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4I Rückenansicht

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4I Rückenansicht

Guten Abend zusammen!

Es geht weiter mit Simon und Birger :) - viel Spaß beim Lesen und ich freue mich auf eure Reviews!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

4I Rückenansicht

Birgers Audi hat unsere Einfahrt schon lange verlassen, als ich ihm immer noch nachschaue.

Als sei ich eingefroren in einem Standbild. Ich bewege mich zurzeit ja auch nicht wirklich vorwärts. Tanze vielmehr auf der Stelle um mich selbst herum. Wie ein Hund, der nach seinem eigenen Schwanz schnappt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich Birger nachschaue, wenn er das Haus verlässt. Nachdem er eingezogen war, gehörte das sogar zu meinem Morgenritual. Ich muss ja später los als er und ich fand es schön zu wissen, er geht jetzt, aber kommt abends wieder. Regelmäßigkeit hat etwas Stabilisierendes für mich. Regelmäßigkeit und Klarheit. Auch Selbstverständlichkeiten wirken stabilisierend, immer alles neu verhandeln zu müssen, mag auf manche Menschen belebend wirken, mich ermüdet und verunsichert es.

Dass Birger abends nach Hause zurückkehrt, empfinde ich nicht mehr als selbstverständlich. Ich kann mir dessen nicht mehr sicher sein – ich kann mir seiner nicht mehr sicher sein und meiner auch nicht. Das ist des Pudels Kern, nicht wahr? Ich bin die Variable, die dabei ist, sich zu verändern und somit die Gleichung unseres gemeinsamen Lebens durcheinanderbringt.

Ich frage mich andauernd, in welchem Akt unseres Dramas wir gerade sind. Sind wir in der Retardation, gehen wir auf das Finale zu und v.a. wie wird dieses ausfallen?

Apropos Akt …Ich mag Birgers „Rückenansicht“ immer noch sehr. Bekleidet und nackt. Sein kräftiger Rücken und praller Hintern hätten die Vorlage für Michelangelos „Stehender männlicher Rückenakt“ sein können, den ich schon als Jugendlicher ansabberte. Er verkörpert den Typ von Mann, der mich unheimlich anzieht.

Birgers Körper ist sehr gerade. Wäre er nicht zu schwer für mich, würde ich ihn manchmal gerne packen, hochheben und richtig durchwalken, weil er so kompakt ist. Man hat was in der Pfote, wenn man ihn anfasst, das ist einfach geil.

Besonders gerne streichle und massiere ich seinen Rücken. Währenddessen nackt auf ihm zu sitzen und ihm zuzuhören, wie er sich entspannt, gehen lässt und sich in meine Berührungen verliert, stellt immer noch Dinge mit mir an, die momentan nicht hilfreich dabei sind, einen klaren Blick zu behalten.

„Gegenseitige körperliche Anziehungskraft ist wahrlich nicht unser Problem“, sag‘ ich laut vor mich hin. Ich wiederhole es sogar, damit mir die Implikation nicht entfleucht. Wie so vieles derzeit – weil ich durch den Wind bin. Aber nicht nur ich bin derzeit instabil, Birger ist es auch, obwohl er es besser zur Seite schieben kann.

Seine Stimmung gestern Abend und heute Morgen waren ein klares Indiz für seine Unsicherheit, denn nichts an seinen Zärtlichkeiten war gespielt und deshalb lassen sie mich auch nicht los. Seine leise Stimme vorhin – atypisch. Birger ist ein lauter Mensch und könnte in einem Saal ohne Mikro eine Rede halten und man würde ihn in der letzten Reihe klar verstehen. Und sein sanft-erotischer Kuss. Oh Mann! Ich bin so leicht zu knacken.

Obendrauf waren heute Morgen die gestern Nacht noch vorwurfsvoll herumstehenden Einkäufe weggeräumt. Auch atypisch, der Aufräumer in der Beziehung bin ich. Aber hierbei handelt es sich vermutlich um eine temporäre Birger’sche Atypie.

Denn atypisches Verhalten zeigt Birger selten. Allerdings war die Wahl seiner Fachrichtung auch überraschend. Alle, die ihn kennen, dachten, dass er in der Forschung Karriere machen würde, aber dann entschied er sich dafür, sich niederzulassen und eröffnete mit zwei Studienkollegen, Daniel und Ester, eine Gemeinschaftspraxis. Er wolle mehr Zeit haben für unser Privatleben, war seine Begründung. Daran zu denken, schmeckt bitter. Dennoch war die Entscheidung für die Praxis richtig, die drei ergänzen sich gut. Birger ist von Grund auf glücklich mit dem, was er beruflich tut und privat ist er glücklich, wenn ich mitspiele.

Tja, wenn man immer gerade so lieben würde (oder nicht), wie es der andere braucht oder will - und umgekehrt - dann wäre das Bild des gebrochenen Herzens wohl nie erdacht worden. An einem gebrochenen Herzen leide ich allerdings nicht, eher an einer chronisch gewordenen Ernüchterung. Wobei mich das Phänomen des „broken heart syndrome“ fasziniert. Nicht alle psychischen Phänomene tun das. Auch nach Jahren der Erfahrung bin ich manchmal noch erstaunt darüber, zu welchen körperlichen Symptomen seelischer Stress führen kann, angefangen von Schmerzen in buchstäblich jedem Körperteil bis zu Pusteln am Hintern oder chronischem Ausfluss aus der Harnröhre. Und das „gebrochenes Herz Syndrom“ ist ein richtig extremes Phänomen. Nach wie vor werden psychische Ursachen immer noch unterschätzt, wenn es um scheinbar körperliche Erkrankungen geht. Das ist das Schwerste - nicht nur am therapeutischen Prozess - bereit zu sein, sich und seinen Zustand offen anzusehen und ihm auf den Grund zu gehen.

Das bläue ich mir selbst auch immer wieder ein, weil ich mittlerweile bezweifle, bis jetzt auf den Grund meiner Krise zu sehen. Nicht erst seit kurzem weiß ich, ich konzentriere mich dabei zu sehr auf Birger. Warte, dass er von sich aus kapiert, was los ist und anfängt zu reden und habe dabei die naive Hoffnung, dass sich alles ändert, wenn er sein Verhalten ändert. Deshalb grabsche ich so gierig nach Zeichen dafür, dass ihm unsere Beziehung so wichtig ist, dass er alles dafür tun wird, sie nicht enden zu lassen. 15 Jahre – wir leben fast unser gesamtes Erwachsenenleben zusammen. Sind von Dresden gemeinsam nach Wien gegangen und wieder zurück, um schließlich hier zu landen. Birger hätte eine tolle Postdoc-Stelle in den USA kriegen können, die ihm hierzulande viele Türen geöffnet hätte. Aber er ging mit mir ans südliche Ende der Republik, nicht gerade in ein Dorf, aber doch eine sehr kleine Großstadt. Es gefällt ihm hier, sagt er immer wieder, aber eigentlich ist er ja ein Großstadtmensch. Hätte er nicht schon während des Studiums immer mal wieder in fremden Gefilden gewildert, würde ich glauben, das Leben hier sei der Grund für seine Aktionen.

Zu spekulieren bringt mich indessen nicht weiter, ich brauche vielmehr eine Pause – von meinem derzeitigen Zustand und Gott sei Dank ist heute mein freier Tag. Langsam trinke ich mein Glas Milch und denke an Frau H., die nicht mehr meine Patientin ist. Sie ist besser dran mit meinem Kollegen. Morgens kann ich mir nur peu à peu Nahrung zuführen, esse ich zu schnell oder zu viel, wird mir übel. Deshalb warte ich geduldig darauf, dass mein Körper ein paar Hungergefühle entwickelt, mache mir ein Marmeladebrot zurecht, schnappe mir die NZZ und setze mich auf die Terrasse.

Im Schatten zu sitzen, das fette Grün des Rasens einzusaugen, der sich als breiter Korridor zum Seeufer hin ausstreckt, davon kann ich nie genug kriegen. Das ist Luxus pur. Seelenluxus!

Im Grunde hätte ich einen Beruf wählen sollen, bei welchem ich mich viel in der Natur aufhalten müsste. Förster oder Landschaftsarchitekt oder Straßenbauer oder was weiß ich. Ein paar meiner Patienten können nur bei geschlossenen Fenstern reden und manchmal ersticke ich während der Sitzung fast und reiße hinterher sofort das Fenster auf. Ich hoffe, der See ist am Wochenende nicht zu still. Segeln macht vor allem Spaß, wenn einem der Wind ordentlich uns Gesicht bläst.

Weil ich mich ohnehin nicht auf den Leitartikel konzentrieren kann, lege ich die Zeitung nach kurzer Zeit und der Hälfte des Marmeladenbrotes beiseite, schließe die Augen und konzentriere mich auf die Kulisse um mich herum. Der See ist heute ruhig, kaum zu hören, dafür dringen aber leise Motorengeräusche, der Sprinkler in Nachbars Garten, Vogelgezwitscher und irgendwoher Hundegebell in mein Bewusstsein. Traumhaft. So viel Leben um mich herum, Leben, das einfach lebt und sich nicht bezweifelt.

Dieser wunderschöne Junimorgen zeigt mir jedoch, dass es so viel mehr gibt, als orientierungslos in diffusem Beziehungsgebräu herumzupaddeln und deshalb rede ich mir wieder einmal selbstermutigend zu: Auch wenn unsere Beziehung in einer Sackgasse enden sollte, wird das Leben für uns beide weitergehen – mit lädierten Selbstbewusstsein und angeschlagenem Vertrauen in die Dauerhaftigkeit von Beziehungen auf beiden Seiten, aber wir werden es beide überleben. Mit diesem Gedanken auf der Schwelle zum Einschlafen drifte ich weg und schrecke erst hoch, als ich eine feuchte Zungenspitze an meinem Hals spüre.