9 I Bruderliebe, Quarkauflauf und alte Latschen
9 I Bruderliebe, Quarkauflauf und alte Latschen
Tag zusammen!
Bin zurück von einem Ausflug in die Unerreichbarkeit ;) - und es geht weiter mit Simon und Birger. Wie immer freue ich mich sehr auf die Anregungen in euren Kommentaren!
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
9 I Bruderliebe, Quarkauflauf und alte Latschen
Ob ich Urs in absehbarer Zeit wieder loslassen kann, weiß ich nicht; er allein verhindert in diesem Moment, dass ich zusammenklappe. Er scheint zu fühlen, was ich fühle, denn er hält mich unbeirrt fest – hält mich in seinen kräftigen Armen, lässt mich heulen und murmelt beruhigende, unverständliche Laute, während er seinen Kopf auf meinem ablegt. Er ist ja ne Ecke größer als ich, und deshalb kann ich mein Gesicht in seinen Brustkorb graben und seinen unverwechselbaren Geruch einatmen. Urs‘ Geruch ist mir so vertraut wie für einen Menschen eigentlich nur der Geruch des Geliebten sein kann, der er nicht ist – und vielleicht der Geruch der Mutter. Meine Mutter riecht sauber, frisch, ich weiß nicht einmal, welches Parfum sie benutzt. Urs riecht nach Urs – und beide nach Zuhause.
Zuhause sind für mich Orte, an denen meine Anwesenheit nicht hinterfragt wird, an denen ich nicht Gast bin, sondern einfach dazugehöre. Deshalb sind sie mir so wichtig. Mein von mir selbst kreiertes Zuhause aber steht zurzeit auf schwankenden Bohlen.
Oh Mann!
Das letzte Mal, als ich so heulte, war während Sebastians Erkrankung, als wir nicht wussten, ob er überleben würde. Eine bizarre Zeit war das. Unser eloquenter Vater verstummte und unsere religiös verwurzelte Mutter war vollkommen durch den Wind. Wieder muss ich daran denken, dass Birger als Einziger einen klaren Kopf behielt und meine Mutter einmal sogar ordentlich anfuhr, als sie nicht aufhören konnte zu weinen. Meinen Vater schleppte er regelrecht ans Bett meines künstlich ins Koma versetzten Bruders, damit er dort ausharrte und Sebastian so wissen ließ, dass sein Vater bei ihm war und nicht in absoluter Hilflosigkeit versank.
Und mich hielt Birger einfach die ganze Zeit – wortwörtlich und im übertragenden Sinn.
„Was Sebastian jetzt braucht, ist eure Stärke, damit er sich auf sich auf sich konzentrieren kann!“
Wir alle zuckten zusammen bei Birgers Ausbruch, aber sein Donnerwetter half, Mutter kriegte sich ein und Vater hörte auf rumzutigern, setzte sich an Sebastians Krankenbett, las ihm unermüdlich vor – in der Hoffnung, dass sein „Kleiner“ ihn auch hörte – durch den Nebel der Bewusstlosigkeit hindurch.
Als Sebastian endlich zurückgeholt wurde, weil sein Körper den Kampf gegen die Sepsis, deren Ursache bis heute nicht geklärt ist, zu gewinnen schien, redete auch ich mir die Zunge wund und als er mir irgendwann müde den Kopf zuwandte und heiser krächzte, „kannst du nicht endlich mal die Klappe halten?“, beugte ich mich einfach über ihn und küsste ihn auf die Stirn, er war zu schwach, um sich gegen diese brüderliche Übergriffigkeit zu wehren, aber das war mir egal. Er war wieder da und die Erkenntnis, ihn nicht verloren zu haben, hinterließ in mir ein Gefühl tiefer Demut. Am selben Abend fiel ich erschöpft, aber glücklich ins Bett und krallte mich an Birger fest.
Wenn geliebte Menschen sterbenskrank sind, zeigen sich die verschiedenen Anteile einer Person schonungslos. Nach außen hin Starke, brechen zusammen, Zugewandte wenden sich ab, weil sie den Anblick des leidenden geliebten Menschen nicht ertragen können, andere fallen in ein Koma der Ratlosigkeit und Pragmatiker wie Birger machen das, worin sie gut sind: Sie handeln und tun das Naheliegende.
Sebastian ließ den wochenlangen Krankenhausaufenthalt über sich ergehen, ohne zu klagen und schaffte am Ende das, worauf wir zeitweise nicht mehr zu hoffen wagten. Es geht ihm heute gut, meinem kleinen Bruder, und ich liebe ihn mehr denn je.
Der "kleine Bartels" war immer der Sonnenschein der Familie - mit seinem feinen Humor und der Fähigkeit, die oft so tiefgründigen und schweren Gespräche am Familientisch mit einer spöttischen, aber niemand beleidigenden Bemerkung aufzuhellen. Den ewigen Diskussionen mit meinen Eltern, die sie natürlich immer gewannen, hat er sich viel effizienter entzogen als ich: Er hat sie einfach angelacht, wenn er anderer Meinung war und sie ihn überzeugen wollten. Ich dagegen versuchte, dagegen zu halten, so lange, bis ich aufgeben musste.
„Bruthahn“, nennt er mich heute noch, wenn ich mich verliere in meinem gedanklichen Karussell. Ich muss ihn bald besuchen, beschließe ich, löse mich vorsichtig von Urs, der mir ein Tempo hinhält, schnäuze so dezent wie möglich und beuge mich runter zu Veit, um ihn auf die Arme zu nehmen. Er lässt es sich gefallen, dass ich ihn ein bisschen knuddle, aber nur wenige Minuten, dann fängt er an sich zu winden und will wieder runter. So viel emotionaler Overflow ist ihm dann doch nicht geheuer.
„Geht’s wieder?“, fragt Urs und blickt Veit nach, der sich Richtung Bug verzieht und sich auf der Decke, die Urs dort für ihn hingelegt hat, niederlässt. Tja, emotionaler Stress macht auch kleine Vierbeiner fertig.
Den Rest des Tages verbringen wir überwiegend schweigend, wir müssen beide verdauen, was heute alles hochkochte. Aber das Schweigen fühlt sich nicht schwer oder belastend an, sondern eher wie ein sanftes Murmeln nach einem ordentlichen Seesturm.
Wir kommen kurz vor acht abends zurück und bis wir das Boot versorgt haben und in Ursens Küche sitzen, ist es nach zehn. Ich hab‘ noch nicht die Energie, nach Hause zu gehen und Birgers und meinen Dämonen in die Augen zu sehen.
Veit liegt ausnahmsweise nicht neben Urs auf der Bank, sondern in seinem Hundebett in der Küche und schläft den Schlaf des gerechten Hundes, der zwei Tage lang über sein geliebtes Herrchen und dessen angeschlagenen Freund gewacht hat – und all das an müde machender frischer Bodenseeluft.
„Ich hab‘ mir überlegt, zwei, drei Wochen zu Sebastian zu fahren – wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen“.
„Gute Idee. Ich hab' ihn auch schon ne Ewigkeit nicht mehr gesehen - grüß ihn schön von mir?“.
Urs schaut mich durchdringend an und ringt sichtlich mit sich, ob er etwas hinzufügen soll oder nicht.
„Ich werde vorher mit Birger reden, keine Sorge!“, entlaste ich ihn.
„Gut“ – lobt er mich wie ein Kind, um aber gleich die Stirn zu runzeln, weil sein Telefon läutet.
„Geh‘ ruhig ran, ich sollte ohnehin mal wieder los“, ermuntere ich ihn, aber er lässt es durchläuten.
Wir umarmen uns lange und weil ich nicht möchte, dass er sich allzu viele Gedanken über die hinter uns liegenden Gespräche macht, zieh ich an seinem Bart und sage:
„Ich dank dir, es war ein gutes, wichtiges Wochenende – und das, was du gesagt hast – damit hast Recht, ich hätte mir das von keinem anderen angehört“.
Als Reaktion verzieht er nur in seiner typischen Weise den linken Mundwinkel und vergräbt seine Hände in seinen Hosentaschen.
„Du weißt, wo du mich findest, wenn was ist“.
„Ja, das weiß ich – und nochmals danke!“
Ich drück' ihn nochmals und küss ihn auf die bärtige Wange – mach‘ ich selten, aber heute ist es notwendig.
Birgers Auto ist da – also hat er Wort gehalten. Im Haus ist es schon relativ dunkel, aber die Terrassentür des Wohnzimmers steht offen. Vielleicht ist er am See unten.
Bevor ich ihn suche, stelle ich meine Sachen im Badezimmer ab und mach mich ein bisschen frisch. In den Spiegel sehend, wundere ich mich wirklich nicht, warum Urs die Situation angesprochen hat:
Sogar das Blau meiner Augen, auf das ich normalerweise stolz bin, wirkt blass. Okay, ich gehöre zu den Typen, die nicht wirklich braun werden, obwohl ich dunkle Haare habe und sehr viel Zeit im Freien verbringe – im Gegensatz zu Birger, der schon braun wird, wenn er im März auch nur einmal die Nase in die Luft streckt. Meine Bräune konzentriert sich auf ein paar Sommersprossen im Gesicht und Anhäufungen derselbigen auf den Schultern. Ist auch eigentlich egal, denn an meiner Haut gibt es, seit ich meine Pubertät hinter mir habe, ansonsten nichts zu meckern, außer der ubiquitären Blässe eben. Ich fahre durch meine etwas wirren Haare, die sich noch nie entscheiden konnten, ob sie nun lockig oder nur wellig sein wollen, und suche nach silbernen Spuren meines derzeitigen Stresses. Sie halten sich glücklicherweise noch in Grenzen.
Birger hat auf dem Kopf noch gar keine grauen Haare – nur zwischen seinen Brusthaaren tummeln sich welche und ganz vereinzelt in seinem Bart. Ich mag das.
Ich stöhne leise, denn ich weiß, auch wenn ich mich noch eine Stunde im Spiegel anglotze, wird dies nicht verhindern, dass ich irgendwann rausgehen und Birger gegenübertreten muss.
In der Küche räume ich, ohne groß darüber nachzudenken, das schmutzige Geschirr von Birgers Abendessen in den Geschirrspüler und sehe an der Anzahl der Teller, Gläser und Töpfe, dass er offensichtlich das ganze Wochenende zu Hause war. Essverhalten ist ein ausgesprochen spannender Indikator dafür, was für ein Stressbewältigungstyp man ist. Es gibt ja Stressesser und Stresshungerer, zu den letzten gehöre ich. Für Birger ist Essen dagegen ein Antistressor per se: Zu kochen, das Zubereitete anzurichten und dann in Ruhe zu genießen, erdet ihn. Ich kann nicht verhindern zu lächeln, als ich sehe, dass er sich sogar sein Lieblingsdessert gemacht hat: Quarkauflauf mit Erdbeeren. Und weil ich das auch gerne mag, finde ich eine ordentliche Portion für mich im Kühlschrank. Birger gibt mir heute offensichtlich keine Vorlage zu irgendeiner Enttäuschung.
Ich finde ihn tatsächlich auf der Terrasse hinter dem Haus – in „meinem“ Liegestuhl liegend vor: Er hat „meine“ leichte Decke über sich gebreitet und schläft. Manche Leute finden das merkwürdig oder sentimental, wenn man sich ein Kleidungstück des abwesenden Geliebten überzieht oder sich eben in seine Decke einwickelt, um ihm nahe zu sein. Mich berührt so was – und es geht mir ja auch so, dass ich gerne an Birgers Sachen rieche, an denen sein Geruch haftet. Ist ein Ausdruck von Zugehörigkeit – nichts weiter – und manchmal spricht schlichtweg Sehnsucht daraus…
Meine Kleider passen Birger nicht, aber er hat meine Lederlatschen an, die ich nur zu Hause trage. Ich betrachte ihn und schlucke meine aufsteigenden Tränen runter - tja, er wird es mir nicht leichtmachen, mich von ihm zu trennen, falls ich das überhaupt je kann.
Im Gegensatz zu mir hat Birger einen tiefen Schlaf, wenn er mal schläft, und so hab‘ ich Zeit, ihn zu studieren. Obwohl er ruhig und tief atmet, also friedvoll schlummert, sollte man meinen, kann sein Schlaf die steilen Falten zwischen seinen Brauen nicht wegbügeln. Es sieht aus, als runzle er noch im Schlaf die Stirn.
Als ich sachte seine Schulter berühre, verzieht er sein Gesicht und murrt unwillig – er will noch nicht aufwachen. Und er sieht dabei so unglaublich süß aus, dass ich vor ihm niederknien und ihn fragen könnte, ob wir nicht doch heiraten sollten. Wahrscheinlich würde er auch darauf eingehen, obwohl „marital bliss“ wirklich nie unser Thema war, aber ich weiß einfach, dass das nichts ändern würde, dass wir irgendwann wieder an dem Punkt, an dem wir jetzt sind, ankommen würden. Probleme zu verdrängen und ihre Lösungen zu verschieben, hat noch keine Beziehung gerettet.
Da liegt er, mein Mann, ungeschützt, und so vertraut, so nah, der mich liebt und mir doch nicht treu sein kann.
„Simon…du bist zurück“, räuspert er sich und ich weiß nicht, wie lange ich in meinen Gedanken verloren war.
„Ja“, antworte ich nur und schaue in seine tiefbraunen, warmen Augen.
„Du willst reden“, murmelt er und seine plötzliche Blässe schnürt mir den Hals zu.