7 I Einfalt
7 I Einfalt
Schönen Sonntag zusammen!
Simon schneidet ein Thema an, das zwischen ihm und Urs seit langem schwelt.
Freu mich über eure Reviews, die immer wieder meinen Blick auf die Geschichte weiten.
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
7 I Einfalt
Wir sind beide müde, aber an Urs‘ Atemzügen höre ich, dass er noch wach ist.
“Wo wir schon mal bei tiefschürfenden Fragen sind, hätte ich auch noch eine auf Lager”.
“Du weißt, dass ich auf eine bestimmte nicht antworte”, brummt er zurück.
„Die mein ich auch nicht“.
„Na, dann…“.
„Hättest du auch ohne die großzügige Morgengabe von dem Hotel-Typ damit aufgehört?“
Ich muss nicht erklären, was ich meine.
„Er hat einen Namen, Simon. ER heißt Beat und ich fände es entlastend, wenn du, was ihn anbelangt, die Klischees in deinem Kopf endlich außen vor lassen würdest“.
„WOW…kleiner Lehrvortrag heute?“
Das ignoriert er einfach und fährt unbeirrt fort:
„Zu deiner Frage: Ich weiß es nicht, über kurz oder lang, denke ich, schon. Aber da Beat es zur Bedingung machte…er kaufte mir das Haus ja nur, wenn ich aufhörte, so war die Entscheidung kein Ding“.
Urs nervt es, dass ich den Motiven seines "Gönners" von Anfang misstraute – ihnen eigentlich immer noch nicht traue. Meist schaut er mich nur irritiert an, wenn ich diesbezüglich was sage. Heute ist er empfindlicher und diese Empfindlichkeit irritiert mich schon wieder.
Als könne er meine Gedanken hören, fährt Urs mit dem Versuch fort, meinen bezüglich Typen, die andere dafür bezahlen, dass sie mit ihnen ins Bett gehen, „engen“ Horizont zu erweitern:
„Nicht alle Männer, die für Sex bezahlen, sind Schweine, Simon. Und nicht alle, die sich dafür bezahlen lassen, sind arme willenlose Geschöpfe. Ich bin’s jedenfalls nie gewesen und Beat ist kein Charakterschwein. Er war immer gut zu mir, hätte ich mich in ihn verlieben können, dann wären wir wahrscheinlich ein Paar geworden, aber ich konnte es nicht – leider. Ich hab' versucht, es mir einzureden – aber das geht eben nicht“, legt er nach.
„Und umgekehrt? War er in dich verliebt?“
„Ja. Sagte er jedenfalls – er hat mir vor dem Hausangebot zuerst vorgeschlagen, zu ihm zu ziehen und mich in seine Geschäfte einzuarbeiten. Aber Hotelgewerbe interessiert mich nicht die Bohne“.
„Und da er dich nicht exklusiv haben konnte, sollten andere nichts mehr …? Das ehrt ihn ja fast.“
Diese Bemerkung ist grenzwertig, das weiß ich, und sie bringt mir auch ein entsprechend entnervtes Grunzen ein.
„Vielleicht wollte er schlichtweg nur, dass ich mir mein Leben nicht versaute. Manchmal bist du – mein Freund – erschütternd einfältig – vor allem eingedenk dessen, dass du als Therapeut die Bannbreite menschlicher Befindlichkeiten und Bedürfnisse bestens kennen müsstest. Beat wollte einfach was für mich tun – und da er es sich auch leisten konnte, konnte ich es auch gut annehmen! Warum kriegst du das nicht in deinen Kopf?“
Es fällt mir tatsächlich schwer, bei dem stinkreichen Typen, der Urs jahrelang für Cash gefickt hat, Uneigennützigkeit zu verorten –vielleicht bin ich in diesem Fall wirklich mit Einfalt geschlagen oder einfach persönlich zu sehr betroffen.
„Glaubst du wirklich, nur Perverse oder Abgründige sind auf dem Markt unterwegs? Das ist Quatsch, Simon. Manchen geht’s tatsächlich nur um Sex, manchen um Macht, die sehen in dir kein gleichwertiges Gegenüber. Manche sind aus welchen Gründen auch immer verkorkst und können das, was sie sexuell wollen, nur ausleben, wenn sie dafür bezahlen. Manche wollen tatsächlich komisches Zeugs, aber mir ist das nur wenige Male passiert und angesichts meiner Physis kam ich nie in die Bredouille. Es gibt auch Arschlöcher darunter, natürlich! Aber nicht wenige sind schlichtweg einsam und trauen sich nicht, auf Typen zuzugehen, andere wollen einfach nur für ein paar Stunden Gesellschaft…die Bannbreite ist groß. Einem sollte ich zum Beispiel immer nur vorlesen – nackt zwar – aber zu mehr kam’s nie. Für ihn war’s das Größte, wenn ich las und er sich dabei einen runterholte. Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber verwerflich find ich es auch nicht und mir hat’s nicht wehgetan“.
Was soll ich darauf sagen? Träte ich aus meiner Rolle als Freund heraus und betrachtete das, was Urs erzählt, „neutral“ und analytisch, auf einer distanzierten theoretischen Ebene, verstünde ich, was er meint, aber er redet über die Vergangenheit meines besten Freundes, über eine Zeit, in der er sich verkauft hat und ich eine Heidenangst um ihn hatte - da hört es mit meiner Fähigkeit zu abstrahieren auf. Und vor allem, ich will es gar nicht distanziert betrachten. Als er fortfährt, bin ich fast froh, dass er offensichtlich keine Antwort von mir erwartet, weil ich in meiner „Einfalt“ sicher nicht die geben kann, die er hören will.
„Ich will das ganze Körpergeschäft nicht verharmlosen, denn genau das ist es durchaus, ein Geschäft, und manchmal ein sehr schmutziges, aber wie gesagt, manche Kunden sind ganz normale Durchschnittsmenschen. Nachdem ich aufgehört hab, hatten Beat und ich nie mehr was miteinander, ob du es glaubst oder nicht. Er ist kein Heiliger, das ist mir klar, so was wie mein Haus und die Werkstatt bezahlt er aus der Portokasse, aber dennoch hat er mir einen Traum erfüllt und mich vor mir selbst gerettet - dafür werde ich ihm immer dankbar sein“.
Urs wird nicht ändern können, dass ich den Kerl nicht ausstehen kann. Der erfüllt so abartig das Klischee eines reichen selbstsicheren Bonzen, dass es einen schüttelt. Aber Urs verteidigt ihn wacker. Das wird sich nicht ändern und ich sollte es gut sein lassen und froh sein, dass Urs es mit Beats Hilfe geschafft hat. Dass er aus dem „Körpergeschäft“, wie er es nennt, raus ist, ihm der Absprung gelungen ist und dass es ihm endlich gut geht. Er führt das Leben, das er sich gewünscht hat. Warum die Geschichte immer wieder in mir hochkommt, weiß ich durchaus, aber ihm von meinem Verdacht zu erzählen, dazu hat mir bisher immer der Mut gefehlt.
Aber es ist wohl höchste Zeit, es anzugehen.
„Weißt du, ich hatte lange die Angst, dass es mit mir zusammenhing, weil ich weggegangen bin – und du dich im Stich gelassen fühltest, das befürchte ich manchmal immer noch – deshalb kann ich die Sache wohl auch nicht loslassen, denke ich“.
Eigentlich erwarte – oder erhoffe - ich jetzt eine flapsige Reaktion seinerseits. Etwas wie: „Denkst, ich war in dich verknallt oder so…großes Ego – hmm?“, aber Urs schweigt erst eine Weile und füllt dann in das Fass, das ich mit meinem Statement aufgemacht habe, höchst explosiven Stoff.
„Du möchtest jetzt wahrscheinlich, dass ich deine Vermutung gänzlich verneine. Aber mit einem hast du Recht – ich fühlte mich im Stich gelassen, erbärmlich im Stich gelassen sogar - als du so weit weggingst und davor nicht mal mit mir geredet hast. Du hast es mir einfach serviert, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und das, nachdem wir seit Kindertagen wie eineiige Zwillinge unterwegs waren. Das war krass und hat sich angefühlt wie Verlassenwerden – und es hat mich wahnsinnig verletzt. Freundschaften sind für mich wichtiger als Beziehungen, das weißt du – das hättest du auch schon damals wissen müssen. Aber – um dich zu entlasten – versichere ich dir: Ich fing nicht deinetwegen als Escort an – es war keine Art von infantiler Trotzreaktion auf deinen Weggang. Auch das hättest du dir denken können müssen. Wie’s kam allerdings, werde ich dir nicht sagen, das geht nur mich was an“.
Ich hätte es schon gerne gewusst – zugegeben – aber vielleicht würde ich die Antwort nicht gut vertragen.
„Du hast Recht, es war Scheiße von mir, dass ich dich vor vollendete Tatsachen gestellt hab‘. Und dich so verletzt zu haben, tut mir leid, glaub‘ mir! Ich hatte einfach Angst!“
„Wovor? Dass ich dich zurückhalte? Tja, ich dachte damals tatsächlich, wir würden weiterhin alles besprechen. Aber da du so gerne kategorisierst – eine weitere Entlastung: Du gehörst in die Kategorie Lebens freund – verliebt war ich nie in dich“.
„Manchmal sind die Übergänge fließend“, muss ich doch noch loswerden. Darauf lacht er, greift rüber und zerzaust meine ohnehin ständig wirren Haare.
„Oahh – ist dein Ego jetzt doch angekratzt?“
„Arsch! Es geht nicht um mein Ego, es hat mich einfach umgetrieben, weil ich es nicht verstand und weil du Birger am Anfang vollkommen ignoriert hast, deshalb kam ich auf den Gedanken“.
„Birger war mir ehrlich ziemlich wurscht am Anfang, ich wunderte mich zwar, dass du auf ihn abfuhrst, aber dass er nicht von der Bildschirmfläche verschwand, war kein Problem für mich. Im Gegenteil, ich find‘ ihn in Ordnung. Sein Hormonsteuerungssystem geht mich nichts an. Und wie du weißt, tendiere ich in diesen Dingen nicht zu vorschnellen Urteilen“.
Das stimmt. Urs sagt selten etwas Abschätziges über andere, meistens ist es ihm egal, was sie machen. „Solang sie nicht verlangen, dass ich es ihnen gleichtu‘“ – ist sein Standardspruch, wenn es um merkwürdiges Verhalten anderer geht.
Ich mag ihn schon sehr, meinen Urs, weil er ist wie er ist, aber das jetzt zu sagen, kommt mir irgendwie unpassend vor. Als wolle ich ablenken. Deshalb antworte ich nichts, strecke stattdessen meine Hand aus und streichle Veits kleines haariges Hinterteil, das aus Urs‘ Rucksack rausschielt, während er seine Schnauze irgendwo ganz nah an seinem Menschen vergraben hat.
„Ich bin froh, dass Veit und du so gut miteinander auskommt – euch sozusagen wortlos versteht!“, lacht Urs leise, als ein Veit’scher Zufriedenheitslaut aus dem Schlafsack zu hören ist. Obwohl ich weiß, dass Urs sich gerade über mich lustig macht, bin ich sicher, dass zwischen uns jetzt alles gut ist. Besser denn je – vielleicht. Und deshalb werde ich mutig:
„Es war mir auch damals bewusst, dass es unheimlich beschissen war, einfach so zu tun, als sei es keine große Sache, nach Dresden zu gehen und dich nicht miteinzubeziehen. Aber glaub mir, es hatte nichts mit dir zu tun – ich wollte nicht weg von dir!“
“Das weiß ich – auch schon eine ganze Weile”, sagt er leise und fügt hinzu: „Ich kenn dich besser, als dir lieb ist, glaub mir – und jetzt lass uns schlafen“.