
Mir liegt auf der Zunge, dass ich seine Rumfickerei auch nicht fair fand, schlucke die Antwort aber runter. Doch als ob er meine Gedanken erraten könne, fährt er fort:
„Als du mir erklärt hast, meine ‚unzähligen‘ Fremdgänge seien für dich wie ein chronischer blauer Fleck, den du jahrelang ignoriert hättest, bis er sich zu einem fetten Hämatom entwickelt hätte, so dass du nicht mehr über ihn hinwegsehen könntest, weißte, da hab ich mich wie der letzte Arsch gefühlt, wie ein selbstabsorbierter Sack, der seinen Schwanz nicht in der Hose behalten kann und den Menschen, den er liebt, damit verletzt und deshalb dachte ich zunächst, ich muss jetzt alles schlucken, was du mir vorwirfst und servierst“.
Er atmet tief durch, bevor er weiterredet:
„Aber das Bild vom hypersexuellen promisken Ignoranten, das du von mir zeichnest, stimmt nicht und das weißt du. Wie gesagt, ich versteh dein Verletztsein, aber nicht deine Reaktion darauf. Jedenfalls finde ich, du hast die Ursachen unserer Krise sehr einseitig auf meine Seite geschaufelt. Weißte, was würdest du einen Patienten fragen, der zu dir kommt und sagt, er habe seit Jahren ein Ekzem, das er jetzt nicht mehr ignorieren könne, weil es durch jeden Verband durchnässt? Wie würdest du reagieren?“
„Ich würde ihn fragen, warum er nicht früher gekommen wäre, um es von einem Arzt anschauen zu lassen“.
„Und warum bist du nie zu mir gekommen? Warum hast du nie gefragt?“
„Weil ich Angst vor deinen Antworten hatte und du Monogamie ablehnst und ich nicht“.
„Das stimmt so doch nicht, ich lehne Monogamie nicht rundweg ab, ich halte sie lediglich für einen Anspruch, der in seiner Absolutheit unsere menschliche Realität überfordert – auch wenn man in einer festen Beziehung ist, kann man sich von anderen Menschen angezogen fühlen, sich vielleicht auch in sie verlieben, ohne dass das gleich moralisch verwerflich ist, finde ich.“
„…ich weiß auch, dass man sich auch in andere verlieben kann“, räume ich ein – an Jaron und unsere Nähe denkend, „wäre es für dich dann also in Ordnung, … würde es dir nichts ausmachen, wenn ich mit einem anderen ins Bett ginge?“, frage ich schließlich.
Daraufhin schaut er mich eine Weile so intensiv an, dass ich mich dazu zwingen muss, seinen Blick auszuhalten.
„Doch, es würde mir etwas ausmachen, v.a. weil ich nicht glaube, dass du mit jemandem ins Bett gehen würdest, ohne in ihn verliebt zu sein, so bist du nicht gestrickt“.
„Nee, wahrscheinlich nicht. Aber ich nehme andere attraktive Männer durchaus wahr“.
„Du meinst z.B. Jaron Andermann?“, fragt er mit dem Anflug eines Lächelns.
„Zum Beispiel…“.
„Jemand wie er kann jeder Beziehung gefährlich werden, glaube ich. Und ich weiß übrigens, wie Eifersucht sich anfühlt, Simon. Deine Beziehung zu Urs, eure Nähe, zwischen die kein Blatt passt, konnte ich zu Beginn überhaupt nicht einordnen, ich kannte so etwas nicht und sie verunsicherte mich wahnsinnig. Man kann auch emotional fremdgehen, findest du nicht? Letztlich bringt Eifersucht aber nichts, oder? Sie tut einem selbst weh und nervt den Partner, v.a. aber ändert sie nichts, entweder dein Partner steht zu dir oder nicht“.
Mit seinem Bekenntnis Urs und mich betreffend und seinem Gespür, dass Jaron und ich uns irgendwie nahe gekommen sind, auch wenn zwischen uns nichts „passiert“ ist, habe ich nicht gerechnet.
„Ich hatte nie den Eindruck, du hättest mit meiner Freundschaft zu Urs Probleme und zwischen Jaron und mir läuft nichts“.
„Ich habe auch keine Probleme mit deiner Freundschaft zu Urs, schon lange nicht mehr, aber dass die für einen Außenstehenden etwas gewöhnungsbedürftig ist, kannst du dir vielleicht vorstellen und ich habe nicht gesagt, dass zwischen dir und Jaron etwas läuft…“.
„Dann ist es ja gut“.
Nun muss ich natürlich an Urs’ eigenartige Aussage heute Abend denken, dass es ihm leid tue, dass er mich nicht so lieben könne. Ich weiß nicht, ob es klug ist oder ob Urs damit einverstanden wäre, würde ich mit Birger darüber reden, aber plötzlich muss ich darüber sprechen.
„Urs hat heute Abend etwas Merkwürdiges zu mir gesagt“.
„Was denn?“
Nun zögere ich doch, denn Urs ist mein bester Freund, einer der wichtigsten Menschen und normalerweise würde ich für mich behalten, was er mir anvertraut. Aber Birger ist noch mein Mann und wenn ich möchte, dass er es bleibt, sollte ich vielleicht endlich den Mund aufmachen, wenn mich etwas umtreibt.
„Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll - vielleicht hat er Angst und ist deshalb durcheinander. Aber bevor ich ging, sagte er, er liebe mich, was ich hoffentlich wisse, aber es tue ihm leid, dass er mich nie so lieben konnte, wie ich es vielleicht gewollt oder gebraucht hätte…War seltsam“.
„Warst du denn mal in ihn verliebt?“
„Vielleicht…, ja, ein bisschen, als wir so 15/16 waren, da habe ich mir schon gewünscht, es könnte mehr aus uns werden und es tat weh, als er sich anderen zuwandte, aber unsere Freundschaft überlagerte das, sie war wichtiger als alles andere“.
„Wandte er sich denn wirklich anderen zu?“
„Ja, er hatte mehrere Freunde, während ich ja eher ein Spätzünder war, warum fragst du?“.
„Weil ich noch nie einen Schwulen erlebt habe, der so absolut gar keine spezifischen Signale aussendet wie Urs“.
Ich sehe Birger fragend an, denn angesichts von Urs‘ Vergangenheit, scheint die Vermutung, Urs sei asexuell, ziemlich abwegig.
„Ich hab euch früher oft beobachtet, Simon. Wie und wenn er dich ansieht, erkennt man in seinem Blick seine tiefe Zuneigung zu dir, Liebe, … aber keine Lust“.
Ich rufe mir ins Gedächtnis, was Urs mir auf unserem letzten Segelausflug alles gesagt hat. Seine mittlerweile zölibatäre Lebensweise, seine Reaktion, als ich ihn einmal auf das unübersehbare Interesse eines seiner Gesellen ansprach – eine sexuelle Beziehung sei das letzte, woran er Interesse habe. Ich habe es auf verstörende Erfahrungen in seiner Callboy-Phase zurückgeführt. Was er allerdings über einen mysteriösen Mann sagte, in den er mal verliebt war und den er auch nicht hätte teilen wollen, wenn es zwischen ihnen geklappt hätte, passt nicht in das Szenario.
„Hab ich dich jetzt gedanklich wieder einmal verloren?“ – Birger holt mich in seine und meine Gegenwart zurück.
„Entschuldige, ist gerade alles ziemlich verwirrend…“.
„Hättest du gerne, dass er dich anders ansieht?“
Birgers Stimme ist leise, klingt fast zärtlich und ich schaue erstaunt in die braunschwarzen Tiefen seiner Augen, suche nach Irritationen, vielleicht sogar nach Eifersucht, finde aber weder das eine noch das andere, sondern Wärme und ja, Zärtlichkeit.
„Nein, das möchte ich nicht. Als wir das letzte Mal Segeln waren, haben wir über vieles geredet und Urs hat mir einiges an den Kopf geworfen, zum Beispiel, dass ich zu schnell in Kategorien denke, wie sehr es ihn verletzt hat, als ich nach dem Abi nach Dresden gegangen bin und ihm vorher nichts davon gesagt habe, dass ich ein Moralist sei und oft zu eingleisig urteilen würde usw.“. Ich schüttle den Kopf und trinke meine Schokolade aus.
„Den Großteil von dem, was er gesagt hat, muss ich noch sacken lassen, aber ich hatte den Eindruck, dass wir das meiste, was zwischen uns stand, ausräumen konnten“.
„Deshalb hat dich seine Eröffnung heute so durcheinander gebracht?“
„Ja, ich wollte eigentlich erst morgen darüber nachdenken!“, lächle ich unsicher.
„Denn heute Abend steht ja unsere Beziehung auf dem Stundenplan“, auch Birger lächelt jetzt, „armer Simon!“
„Halt die Klappe!“ grinse ich, denn ich weiß, dass er mich gerade nur veräppelt. Es tut gut, die Bedeutungsschwere des Abends – wenn auch nur kurz – auszublenden und wir schweigen ein paar Minuten fast friedlich vor uns hin. Doch leider gibt es noch zu vieles, das wir klären müssen.
„Warum haben wir uns so verloren, Birger?“
„Vielleicht sollten wir uns fragen, warum wir uns nicht gesucht haben“, antwortet er leise.