37 I Lichtungen
37 I Lichtungen
Ihr Lieben, Simon und Birger klären manches...
bin gespannt, was ihr denkt!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
37 I Lichtungen
„Wie meinst du das?“
„Ich meine, wir haben uns irgendwann aus dem Blick verloren, bis wir in die Krise gerieten, in der wir jetzt stecken. Du denkst vielleicht, ich hätte unseren Zustand nicht realisiert oder ignoriert, aber das hab ich nicht, im Gegenteil. Ich hab versucht, dich – uns – wiederzufinden, doch du hast dich in dir selbst versteckt. Ob du mich gesucht hast, weiß ich nicht, auch nicht, ob du mich, uns wieder finden wolltest“.
Vor wenigen Wochen hätte ich ihm widersprochen, doch heute Abend kann ich das nicht mehr. Denn er hat Recht, ich war viel zu passiv, bemühte mich nicht wirklich um eine Annäherung und wartete darauf – ja, worauf eigentlich? Dass er zu Kreuze kroch? Mir in allem Recht gab? Fragen, deren Beantwortung ich mich stellen muss.
„Das bringt mich zu meiner Frage von vorhin zurück, die du mir nicht beantwortet hast…“.
Jetzt schaut er mich wieder so unheimlich verletzt und unsicher an, dass ich erst durchatmen muss, bevor ich antworte: „Du willst wissen, ob ich dich noch liebe? Ja, das tu ich! Ich geb‘ zu, ich war mir eine Zeit nicht mehr sicher, ob diese Liebe reichen würde, um weiterzumachen“.
„Dachte ich mir, du konntest oder wolltest mir nicht mehr antworten, wenn ich es sagte. Was beschissen weh tat. Aber da du mit Liebeserklärungen ja noch nie um dich geworfen hast, hoffte ich, dass dennoch was übrig war von deiner Liebe“.
Komisch, genau diesen Eindruck hatte ich von ihm, dass er mir recht selten sagte, er liebe mich. Das in dieser Situation zurückzuspielen, bringt aber nichts, deshalb sage ich es auch nicht. Birger braucht im Augenblick Zugeständnisse:
„Ich weiß, dass ich dir weh getan hab‘, Birger. Und ich weiß auch, ich hab‘ mich in die Opferrolle verbissen und das tut mir leid. Was genau ich von dir in dieser Krise erwartet habe, muss ich für mich noch klären und wenn ich es klar habe, werde ich es dir erzählen, wenn du möchtest. Was ich jedoch defintiv klar habe, ist, dass die Geschichte mit Max mir vor Augen geführt hat, dass ich es auf Dauer nicht aushalte, Mitspieler – wenn auch mir unbekannte – in unserer Beziehung zu haben, von denen ich nicht weiß, ob sie die Macht besitzen, mich irgendwann aus dem Spiel zu kicken. Das Gefühl, dir nicht zu genügen, dass du mit anderen vögeln musst , das macht mich fertig und wenn du das nicht aufhören kannst, dann hat unsere Beziehung keine Zukunft. Es gibt sicher Menschen, die so was tolerieren oder akzeptieren können, ich gehöre aber nicht zu ihnen“.
Birger schluckt, beugt sich über den Tisch und legt seine Hand auf meine, das erste Mal seit unserem Wiedersehen, dass er körperlichen Kontakt aufnimmt. Das berührt mich, denn ich wollte ihn schon den ganzen Abend anfassen, umarmen, ihm körperlich wieder nahe sein, aber es musste von ihm kommen.
„Das versteh ich, wenn du es so sagst“, sagt er leise, „und ich hab auch was erkannt: Wenn wir eine Chance haben wollen, müssen wir alle unsere Karten auf den Tisch legen“.
„Und welche Karten musst du offenlegen?“, frage ich unsicher.
„Dass du wegen Max ausgerastet bist, war berechtigt. Nicht nur, weil er diese schräge Nummer, bei dir aufzutauchen, abgezogen hat, sondern weil es keine einmalige Sache war und ich auf dem besten Weg war, mich richtig in ihn zu verlieben. Es war mit ihm anders als mit den anderen einmaligen Geschichten, doch weil ich unsere Beziehung nicht zerstören wollte, hab ich ja die Reißleine gezogen“.
Birgers Eingeständnis ist nicht leicht zu verdauen, absolut nicht. Aber es erleichtert mich auch, weil es mir bestätigt, dass meine Gefühle richtig waren, ich mich nicht getäuscht hatte, was die Bedrohung anbelangte, die von dieser Beziehung ausging.
"Was war es? Was an ihm zog dich an? Ich muss das wissen, auch wenn mir die Antwort sicher nicht gefällt“.
„Ok. Aber ich hoffe, du ziehst jetzt nicht gleich wieder alle Mauern um dich hoch. Es war seine Art, seine Präsenz, die Intensität, mit der er Dinge, z.B. Kunst betrachtet, sein Lächeln, wenn er etwas erklärt. Seine Verträumtheit. Das alles zog mich an. Und er warb um mich, das schmeichelte mir– ich fühlte mich von ihm wahrgenommen, gesehen. Klingt klischeehaft und banal, ich weiß, aber so war’s nun mal. Dennoch wusste er, dass ich mich nicht von dir trennen würde. Aber durchdacht hatte ich das Ganze nicht – er auch nicht. Es ist katastrophal gelaufen, seine Beziehung ist kaputt und unsere hängt an einem seidenen Faden“.
„…warum schließt du aus, mich zu verlassen? Bevor ich ging, sagtest du ja was Ähnliches, dass du immer gewusst hättest, wenn jemand die Beziehung beende, dann sei es ich. Das kannst du doch nicht wissen“.
„Was soll ich sagen? Du bist mein Mann. Von Anfang an hatte ich so ein Gefühl. Ich wollte dich, wollte uns , wusste das nach kürzester Zeit. Ich weiß nicht einmal, ob du dir zu Beginn überhaupt Gedanken über unsere Zukunft gemacht hast. Mir schien es immer so, als ob du einfach alles auf dich zukommen ließest und dann klärtest, was für dich passte und was nicht. Erinnerst du dich noch, wie lange du gebraucht hast, mir zu sagen, dass du mich auch liebtest? Vielleicht hat es eine Weile gebraucht, bis du es klar hattest. Bei mir war das nicht so, ich hab mich Hals über Kopf in dich verliebt, noch bevor wir zusammenkamen. Ich seh dich heute noch vor mir, wie du im Hörsaal immer so schräg in der Bank hingst, deinen Kopf in die Hand gestützt, deine wahnsinns-blauen Augen auf den Professor gerichtet, manchmal mitschriebst, meist aber nur zuhörtest. Als du mich während des Tutorats das erste Mal angelächelt hast, bekam ich buchstäblich schwache Knie und verlor den Faden. Und als du dann tatsächlich mit zu mir kamst und letztlich bliebst, konnte ich es kaum fassen. Aber ich wusste auch, dass ich auf mein Herz aufpassen musste, denn du zogst von Anfang an die Strippen. Ich wollte es mir lange nicht eingestehen, dass unsere Beziehung – wie sagt ihr Seelengräber so nüchtern? – asymmetrisch ist, aber das ist sie“.
„In welcher Hinsicht?“
„Du gibst vor, was geht und was nicht. Du definierst, in der Regel unausgesprochen, die Ebene und die Zeiträume unserer Nähe. Schau, ich würde am liebsten im übertragenen Sinn manchmal in dich hineinkriechen, um dich auszukundschaften, dich besser verstehen zu können – und das meine ich jetzt nicht körperlich. Das lässt du aber nicht zu – oder nur sehr selten. Du hältst mich auf Distanz. Also nicht körperlich, aber emotional und mental. Ich habe das lange Zeit akzeptiert, ich wusste, entweder sind wir so zusammen oder gar nicht, ich kam manchmal besser, manchmal schlechter damit zurecht. Ich will aber den Spieß nicht umdrehen und dir die Schuld für unsere Situation in die Schuhe schieben, keineswegs, ich versuche nur, in Worte zu fassen, wie es manchmal war. Hätte ich das angesprochen…ich weiß nicht, ob es etwas geändert hätte, denn du bist mir verbal weit überlegen.
Wenn wir miteinander schlafen, dann fühle ich mich dir so nah, wie ich es brauche, Simon. Deshalb hat es mich auch so verletzt, als du unsere Beziehung aufs Sexuelle reduziert hast. Ich weiß, dass ich diesbezüglich manchmal Sprüche von mir gebe, die dir auf die Nerven gehen, aber du hast so getan, als wäre ich nur an deinem Arsch interessiert, ich mag Sex, vielleicht mehr als andere, keine Ahnung, aber er ist für mich nicht das Wichtigste in unserer Beziehung, und ich denke, das weißt du auch, hast es aber ausgeblendet. Ich interessiere mich für den ganzen Simon, mag, wenn dir mein Essen schmeckt, mag, wenn wir etwas zusammen unternehmen, wenn du mich an dem teilhaben lässt, was in dir vorgeht. Du bist mein Zuhause. Ein Zuhause, in dem ich etliche Zimmer nicht betreten darf, aber das einzige Zuhause, das ich je hatte. Deshalb bin ich dir immer hinterhergelaufen wie ein Dackel und das war keineswegs leicht. Als du zum Beispiel zurück an den See wolltest, war ich geplättet, damit hatte ich nicht gerechnet. Dachte eigentlich, wir gehen zusammen in die USA, du hättest mit Sicherheit dort auch was gefunden. Als du aber davon nichts wissen wolltest, entschied ich mich für dich und den See, empfand das auch nicht als Opfer, ich mag die Region, genauso wie deine Eltern und Sebastian. Und ich bin schon lange hier angekommen, ich fühle mich hier wohl, ich arbeite gerne mit Esther und Daniel zusammen, und ich möchte nicht wieder weg von hier“.
Und nach einer kurzen Pause schiebt er hinterher: „…Ich würde dir nicht wieder nachkriechen, Simon – nicht mal, wenn dir das psychotherapeutische Elysium winken würde“.
„Wovon redest du?“, unterbreche ich ihn irritiert – nicht mal im Ansatz verdauend, was er mir gerade alles eröffnet hat – und die Aussage, ich sei ihm verbal überlegen, erscheint mir angesichts des Gesprächs, das wir führen, vollkommen absurd.
„Ich rede davon, dass ich dir nicht noch einmal an einen anderen Ort gefolgt wäre und das auch ausschließe, sollten wir zusammenbleiben“.
„Davon war auch nie die Rede“.
„Natürlich war davon nie die Rede ! Wie sollte es auch? Du warst ja wieder in deiner Schweigekammer“, antwortet er erstaunlich ruhig, als redete er mit einem Kind.
„Ich kapier‘ gerade überhaupt nichts, worauf willst du hinaus?“, frage ich nach.
„Ich rede von Genf. Was war das? Du hast dich wochenlang mit dieser Genfer Klinik und ihrer eigenartigen Gehirnstimulation-Therapie beschäftigt, willst du abstreiten, dass du dir überlegt hast, dahin zu wechseln?“
„Das muss ich nicht abstreiten, denn das hatte ich in der Tat nie vor. Mich interessierte tatsächlich nur diese Therapieform, weil ich einen Patienten hatte, der auf keine Therapie oder Medikation ansprach. Warum hast du denn nicht gefragt, wenn du den Verdacht hattest?“
„Weil ich wollte, dass du es mir sagst und zwar, bevor du schon wieder alles in trockenen Tüchern gehabt hättest. Verstehst du? Ich wollte, dass du mit mir redest – in Worten, die aus einem Alphabet bestehen, das ich auch beherrsche“.
„Dann müssen wir wohl eine Sprache entwickeln, die wir beide verstehen?“
„Oder einfach nur offen miteinander reden?“.
„Ja, aber es ist nicht leicht, oder? Wenn es um Kontrolle, Fremdbestimmung, Angst vor Verletzung, Kränkung usw. geht…. Wahnsinn…“, antworte ich.
„Was ist wahnsinnig?“
„Dass ich mein privates Ich so perfekt von meinem professionellen abschirme und so Naheliegendes nicht gesehen habe…“.
Plötzlich bin ich unheimlich müde und würde am liebsten auf die verführerische Liege in der Ecke kriechen und einschlafen.
„Ich bin ganz froh, dass du dein Therapeuten-Ich in der Regel in deiner Praxis lässt“.
„So was Ähnliches sagte Jaron auch – da es in Beziehungen nicht um sachliche Distanz, sondern um die eigenen Emotionen geht, sollten wir unsere Professionalität im Sprechzimmer lassen…“.
„Kluger Mann! Lebt er in einer Beziehung?“
„Jaron? Nicht direkt – er lebt mit seinem Ex und dessen Mann in einem komplizierten Konstrukt. Aus dem er sich aber, glaube ich, lösen will“.
„Er hat eine sehr intensive Präsenz“.
„Das stimmt“, lache ich leise, „er ist anziehend und weiß das auch. Vor allem aber ist er sehr klar“.
Birgers Brauen wandern wieder unter seinen Haaransatz und deshalb lege jetzt auch ich eine weitere Karte auf den Tisch: „Ok…das solltest du auch wissen: Es gab eine Situation, da hätte ich mich darauf eingelassen, mit ihm zu schlafen. Aber er zog eine klare Grenze und im Nachhinein bin ich sehr froh darüber. Was du vorher gesagt hast, dass du geschmeichelt warst, weil Max auf dich zuging, um dich warb…ich kann das nachvollziehen. Jaron hat gar keine Hemmungen, manches auszusprechen, was ich eher für mich behalten würde…“.
„Zum Beispiel?“
„Er nennt mich einen sehr schönen Mann…ich weiß, dass ich nicht unansehnlich bin, aber es von jemandem so unverblümt zu hören, schmeichelt wirklich“.
„Ja, kann ich mir vorstellen – und er hat Recht. Du bist schön, hast etwas sehr Delikates…“.
Und so sitze ich nun da und werde rot, weil der Mann, mit dem ich seit 15 Jahren zusammen bin, sagt, ich sei schön.
„Und? Macht dir das was aus?“
„Das er das auch sieht? Nee. Dass du fast mit im geschlafen hast?... Ich möchte nicht, dass es mir etwas ausmacht, aber ich kann es auch nicht ausschließen, v.a. wenn ich irgendwann länger darüber nachdenke. Es würde mich verunsichern, denke ich, wenn du mit ihm ins Bett gegangen wärst – weil er so anders ist als ich es bin – das würde mir, denke ich, Angst machen“.
Die Art und Weise, in der er mich jetzt wieder fragend, suchend, verunsichert ansieht, bewegt mich dazu, für mich zu behalten, dass Jaron und ich zusammen in seinem Bett geschlafen, wenn auch keinen Sex gehabt haben. Vielleicht würde es ihn noch mehr verunsichern.
Deshalb beuge ich mich zu ihm und schaue ihm in die Augen: „Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen, Birger, ich hab’s versucht, aber ich will es nicht. Um das aber zu erkennen, brauchte ich die Zeit für mich“.
„Ok“.
„Ok … doch so enthusiastisch?“ – die Bemerkung kann ich mir angesichts seiner einsilbigen Reaktion nicht verkneifen und wir fangen beide an zu lachen.