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5 I …ohne Worte

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5 I …ohne Worte

Guten Abend zusammen,

im heutigen Kapitel erlebt ihr ein bisschen mehr von Birger als bisher. Bin gespannt, wie er rüberkommt und was ihr nach diesem Kapitel über die Beziehung der beiden denkt.

Viel Spaß beim Lesen!

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Zwischenfarben

© philander

5 I … ohne Worte

„Was machst du denn hier?“ Irritiert blinzle ich in Birgers dunkle Augen.

„Es ist eins und bekannterweise haben wir heute Nachmittag die Praxis geschlossen“, sagt er unschuldig, „und wenn du mir schon deine Kehle so einladend entgegenstreckst…“.

„Ich dachte, es wird dennoch spät heute?“

„Nee, Dan hat heute keine Zeit für die Abrechnung – er hat überraschend ein Date“.

„Aha -“.

„Lass uns was machen – wir könnten nach Zürich fahren – wie früher“.

Unsicher schaut er mich an – Unsicherheit zu zeigen, ist ebenfalls atypisch für Birger. Und sie vorzutäuschen, würde ihm nie einfallen, also ist sie echt und ich kann nicht anders, als ihm kurz über seinen Kopf zu streicheln. Seine Haare fühlen sich ein bisschen an wie Veits Fell.

Früher haben wir das tatsächlich öfters gemacht, sind Mittwochnachmittag nach Zürich oder St. Gallen gefahren und spätabends zurückgekommen. Irgendwann kam mal etwas dazwischen und dann hatte einer von uns beiden mal keine Lust und so ist das Ganze einfach eingeschlafen. Dumm gelaufen. Ich bin nicht sicher, ob wir diese kurzen Trips wiederaufleben lassen können. Aber wenn ich jetzt "nein" sage, welche Botschaft ist das dann?

„Komm – reiß dich von deinem Plätzchen los und komm mit. Komm mit, bitte!“. Birgers leise, fast gemurmelte Bitte lässt mich alles andere als kalt. Seine tiefe Stimme verfehlt selten ihre Wirkung.

Und obwohl ich keine wirkliche Lust habe, nicke ich und lasse mich von ihm aus dem Liegestuhl hochziehen und umarmen. Wieder küsst er mich unheimlich sanft, zärtlich, fast ein bisschen zögerlich, ohne Zunge - und reibt seine Nasenspitze kurz an meiner – eine fast intimere Geste als ein Kuss, finde ich.

In der Küche wartet eine Tüte mit Sandwiches.

„Du hast sicher noch nichts gegessen“, erklärt er.

Er kennt mich eben gut und weiß, allein zu essen, verdirbt mir den Appetit.

„Ich zieh‘ mich schnell um, dann können wir fahren“, biete ich ihm an und beuge mich zu ihm, um einen Kuss zu initiieren. Er kommt mir sofort entgegen und nimmt meine Ohrläppchen zwischen Zeigfinger und Daumen, um sie sanft zu massieren, während er nun nicht mehr zögerlich seine Zunge in meinen Mund schiebt und dabei leise stöhnt. Wenn ich mich jetzt nicht löse, lohnt es sich nicht mehr, nach Zürich zu fahren, deshalb schiebe ich ihn sanft von mir, küss ihn auf die Nasenspitze und geh in unser Schlafzimmer, um mich umzuziehen.

In Zürich schlendern wir den Uferweg entlang und reden über alles Mögliche, klammern aber instinktiv unsere Beziehungssituation aus. Sie ist gerade zu instabil, das Netz, das uns noch hält, zu porös, um Worte auszusprechen, die alles mit einem Schlag verändern könnten. Ich bin dafür, Wahrheiten auszusprechen, aber zwischen Birger und mir – und v.a. zwischen mir und mir – gibt es zumindest keine einfachen Wahrheiten. Zwischen ihm und mir gibt es derzeit kein lebensstrotzendes Grün, nicht mal Schwarz oder Weiß - sondern nur Zwischenfarben, die wir beide unterschiedlich zusammenmixen. Aber er scheint wenigstens zu versuchen, seine Ingredienzien aufzufrischen.

Also spazieren wir nebeneinanderher und als Birger meine Hand nimmt, halte ich die seine fest.

Anschließend statten wir der Einkaufsmeile einen Besuch ab und beenden den Nachmittag mit einem Abendessen in unserem bevorzugten Restaurant. Die Küche hier ist innovativ, aber nicht übertrieben experimentell und hat eine überschaubare, aber ausgewogene Speisekarte. Birger versucht immer wieder, manche der Gerichte nachzukochen und es gelingt ihm meist recht gut. Auch heute inspiziert er seine Terrine aus Saibling auf Wildspargel genau und versucht, die Gewürze herauszuschmecken. Ich mag es, wenn er diesen konzentrierten, doch unangestrengten Blick bekommt, weil das hier für ihn pures Vergnügen ist. Er hält mir eine Gabel hin, um mich an seinem Genuss teilhaben zu lassen und ich denke, dass wir - von außen betrachtet - wie ein glückliches Paar aussehen. Über etwas so Harmloses wie gutes Essen zu reden, ist erstaunlich entspannend und wir verbringen einen unerwartet schönen Abend.

Bevor wir aufbrechen, übernimmt Birger die Rechnung; Geld war nie ein Thema zwischen uns. Im Studium haben wir unser begrenztes Budget geteilt und heute teilen wir unser nicht mehr so begrenztes ebenso. Weil er in meinen Haus lebt, finanziert er unsere Lebensmittel. Ohne das groß auszuhandeln, hat sich das einfach ergeben. Wie Vieles sich zwischen uns einfach ergeben hat: Dass wir überhaupt zusammengekommen, im Studium zusammenlebten und schließlich auch hier zusammengezogen sind – und bis jetzt zusammengeblieben sind und es noch manches gibt, was klappt zwischen uns.

Weil er spürt, dass ich ihn nachdenklich beobachte, lächelt er mich fragend an. Aber ich will diesen Abend nicht ruinieren und werde einen Teufel tun, den großen rosa Elefanten im Raum anzusprechen. Jetzt ist definitiv nicht der geeignete Zeitpunkt, meine - unsere - Krise in ihrem vollen Umfang auf den Tisch zu legen. Ich hab‘ ehrlicherweise erwartet, dass er noch länger den Kopf in den Sand steckt, aber seine Initiative heute sagt anderes.

Und wenn ich darüber nachdenke, wird mir auch bewusst, dass er heute Morgen weniger geil als vielmehr bedürftig mit mir umgegangen ist.

„Manchmal weiß ich nicht, ob es was Schlechtes oder vielleicht sogar was Gutes ist, dass ich meist nicht weiß, was in deinem Kopf vorgeht“, murmelt er und zeichnet mit dem Autoschlüssel Kreise auf das weiße Tischtuch.

„Ich denke, manchmal ist es gut so und manchmal nicht!“, antworte ich.

„Okay, Kryptizissimus – woll’n wir los?“.

Er wartet am Tisch, bis ich von der Toilette zurückkomme. Als ich mich ihm nähere, kommt es mir so vor, als ob er ziemlich verloren vor sich hinsehen würde und das kann ich kaum ertragen. Deshalb lege ihm von hinten beide Hände auf die Schultern und drücke sie sanft.

Auf Berührung hat er schon immer sehr empfänglich reagiert, empfänglicher meist als auf Worte, die mir im Augenblick ohnehin fehlen, und er lehnt sich zurück und schmiegt seinen Hinterkopf an mich. Unwillkürlich beuge ich mich über ihn und drücke meinen Mund ganz kurz auf seine dichten braunen Haare. Als wir das Restaurant verlassen, lächelt uns der Oberkellner zum Abschied zu und in meinem Brustraum macht sich ein unangenehmes Ziehen bemerkbar.

“Kann ich zuerst ins Bad?“, fragt Birger, als wir kurz nach elf wieder zu Hause sind und als ich eine halbe Stunde später zu ihm ins Bett komme, liegt er mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und atmet bewusst tief aus und ein, so dass sein Brustkorb sich deutlich sichtbar hebt und senkt, aber er schläft nicht. Er versucht runterzukommen, sich zu beruhigen.

Ihn so zu sehen…

Ich setze mich auf die Bettkante neben ihn und streiche seinen Arm auf und ab, ganz langsam. Als müsse er überlegen, ob er es wagen könne, öffnet er seine Augen erst nach einem Augenblick und sieht mich mit diesen braunen Untiefen an.

Er blickt in mein Gesicht, das er in und auswendig kennt und ich betrachte seines.

Auch ich kenne jede Linie, jede Falte, jede Unebenheit, die Struktur seines Bartes, die Stellen, an denen er dichter und jene, an denen er spärlicher wächst. Ich sehe die kleinen Leberflecke auf seinem Nasenflügel und unter dem linken Auge. Seinen Haaransatz, der in der Mitte seiner Stirn zugespitzt ist, und ein bisschen wie bei Mickey Mouse aussieht und den ich in zahllosen Momenten zärtlich nachgezeichnet habe. Unwillkürlich berühre ich mit meinen Fingerspitzen seine weichen Lippen, die mich Tausende Male schon geküsst haben, leidenschaftlich, fordernd, aber auch sanft und zärtlich. Mit dem Daumen meiner anderen Hand versuche ich, die steile Falte zwischen seinen Augen glattzustreicheln. Aber sie wehrt sich.

Er weiß es. Er weiß, das Seil, auf dem wir balancieren, wird sukzessive dünner und wackeliger. Und er kennt auch den Grund oder vielmehr den Auslöser, nicht nur, weil wir darüber gesprochen haben, sondern auch, weil er alles andere als ignorant ist, auch wenn er sich die letzten Wochen genauso benommen hat. Ich überlege, was ausgerechnet heute die Wende eingeläutet hat, aber ihn zu fragen, bringe ich den Mut nicht auf. Nicht jetzt.

Mir ist bewusst, dass ich gerade Signale aussende, die er missverstehen könnte, aber ich kann nicht anders. Die wenigen Male, die Birger bisher Verletzlichkeit gezeigt hat, haben immer etwas mit mir angestellt. Er gestattet sie sich in der Regel nicht. Verletzlichkeit ist Schwäche und diese zeigt man nicht. So differenziert Birger in seinem Denken an sich ist, so holzschnittartig betrachtet er sich selbst, wenn es darum geht, sich einzugestehen, dass er manchmal eben auch nur ein Häufchen Elend ist wie der Rest der Erdenbürger auch. Manche eingebläuten Strukturen graben sich nahezu unauslöschlich ein. Und wen wundert’s? Sein Vater war Generaloberst bei der Bundeswehr – seine Art der Erziehung wird man nur mit übermenschlicher Anstrengung los, da hilft es auch wenig, dass man mit einem Therapeuten zusammenlebt.

Immer noch wortlos beuge ich mich zu Birger und berühre seinen Mund mit meinem, stille sein leises Seufzen. Er wartet, bis ich den Kuss vertiefe, bevor er seine Arme um mich legt. Es fällt mir heute Abend nicht schwer, mich in unserem Kuss zu verlieren. Er ist zärtlich, umtanzt die Zunge des anderen, nimmt sich Zeit, kostet den vertrauten Mund genussvoll aus – unser Kuss.

Ich bin es, der irgendwann Gleitgelt und ein Kondom aus Birgers Nachttisch fischt und beides auf seinem Bauch platziert. An den Grund, aus dem wir auch nach fünfzehn Jahren Beziehung noch Kondome verwenden, will ich nicht denken, nicht jetzt. Ich will das hier jetzt nur genießen und nicht hinterfragen!

Birger rutscht genauso wortlos zum Kopfende hoch, setzt sich aufrecht hin und streckt seine Beine aus, damit ich mich auf ihn setzen kann. Nicht die bequemste Stellung, aber ich kann so den Rhythmus bestimmen und ihm dabei in die Augen sehen. Wir sind ein eingespieltes Team, unsere Körper vertrauen einander so blind, dass es langweilig sein könnte. Ist es aber nicht. Sex mit Birger ist einfach nie langweilig. Vielleicht weil er für ihn so elementar wie Schlafen und Essen ist und das spürt man.

Birger gerade heute Nacht so zu haben, fühlt sich anders als sonst an. Wie ein Augenblick, der aus der Fülle aller Augenblicke herausgenommen wird, der sich gegen die unaufhaltsam strömende Zeit wehrt und festgehalten werden will.

Ob dieser Augenblick etwas ändert, weiß ich indessen nicht.

Mit geschlossenen Augen nehme ich Birgers harten Schwanz langsam in mir auf, will jeden Zentimeter bewusst spüren. Als er ganz in mir drin ist, winkelt er seine Beine an und zieht meinen Oberköper mit einem Ruck nach vorn - an sich. So unausweichlich nahe waren wir uns schon lange nicht mehr und meinen Mund auf seinen legend, beginne ich unseren sinnlichen Tanz, bewege mich auf ihn zu und entferne mich – ein wenig nur, kreise meine Hüften, atme in seinen Mund aus und nehme seinen Atem in meinem auf, während unser Stöhnen den Dreivierteltakt unseres Ostinato angibt.

Unser Rhythmus heute Nacht ist zärtlich, nicht so drängend wie sonst oft, wir halten immer wieder kurz inne und küssen uns tief und auskostend. Erst als Birger es gar nicht mehr aushält, kommt er aus dem Takt, stößt schneller in mich und kommt für uns beide zu früh - begleitet von einem langgezogenen Seufzen.

Vorsichtig schiebt er mich von sich, entsorgt das Kondom, um mich sofort wieder rittlings auf sich zu ziehen und mich von hinten zu umfassen. Mein Rücken an seine Vorderseite gepresst, seine Lippen an meinem Ohr, mit einer Hand abwechselnd meine Nippel stimulierend, mit der anderen meinen Schwanz, bringt er mich auch zum Höhepunkt. Hätte ich heute Nacht nicht gebraucht, aber schön ist’s dennoch.

Erledigt verharre ich eine Weile in seiner Umarmung. Lehne mich an ihn und könnte an diesem Ort verharren.

„Ich liebe dich“, liegt mir auf der Zunge, aber ich spreche es nicht aus.

Weil ich es nicht kann.

Und weil es zwar stimmen würde, aber nicht mehr so wie es früher stimmte.

Als wir uns schließlich nebeneinander ausstrecken, nimmt er meine Hand in seine.

„Ich hab‘ Angst, Simon“, sagt er leise.

„Ich auch“, antworte ich und ziehe seine Hand auf meine Brust.

Wie es weitergeht, weiß ich immer noch nicht, aber ich weiß zumindest, dass ich noch nicht bereit bin, Birger aufzugeben.