6 I Die Macht der Worte
6 I Die Macht der Worte
Guten Abend!
In diesem Kapitel gehen Simon und Urs segeln und Urs überrascht Simon mit unerwarteten Fragen. Bin wie immer gespannt, was ihr denkt!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
6 I Die Macht der Worte
Am Donnerstagmorgen komme ich nur schwer im Tag an.
Birgers Geständnis, Angst zu haben, meine eigene Angst und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich ihm auch nach einer der zärtlichsten und innigsten Begegnungen, die wir in der letzten Zeit hatten, nicht mehr sagen konnte, dass ich ihn liebe, steckt mir in den Knochen. Wir beide haben wirklich Angst – davor, dass wir keine Worte mehr finden und davor, dass wir das Falsche sagen, wenn wir mal anfangen zu reden.
Und so reden wir auch am Donnerstag nicht über uns. Birger ist zurzeit ohnehin übervorsichtig und ich kenne die Macht von Worten nur zu gut, sind sie doch das Werkzeug, mit dem ich meine Arbeit verrichte. Worte können heilen und trösten, aber auch – manchmal sogar tödlich - verletzen. Und sind sie einmal ausgesprochen, kann sie niemand zurücknehmen und ungesagt lassen. Besonders bedrohliche Worte verursachen ein lautes, kaum verhallendes Echo in unserem Kopf.
Gedanken sind frei, aber sie hinterlassen immer Spuren. Der Gedanke, „ich trenne mich von dir“ – schwirrt zum Beispiel unzähligen Menschen tagtäglich im Kopf herum, aber sobald er einmal laut in den Raum zwischen dem Denkenden und dem Adressaten gestellt ist, baut er sich auf, entwickelt eine unglaubliche Virulenz, krallt sich fest, verunsichert und unterhöhlt die Beziehung. Patienten erzählen das immer wieder, dass diese „Drohung“ der Startschuss zur tatsächlichen Trennung gewesen sei. Es stimmt, Gedanken sind Privatsache, sobald sie aber ausgesprochen werden, können sie zur Staatsaffäre werden. Also hüte ich mich vor ihrem unüberlegten Gebrauch. Solange Birger nicht von Trennung redet, werde ich es auch nicht tun. Und dass er sie nicht will, hat er mir die vergangenen Tage auf seine Weise gezeigt.
Was aber zeige ich ihm? Gebe ich ihm die richtigen Signale oder verwirre ich ihn noch mehr? Fragen, die ich endlich, endlich beantworten muss – und zwar zuerst mir selbst.
Donnerstag und Freitag haben wir beide viel zu tun und dennoch bleibt die seit Mittwoch positivere Stimmung zwischen uns erhalten. Die Zweifel bleiben allerdings auch, Zweifel an mir selbst v.a., denn seit Monaten sehe ich unsere Beziehung wie ein vollgesaugtes Papierschiffchen den Bach runtergehen und kaum benimmt sich Birger zweieinhalb Tage lang aufmerksam, kommt zu akzeptablen Zeiten aus der Praxis, kocht abends und sitzt mit mir anschließend eine Weile am See unten und ich bilde mir ein, wir wären überm Berg? Nein, tu‘ ich nicht, aber es wäre schön, träfe es zu. Sogar, dass Birger die letzten beiden Morgen nicht fickbereit im Garten auf mich wartet, als ich vom Schwimmen komme, sondern angezogen mit einem Kaffee für sich und einer Milch für mich in der Küche sitzt, und wir noch eine Weile einfach über Belanglosigkeiten reden, sehe ich als Indizien eines Erkenntnisprozesses seinerseits. Nicht, dass er plötzlich zum sexuellen Asketen mutieren würde, aber er nimmt sich mehr Zeit für unser Anderes.
Bevor ich mich am Samstagmittag zum Segeln mit Urs und Veit aufmache, ist es nicht zu übersehen, dass es Birger lieber wäre, ich bliebe da, aber er sagt nichts, er weiß, dass ich mich auf die Zwei und den See freue. So drückt er mich nur an sich und küsst mich zärtlich, bevor er sich zurücklehnt und mich ansieht: „Hab‘ eine gute Zeit! Ich bin da, wenn du morgen zurückkommst!“ Auch wenn er dieses Versprechen nicht halten sollte, berührt es mich, dass er es mir mit auf den Weg gibt.
Was es genau ist, was mich dazu veranlasst, nicht den Mund zu halten, weiß ich nicht, aber die Frage ist raus, bevor ich sie zurückhalten kann: „Was ist der Grund für deinen plötzlichen Turn?“
„Deine Gleichgültigkeit in letzter Zeit – die Resignation, die ich bei dir spüre. Du versuchst nicht einmal mehr, mit mir zu streiten“.
Ich nicke, verstehe, was er meint.
Und dann sagt er es, was er so selten sagt und ich neulich nachts nicht sagen konnte:
„Ich liebe dich! Auch wenn es nicht immer so aussieht.“
Ich nicke wieder, drücke anstelle einer verbalen Antwort meinen Mund auf seinen, der so vertraut und so weich ist, halte ihn länger fest als es angesichts eines gerade mal eineinhalbtägigen Segeltörns nötig wäre und geh endlich los, um Urs und Veit nicht warten zu lassen.
Der See und der damit verbundene Abstand zu Birger und unseren Problemen wird mir gut tun. Denn trotz der Hoffnung, die seit Mittwoch in mir keimt, kenne ich die Kehrseite der Birger’schen Liebeserklärung und weiß, wie sehr sie mich im letzten dreiviertel Jahr verletzt hat. Und nicht nur mich.
Wir werden auf dem Boot übernachten, das ist das Schönste daran. Mag ein bisschen albern sein: Obwohl wir abends anlegen, bleiben wir auf dem Wasser und können uns in der Illusion wiegen, wir seien draußen auf dem See. Ich mag den Gegensatz - die Bewegung auf dem Wasser während des Tages und die schaukelnde Ruhe in der Nacht. Wenn das Wetter es zulässt, wovon ich ausgehe, schlafen wir an Deck. Ich alleine in meinem Schlafsack und Urs mit Veit zusammen in seinem. Urs lässt den Reißverschluss seines Schlafsackes immer offen, damit sein kleiner Gefährte sich nicht beengt fühlt. Wobei ich nicht glaube, dass das der Fall ist, denn Veit drückt seinen kleinen Hintern immer an Urs‘ Seite, als sei er nur versehentlich von dort irgendwann einmal von einem ahnungslosen Chirurgen entfernt worden. Veits Signale sind eindeutig: Sein Mensch gehört ihm und er gehört an seine Seite – immer. Was Urs wohl macht, sollte er sich doch irgendwann mal wieder auf einen Mann einlassen wollen? Wenn der mit Veit nicht kann, sehe ich schwarz für ihn.
Wären wir früher losgekommen, wären wir nach Lindau gesegelt, doch Urs hatte heute Morgen noch zwei Kunden zu bespaßen und nach Lindau brauchen wir einen ganzen Tag. Im Grunde ist es egal, wohin wir segeln, wichtig ist, dass wir auf dem Wasser sind und Urs‘ ruhige, wortsparsame Gegenwart unglaublich wohltuend ist. Jeder hängt seinen Gedanken nach und weiß dennoch, dass der andere ganz Ohr ist, wenn nötig.
Und Veit geht es auch bestens. Nachdem er eine Zeitlang quasi als Galionsdackel so getan hat, als würde er das Boot steuern, liegt er jetzt zusammengerollt Urs zu Füßen und schnarcht. Seeluft macht ihn fertig.
Nach dem Anlegen essen wir an Deck zu Abend. Urs hat Felchen nach Matjesart in Sauerrahmsauce gemacht, in denen ich mich aalen könnte, und Kartoffelsalat, angemacht mit Joghurt und ohne Zwiebeln, damit Veit ein bisschen davon abkriegen kann, denn Veit liebt Menschenessen zum Nachtisch und insbesondere Kartoffelsalat. Seine Hauptmahlzeit besteht aus einem Schälchen gekochten Rindfleischs mit Haferflocken und Leinöl vermischt. Ich kenne mich mit Hundegourmetkost nicht aus, aber das, was Urs für Veit fabriziert, sieht viel besser aus als Fertigfutter und v.a. riecht es besser. Veit ist ein gesundes, schlankes Kerlchen und es bleibt gar nicht aus zu schmunzeln, wenn man über Ursens Fürsorge für den Kleinen nachdenkt. Da steht er den ganzen Tag in der Werkstatt und abends kocht er für ihn vor und backt hundsgesunde Kekse. Wir trinken Wein von der Reichenau und die Stimmung könnte nicht friedlicher sein, deshalb zucke ich auch zusammen, als Urs wie aus dem Nichts heraus fragt:
„Was genau unterscheidet die Sache mit diesem Typ in deinen Augen eigentlich von den anderen? Es ist ja nicht das erste Mal, dass Birger aushäusig rumgevögelt hat“.
Urs kennt Birgers und meine Geschichte, weiß also, dass es da einen Max gibt, mit dem Birger was hatte. Urs hört immer zu, wenn ich ihm etwas erzähle, aber von sich aus hat er noch nie nachgefragt.
„Wie kommst du gerade jetzt darauf?“
„Weiß nicht. Weil es dich so umtreibt? Ich mein, nicht nur speziell heute, die ganze letzte Zeit schon“.
Ich wäge kurz ab, was ich Urs über Max erzählen kann, und was gegen meine ärztliche Schweigepflicht verstoßen würde. Urs würde zwar nie mein Vertrauen missbrauchen und dennoch ist die Grenze schmal.
„Ich sag mal so – wahrscheinlich liegt der Unterschied darin, dass ich es dieses Mal hautnah mitbekommen hab“.
„Wieso? Was heißt das? Haben sie in eurem Haus gevögelt oder was?“
Als Urs mich groß ansieht, fahre ich gegen besseres Wissen fort:
„Nein. Aber der Typ – Max - er kam zu mir in die Praxis – ohne dass ich wusste, wer er war – vielleicht kannst du dir vorstellen, was bei mir ablief, als ich mitbekommen habe, um wen und was es ging“.
„Denkst du, er hat sich dich bewusst ausgesucht?“
„Natürlich. Am Anfang sprach er immer von einem ‚Bernd‘ … Irgendwann klingelte es bei mir bei zwei Attributen, die er Bernd zuschrieb: Lebenskraft und Präsenz . Ich kann dir gar nicht erklären, warum ich plötzlich hellhörig wurde. Es war einfach so. Und dann hab‘ ich extrem genau hingehört und erkannte schließlich Birger in seinen Beschreibungen“.
„Hast du diesen Max damit konfrontiert?“
„Ja, natürlich, es war ja unmöglich, die Therapie fortzusetzen“.
„Und? Wie hat er reagiert?“
„Er hat geweint. Versuchte zu erklären, wie er auf die Schnappsidee kam“.
„Oh Mann“, stöhnt Urs ungläubig.
„Ja. Aber es hört sich irrer an als es gemeint war. Er ist kein übler Kerl. Desorientiert würde ich sagen, neben der Spur, aber kein Psychopath“.
„Hört sich aber verdammt danach an“.
„Nee, ist er wirklich nicht. Wenn sie verliebt sind, machen manche Menschen Dinge, die ihnen sonst nie in den Sinn kämen. Und er hat sich eben Hals über Kopf in Birger verliebt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er seit Jahren mit seinem Freund zusammenlebte. So was passiert. Als sein Freund ihn schließlich wegen Birger verließ, ist alles über ihm zusammengebrochen“.
„Du hast erzählt, dass Birger die Sache beendet hat. Warum kannst du‘s dann nicht wegpacken?“
„Ich kann dir nicht viel mehr sagen als das, was ich schon erzählt hab“.
„Und was meinte Birger dazu?“
„Er habe das Ganze falsch eingeschätzt. Er wollte keine Kettenreaktion auslösen…sei alles extrem dumm gelaufen, aber er habe daraus gelernt“.
„Und?“
„Das glaub ich ihm sogar, Birger hält Monogamie für ein illusorisches Konstrukt, aber er ist kein Lügner“.
„Okay… was ist es dann?“
„Du hast Recht, so ganz nachvollziehbar ist meine anhaltende Reaktion vielleicht nicht. Auch Birger versteht’s, denke ich, nicht. Ich weiß nur, für mich hatte das Ganze eine andere Negativqualität als die anderen Geschichten“.
Veit räkelt sich und ich beneide das kleine Tier um seine überschaubaren Herausforderungen.
„Schau zum Beispiel das Ergebnis an! Eine Beziehung ist kaputt und unsere steht auf der Kippe. Und warum? Weil Birger seinen Schwanz mal wieder spazieren führen musste und ich glaube, dieses Mal auch seine Gefühle, obwohl er nach wie vor behauptet, er könne das trennen. Das geht wahrscheinlich manchmal, aber nicht immer. Ich glaube, da täuscht er sich“.
„Und was nun?“
„Ich weiß es nicht, diese Woche ist was in Gang gekommen. Ich glaube, Birger hat realisiert, dass er mich verlieren könnte. Er strengt sich gerade ziemlich an".
„Und wirkt’s?“.
„Schon, dennoch kann ich die vergangenen Monate nicht einfach ausblenden. Ich bin hin- und hergerissen. Und das zermürbt“.
„Hmm“.
„Manchmal denk ich, ich krieg‘ ein Magengeschwür. Und manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob meine Liebe noch reicht und ein Schnitt nicht für uns beide das Beste wäre. Dann wieder - nach den letzten zwei, drei Tagen - merk‘ ich, dass ich noch weit davon entfernt bin, mich von ihm zu trennen“.
„Weil er dich daran erinnert, warum du dich mal in ihn verliebt hast?“ – Urs lächelt mich milde und wissend an und ich bin erleichtert, dass er mich zu verstehen scheint und dass er das Thema von sich aus angesprochen hat.
Worte von gewohnheitsmäßigen Schweigern haben irgendwie mehr Gewicht. Und Worte meines Freundes Urs insbesondere.
Die Nacht ist nicht ganz sternenklar, aber wir können den Bärenhüter sehen. Und ich denke, genau das ist mein Urs - ein Hüter. Der Hüter unserer Freundschaft.