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38 I Was brauchst du?

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38 I Was brauchst du?

Ihr Lieben,

heute ein kurzes Überleitungskapitel, das Birgers Perspektive noch ein bisschen stärker in den Blick nimmt.

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

38 I Was brauchst du ?

Gemeinsam zu lachen tut gut, auch wenn wir beide nicht wissen, wie es mit uns weitergeht, was Birger nach einer Weile bestätigt:

„Es ist merkwürdig, ich weiß, ich müsste erleichtert sein, dass du hier sitzt und mir sagst, mich nicht verlieren zu wollen. Und ich bin es auch, erleichtert, irgendwie. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll, verstehst du? Die Wut ist raus, aber was bleibt, fühlt sich eigenartig an, ich fühl mich leer, mit der Wut scheint auch die Luft raus zu sein. Verstehst du? Als wäre ich in ein Vakuum verfrachtet. Sorry, ich kann’s mir selbst nicht erklären. So viele verschiedene Szenarien spielten sich die letzten Wochen in meinem Kopf ab und die kann ich nicht so schnell abschütteln“.

„Wie sehen oder sahen die denn aus?“

„…dass du dich von mir trennst, wir wie Fremde sein werden, dass du einen Neuen hast, wir uns begegnen und du durch mich hindurchsiehst, dass ich natürlich auch deine Familie verliere, dass ich das dann alles nicht mehr aushalte und weg muss, obwohl ich das nicht will, irgendwo neu anfangen muss – ohne soziales Netz. Ich hab viel mit deiner Mutter geredet, weißt du, und sie sagte, ich würde sie nicht verlieren und sie meint das auch so“.

„Sie würden wirklich Kontakt zu dir halten, dessen bin ich mir sicher“, stimme ich meiner Mutter zu.

„Aber wie sollte das denn gehen? Ich würde es ihnen nicht zumuten wollen, es würde sie in eine beschissene Lage bringen, und wenn du eine neue Beziehung hättest, würde ich das ja doch irgendwie mitkriegen und zwangsläufig würden sie sich dann irgendwie positionieren und …  nee, es ginge auf keinen Fall!“

„Wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert, kann man allerdings nicht wegen der Familie zusammenbleiben“, antworte ich leise.

„Das ist mir auch klar, das ist ja, was ich meine. Und auch wenn man Verluste nicht in zwei verschiedene Tonnen stecken und abwiegen kann, welche schwerer liegt, würde ich nicht nur dich, sondern auch deine Familie und vielleicht sogar all das, was ich mir hier aufgebaut habe, verlieren. Die Angst davor klebt irgendwie an mir und lässt sich nicht so schnell abschütteln. Ich brauch‘…ich brauch‘…“.

„Was brauchst du, Birger?“

Er schaut mich ratlos an, setzt zweimal an, bevor er antwortet:

„…etwas, was im Moment leider nicht möglich ist – ich brauch irgendeine Sicherheit, aber ich weiß, dass du mir die augenblicklich zumindest nicht geben kannst, dass ich der bin, der sich ein emotionales Fundament bauen muss, das ihm zukünftig mehr Stabilität gibt. Ich weiß, das muss ich selbst schaffen. Aber eines wünsche ich mir sehr, bei dem du mir helfen kannst, etwas, was mir unheimlich wichtig ist: Sollten wir uns letztlich doch trennen, möchte ich, dass wir gemeinsam den Schlusspunkt setzen, dass wir gemeinsam trauern, verstehst du? Mit all dem will ich nicht allein sein, nicht so allein wie die letzten Wochen. Und ich möchte, dass wir uns währenddessen mit Achtung begegnen, auch wenn wir verletzt sind. Und dass wir versuchen zu verstehen, warum es nicht mehr geht. Vielleicht ist das naiv, aber die Vorstellung, dass du fröhlich pfeifend das Schiff verlässt und ich hilflos zurückbleibe, ist grauenhaft“.

„Und du denkst wirklich, ich würde dich fröhlich pfeifend verlassen?“

„Es wirkte zumindest zeitweise so“.

Das kommentiere ich nicht, weil es absoluter Quatsch ist und ich glaube auch nicht, dass er das wirklich denkt.

„Es ist klar, dass wir beide einiges zu verarbeiten haben, und ich habe deine Anfragen an mein Verhalten wirklich gehört. Wahrscheinlich werde ich es auch nicht ohne die professionelle Hilfe eines Kollegen schaffen, meine eingefahrenen Verhaltensmuster zu knacken, aber ich will und werde es angehen, ok? Das verspreche ich dir. Und falls wir uns trennen sollten, dann werde ich auch versuchen, die Trennung gemeinsam mit dir durchzustehen“.

„Danke“.

So unsicher und hilflos habe ich Birger noch nie erlebt.

„Gibt es noch etwas, was ich tun kann?“

„Was ich mir unheimlich wünsche, falls wir es nochmal versuchen, ist, dass du dich mir mehr öffnest. Versteh mich nicht falsch, ich will nicht dein letztes Geheimnis wissen, und ich will auch nicht überall dabei sein, aber die Sicherheit, die du dir in unserer Beziehung auf sexueller Ebene wünscht, die wünsche ich mir auf emotionaler“.

„OK – ich werd’s versuchen. Du bist ja nicht der Einzige, der mir vorwirft, dass meine zeitweilige emotionale Unverfügbarkeit kaum zu ertragen ist, und ich beginne, die Implikationen und Dimensionen derselben auch zu entschlüsseln, aber wie gesagt, ich muss mir hierfür jemanden suchen, der mich dabei unterstützt“.

„Jaron?“, fragt Birger und seine Augenbrauen beginnen wieder in die Höhe zu wandern.

Ich unterdrücke ein Lächeln, denn seine leichte Eifersucht ist trotz allem ein kleines bisschen wohltuend.

„Nein. Auch wenn er mir sehr hilfreiche Fragen gestellt hat, die mich weitergebracht haben. Aber nein, ich werde jemand anderen finden“.

„Ok“.

„Dieses OK klingt wenigstens etwas begeisterter als das vorhin“, spöttle ich, möchte aber eine Frage loswerden:

„Du hast also viel mit meiner Mutter gesprochen – wie kam’s?“

„Sie kam in die Praxis, kurz nachdem du nach München gefahren warst, ahnte, dass es mir nicht gut ging. In meiner Pause gingen wir dann spazieren und redeten, einige Male. Sie hat mir schließlich jemanden vermittelt, mit dem ich reden kann“.

Ich sollte nicht, frage aber dennoch: „Wen?“

„Einen Kollegen von ihr“, und als ich fragend die Stirn runzle, antwortet er: „Ja, sie kennt ihn von früher, glaube ich“

„Einen Pfarrer?“, frage ich ungläubig. Birger ist konfessionslos und hat mit Kirche nichts am Hut.

„Ja“, lacht er leise, „wer hätte das gedacht? Er ist aber auch Psychologe“.

Den Namen nennt er nicht.

„Ich hab auch mit Max geredet, erst vor ein paar Tagen. Er ist zurück nach Berlin, wo er ursprünglich herkommt, hat es hier nicht mehr ausgehalten. Da sein Ex aber dort lebt, ist es schwer für ihn, sagt er, die Entscheidung zurückzugehen, sei dennoch richtig gewesen“.

„War das euer erster Kontakt seit …?“

„Ja. Und ich habe den Kontakt aufgenommen, nicht er. Es war ein Gespräch, das wir beide, denke ich, brauchten. Seine Aktion von damals tut ihm wirklich leid, das glaube ich ihm auch“.

„Glaubst du, dass er über dich weg ist?“

„Ich denke schon. Dass er seine jahrelange Beziehung so in den Sand gesetzt hat, das beschäftigt ihn dagegen noch sehr, zumal sein Ex ihre gemeinsame Zeit vollkommen hinter sich gelassen zu haben scheint und absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben will“.

Tja, was soll ich dazu sagen. Ich kann es Max‘ Exfreund nicht verdenken, nach allem, was ich aus Sitzungen mit Max über ihre Beziehung weiß.

„… wollte dir das nur sagen“.

„Ok“.

Als Birger auf seine Uhr sieht und gähnt, werde ich unsicher: „Willst du, dass ich gehe?“

„Ich bin einfach ziemlich fertig“, antwortet er und kann ein erneutes Gähnen nicht unterdrücken.

„Du bist heute ja auch seit wann auf den Beinen? Mitternacht?“

„So ähnlich“. Er gähnt nochmals und schüttelt den Kopf, als könne er so seine Erschöpfung verscheuchen.

Deshalb stehe ich auf und ziehe mein Handy aus der Hosentasche.

„Ich ruf Sebastian an, damit er mich holt“.

„Nein…, nein, bleib. Bitte!“.